Integrationspolitik

Der Buschkowsky von Rotterdam besucht Neukölln

Ahmed Aboutaleb ist der erste muslimische Bürgermeister einer europäischen Großstadt: Rotterdam. Nun ist er in Berlin zu Besuch. Für Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky ist Aboutalebs Integrationspolitik ein Vorbild. Doch der Rotterdamer hat einen Vorteil: Er kann Sätze aussprechen, die Buschkowsky höchstens denken kann.

Foto: Krauthoefer

Die wohlgesetzten Worte unter den schweren Kronleuchtern haben Ahmed Aboutaleb nicht geholfen. „Viele haben auf einem sehr abstrakten Level über Integration geredet“, sagte der in Marokko geborene Niederländer. Die Redner im Roten Rathaus priesen die kulturelle Vielfalt und stellten fest, Integration könne gelingen, wenn die Städte doch nur mehr Geld hätten.

Als der Bürgermeister von Rotterdam kurz darauf von der europäischen Konferenz „Integrated Cities“ für zwei Stunden ins Neuköllner Leben flüchtete, vertrat er eine explizit andere Ansicht. Integration habe mit Sorgen um die Identität zu tun, mit Schmerzen, mit Verlustängsten. Da gehe es nicht nur um Geld und um Jobs. „Kulturelle Unterschiede nur als bereichernd zu sehen, lässt die Gefühle von weiten Teilen der Gesellschaft außer acht“, hatte er die Konferenz gewarnt. Dann sprach er lieber mit echten muslimischen Frauen, kickte er mit kleinen Mädchen auf dem Campus an der Rütli-Schule und schaute ein paar Jungs bei den Mathe-Aufgaben über die Schulter.

Das Gesetz ist "nicht verhandelbar“

Solche Ansprache fällt ihm leicht. Schließlich ist der 48 Jahre alte Ingenieur seit drei Monaten nicht nur das erste muslimische Oberhaupt einer europäischen Großstadt, er hat zudem die Einwanderung am eigenen Leib erlebt. Diese Vita und seine deutliche Sprache machen den Mann aus der Hafenstadt zu einem der gefragtesten Kommunalpolitiker des Kontinents, der am Donnerstag auch von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble empfangen wurde.

Wo andere den Mantel der Harmonie über die Integrationsdebatte breiten, ist Aboutaleb ein Freund der klaren Ansage: Die alteingesessene Bevölkerung muss ihre Sorgen und Nöte äußern dürfen, ohne in die rassistische Ecke geschoben zu werden. Und die Migranten sollen ihre Angst vor Überforderung ausdrücken, ohne gleich mit Abweisung rechnen zu müssen. „Mir sind offene Worte viel lieber als Stimmen im Untergrund“, sagte Aboutaleb. Nur eines müsse klar sein: Recht und Gesetz seien „nicht verhandelbar“.

Aboutaleb wirbt für die westlichen Wert

Für Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) war das Interesse aus Rotterdam an Neuköllns Vorzeigeprojekten Campus Rütli und Stadtteilmütter eine „hohe Ehre“. Vergangenes Jahr hatte er noch vor Aboutalebs Amtsantritt die niederländische Stadt besucht. Mit seinen Anregungen für eine stärker fordernde Integrationspolitik, diesem „Geist von Rotterdam“ war er aber in Berlin vor allem im eigenen politischen Lager auf heftige Widerworte gestoßen. Außerhalb der direkten Wohngebiete von starken Einwanderergruppen sei das Bewusstsein, dass wir „fördernd und fordernd“ auf die Leute zugehen müssten, noch nicht ausreichend vorhanden, folgert der Sozialdemokrat. Bestimmte Dinge, sinniert der Bürgermeister, als er in seinem Rathaus-Foyer ein paar Minuten auf den Gast wartet, dürfte selbst er niemals sagen, und würde das auch nicht tun.

Aboutaleb hatte einmal gepoltert, wer sich mit den Werten des Westens partout nicht anfreunden wolle, könne ja die Koffer packen. Eine Frau, die sich beklagte, keinen Job zu finden, forderte er auf: „Dann nehmen Sie die Burka ab.“ Um so etwas aus Neukölln zu hören, müsse man noch zehn, 15 Jahre warten auf den ersten türkisch- oder arabischstämmigen Bürgermeister. Nur aus seinem Mund würden so klare Worte akzeptiert.

Aus Einwohnern sollen Nachbarn werden

Als Hardliner, als den ihn viele Medien beschrieben haben, sieht sich Aboutaleb aber keineswegs. Sein Ziel ist es, Migranten ebenso wie Alteingesessenen klarzumachen, dass es sich für sie auszahlt, mitzumachen und in die neue Gesellschaft einzusteigen anstatt sich abzugrenzen. Er sieht erste Erfolge.

Neulich habe er junge Einwanderer empfangen, die ihren Universitätsabschluss bestanden hätten, erzählt der Gast im Gespräch mit einer Abordnung der Stadtteilmütter. „Das waren nicht nur zehn oder 20, das waren Hunderte“, sagt er. Die Frauen nicken. Sie kommen aus der Türkei und aus arabischen Ländern. Noch schaffen es etwa aus dem Kiez um die Rütli-Schule kaum Jugendliche auf die Hochschulen.

Sie berichten ihm, wie sie Migrantenfamilien bei der Kindererziehung beraten. Aboutaleb lobt ihre Arbeit überschwänglich. Gerade Mütter müssten in die Lage versetzt werden, ihren Kindern etwas geben zu können. Er weiß, wovon er spricht. Bis er 16 war, lebte er in Marokko. „Meine Mutter hat mit 56 Jahren lesen und schreiben gelernt.“ Heute sei sie stolz auf ihn, den Bürgermeister. Aber noch stolzer sei sie auf seine Schwester. Die ist Ärztin.

Aboutalebs Hintergrund verbietet es, Einwanderer als Opfer zu sehen. Sie hätten oft ungeheure Energie und viele Talente, die es zu nutzen gelte. Auch Barack Obama sei mal wie die Jungs vor der Rütli-Schule mit schmutzigem Hemd durch die Gegend gerannt: „Jedes Mal, wenn ich so einen Jungen sehe, frage ich mich, was sein Talent sein könnte.“

Integration könne nur gelingen, wenn aus „Einwohnern Nachbarn“ würden, wenn sie sich kennenlernen, gemeinsam essen, wenn die Kinder zusammen spielen. Integration beruhe auf Vertrauen. Darum laden in Rotterdam Moscheen Schulkinder ein und zeigen ihnen, dass dort keine Bomben gebaut werden. „Denn das sind Ängste, die viele Alt-Niederländer haben.“