Sozialstrukturatlas

Wo es den Berlinern gut geht und wo nicht

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Stefan Schulz

Die wirtschaftliche und soziale Lage hat sich für viele Menschen in Berlin in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert. Das ist eines der Ergebnisse des neuen Sozialstrukturatlases 2008, den der Senat vorgestellt hat. Vor allem die Bezirke Mitte und Neukölln schneiden schlecht ab, Pankow hingegen boomt.

Die Schere zwischen Arm und Reich wird in Berlin von Jahr zu Jahr größer. Das ist eines der Ergebnisse des Sozialstrukturatlasses 2008, der vom Senat vorgestellt wurde. „Wir mussten dabei feststellen, dass die wohlhabenderen Gegenden besser werden und die ärmeren schlechter“, sagte Referatsleiter Professor Gerhard Meinlschmidt bei der Präsentation.

Nach Ansicht von Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linke) haben sich damit die schlimmsten Erwartungen bestätigt. „Es ist vieles eingetreten, was wir befürchtet haben“, sagte sie. Schuld daran seien auch die Hartz-Gesetze. Die Bezirke mit der schwierigsten Sozialstruktur sind Mitte und Neukölln. Am besten geht es den Menschen in Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf. Den höchsten Sprung nach oben machte im Vergleich zur ersten Studie 2003 Pankow, am weitesten abgerutscht ist Marzahn-Hellersdorf.

Berlin befindet sich, das ist eines der wesentlichen Ergebnisse des vorgestellten Sozialstrukturatlas 2008, weiter auf einem absteigenden Ast. Die Daten in der 539 Seiten umfassenden Statistik stammen aus dem Jahr 2006. Zuletzt war der Sozialstrukturatlas 2003 mit Daten aus den Vorjahren erschienen. In der Statistik ist Berlin mit seinen 3,4 Millionen Einwohnern in 417 Teile untergliedert. Erfasst wurden unter anderem Einkommen, Bildung, Haushaltsstruktur, Gesundheit und Herkunft.

Besonders alte Menschen und Arbeitslose mit Kindern lebten häufig am Rande des Existenzminimums, sagte Sozialsenatorin Knake-Werner. Sie verwies auf die 700.000 Menschen, die in Berlin von Hartz IV leben. Das sind Menschen, die ihre Arbeit verloren haben oder so wenig verdienen, dass sie und ihre Familien vom Arbeitseinkommen nicht leben können. Und hinzu kommen noch Berliner, die aus unterschiedlichen Gründen erwerbsunfähig sind, wie zum Beispiel Rentner und Flüchtlinge. In diesen Familien leben insgesamt rund 179.000 Kinder.

In manchen Bezirken wie Mitte, Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg liegt der Anteil der unter 15-Jährigen, die von Hartz IV leben, bei mehr als 70 Prozent. Meinlschmidt nannte unter anderen die Kieze am Wassertorplatz, am Askanischen, Mehring-, Oranien- und Moritzplatz in Kreuzberg, das Rollbergviertel und die Silbersteinstraße in Neukölln. Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) nannte die Entwicklung in diesen Gebieten „besorgniserregend“. Es gibt aber auch positive Zeichen. So haben sich die Gebiete Stülerstraße in Tiergarten, Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg und Viktoriapark in Kreuzberg besser entwickelt.

Armut trifft jetzt auch Außenbezirke

Der Sozialstrukturatlas zeigt auch: Die Armut betrifft längst nicht mehr allein die Innenstadtbezirke Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte sowie das Rollbergviertel in Neukölln, den Kiez mit dem schlechtesten Sozialindex. Dort leben berlinweit die meisten Empfänger von Arbeitslosengeld II, die meisten Kinder unter sechs Jahren und die wenigsten Sozialversicherten.

Zu den ebenso stark betroffenen Gebieten, in denen mehr als 70 Prozent der Kinder von Hartz IV leben, zählen inzwischen auch die Außenbezirke Spandau und Marzahn-Hellersdorf: Eiswerder und Maulbeerallee in Spandau sowie Helle Mitte, Alte Hellersdorfer Straße und Boulevard Kastanienallee in Marzahn-Hellersdorf.

Der östlichste Bezirk ist der Verlierer der Studie. Marzahn-Hellersdorf sei der Bezirk, in dem bei einer lange Zeit hohen Beschäftigungsquote im berlinweiten Vergleich die meisten Menschen ihren Arbeitsplatz verloren hätten. Dementsprechend sanken die Einkommen. Nach Ansicht von Meinlschmidt zeigt sich gerade an Marzahn-Hellersdorf, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet.

Ausländeranteil deutlich in Bezug zur sozialen Entwicklung

Dort, wo die Wohngegend gut ist, entwickelt diese sich auch weiterhin gut. Wo die soziale Lage ohnehin prekär ist, wird die Situation noch schwieriger. Das zeigt ein Blick auf die nach dem Sozialindex zehn besten und zehn schlechtesten Wohnviertel. Auf den ersten vier Plätzen liegen mit Krumme Lanke, Dahlem und Thielallee drei Quartiere in Steglitz-Zehlendorf (dazwischen liegt noch der Messelpark in Charlottenburg-Wilmersdorf), am Ende aber finden sich die ohnehin schwer benachteiligten Viertel in Mitte und Neukölln: Humboldthain, Soldiner und Reinickendorfer Straße, Treptower Straße Nord und Rollberg.

Die weiteren Zahlen aus dem Sozialstrukturatlas geben auch nicht viel Anlass zum Optimismus. So steht der Ausländeranteil auffällig deutlich in Bezug zur sozialen Entwicklung: Die meisten Ausländer oder Menschen mit ausländischer Herkunft leben danach in Mitte (45 Prozent). In der Gegend Reinickendorfer Straße in Wedding sind es sogar 67 Prozent. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit ausländischer Herkunft liegt in Berlin bei 42 Prozent, im Bereich Donaustraße in Neukölln bei 87 Prozent.

Große Unterschiede bei Gesundheit

Nur fünf Prozent der Berliner haben überhaupt keinen Schulabschluss. Unter den ausländischen Einwohnern liegt der Anteil mit 19 Prozent fast viermal so hoch. 22 Prozent der Berliner haben keinen Berufsabschluss, bei den Menschen mit ausländischer Herkunft sind es in diesem Bereich 48 Prozent.

Große Unterschiede zwischen den Bezirken gibt es auch bei der Gesundheit. Früher als normal (bis 64 Jahre) sterben in Friedrichshain-Kreuzberg 348 von 100.000 Männern. In Steglitz-Zehlendorf sind es nur 210. In Neukölln erkrankten 506 von 100.000 Männern im Berichtszeitraum (2003–2005) neu an Krebs. In Charlottenburg-Wilmersdorf waren es 439.

Die meisten männlichen Raucher leben im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg (46 Prozent), die wenigsten im Bezirk Steglitz-Zehlendorf (31 Prozent). Rauchen hängt laut dem Sozialstrukturatlas „stark mit dem Einkommens- und Bildungsniveau“ zusammen.

Konsequenzen aus dem Datenmaterial

Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) und ihre Kollegin Knake-Werner riefen dazu auf, die Armutsbekämpfung als oberstes Ziel anzusehen. „Die negativen Auswirkungen der Bundesgesetze spüren wir in Berlin in besonderer Weise.“ Hartz IV und die Gesundheitsreform hätten viele Menschen an den Rand der Existenz gebracht. „Das spüren wir durch das Anwachsen der Mini-Jobs und des durchschnittlichen Einkommens von 900 Euro netto im Monat“, sagte die Sozialsenatorin.

Als weiteres Problem nannte sie die Altersarmut. Immer mehr Menschen können nicht mehr von ihrer Rente leben. Der Anteil steige jährlich. Im Jahr 2007 mussten fast 30.000 Menschen über 65 eine Leistung zur Grundsicherung erhalten. Insgesamt beliefen sich die Kosten des Landes Berlin in dem Bereich 2007 auf 256 Millionen Euro. Damit gab der Senat 14,4 Prozent mehr aus als noch ein Jahr zuvor. Angesichts der sozialen Entwicklung ist davon auszugehen, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. „Wir müssen gegen diese weitere Polarisierung vorgehen. Wir wollen eine Stadt für alle schaffen“, sagte Knake-Werner.

Deswegen werde der Senat weiter vor allem zwei Aufgaben als vorrangig angehen: Die Landesregierung müsse dafür sorgen, dass die Menschen in dieser Stadt von ihrem eigenen Einkommen leben können. Und zweitens müsse man versuchen, Menschen, die ohnehin wenig verdienen, nicht auch noch gesellschaftspolitisch auszugrenzen.

Kritik von der Opposition

Knake-Werner nannte dazu das Vorgehen bei der Ausführungsvorschrift Wohnen, um massenhafte Umzüge zu verhindern, und die Einführung des Berlin-Passes. Mit Letzterem „haben auch Menschen mit geringem Einkommen einen Zugang zu Kultur, Freizeit und Sport“.

Kritik kam umgehend von der Opposition bei Grünen und CDU. Gregor Hoffmann, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, sagte, der Bericht zeige vor allem, dass sich die Innenstadtbezirke verschlechtern. „Grund dafür ist, dass neben der mangelnden wirtschaftlichen Entwicklung, die Rot-Rot mit seiner wirtschaftsfeindlichen Politik zu verantworten hat, eine aktuelle Sozialplanung und eine klare Steuerung der sozialen Infrastruktur seit Langem fehlen.“ Auch die Grünen-Politikerin Jasenka Villbrandt schloss sich an und forderte einen „regelmäßigen Armuts- und Reichtumsbericht“ – nicht nur alle fünf Jahre. Villbrandt: „Bis heute fehlen politische Antworten auf die vielen als sozial problematisch eingestuften Daten.“