Trainingsprogramm

Wikipedia warnt Berliner Schüler vor Wikipedia

Auf der Internet-Konferenz Re:publica räumte Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales Qualitätsmängel des Online-Lexikons ein. Und Wikipedia geht in der Praxis noch weiter. Mitarbeiter zeigen an Berliner Schulen, warum und wo die Internet-Enzyklopädie Fehler hat.

Der Mann hinter einer der beliebtesten Internetseiten des Planeten trägt zum schwarzen Pullover ein schwarzes Notebook auf die Bühne des Friedrichstadtpalasts und grüßt freundlich. Jimmy Wales, Gründer der Online-Enzyklopädie Wikipedia, erklärt dem Publikum der Internet-Konferenz Re:publica, was Wikipedia kann und was nicht. Da war Berlin genau der richtige Ort. In der Hauptstadt versucht Wikipedia mit einem speziellen Schulprogramm, jungen Internetnutzern klar zu machen: Es ist weder kreativ noch klug, etwa für Referate Absätze oder ganze Texte aus Wikipedia herauszukopieren. Denn Wikipedia hat Macken.

Schüler, sagte Wales bei der Re:publica, „nutzen Wikipedia – ob es den Lehrern passt oder nicht“. Das betrifft vor allem Deutschland – hier ist Wikipedia besonders groß und besonders beliebt. Die Zahl der deutschsprachigen Artikel wird in nächster Zeit die Millionen-Marke übersteigen. Übertroffen wird der Umfang deutscher Artikel bei Wikipedia nur von denen auf Englisch. Mehr als 300 Millionen Nutzer besuchen Wikipedia monatlich und rufen frei zugängliche Artikel ab, die rund 100000 Freiwillige dort schreiben, korrigieren, ergänzen.

„Die Qualität aber müsse verbessert werden“, sagt Wales. Zwar sei die deutsche Wikipedia möglicherweise besser als die englischsprachige, weil man hierzulande mehr auf die Qualität der Inhalte achte. Doch da müsse Wikipedia noch mehr tun.

Dennis Barthel ist derjenige, der vor den Macken warnt – in Berliner Schulen. Barthel ist Projektmanager bei Wikimedia: Die Wikimedia-Stiftung, von Wales gegründet und über Spenden finanziert, betreibt Wikipedia. In Berlin sitzt die Deutschland-Zentrale. Hier hat Barthel ein Programm entwickelt, das Schülern und Lehrern die angemessene Verwendung von Wikipedia beibringen soll.

Schüler sollen Beiträge kritisch prüfen

Fünf Tests gab es bislang, drei davon an Berliner Schulen, auch an der Carl-Ossietzky-Oberschule in Kreuzberg. Anna-Maria Naumann, Oberstufenleiterin der Gesamtschule am Südstern, stand dem Angebot zunächst kritisch gegenüber: „Man muss sich überlegen, welchem Anbieter man Zutritt zur Schule gewährt.“ Doch Wikipedia will mit dem Projekt keine Werbung machen, sagt Denis Barthel. Vielmehr warnt er die Schüler vor allzu leichtsinnigen Umgang mit den Informationen aus dem Internetportal. „Viele wissen nicht, dass nicht jede Information in Wikipedia einen wissenschaftlichen Hintergrund hat“, sagt Barthel.

21 Schülern aus der 10. Klasse der Carl-Ossietzky-Oberschule hat Barthel erklärt, wie Wikipedia funktioniert. Dass Artikel langsam, über Jahre hinweg wachsen und jeder dazuschreiben kann, was er weiß – und was er will. „Wir haben gemeinsam Einträge auf Sachlichkeit, Vollständigkeit und Quellenangaben untersucht.“ Würde der Artikel auf die Umfrage einer Frauenzeitschrift verweisen, sei dies weniger glaubwürdig als der Link zu einer Reportage in einem Wissenschaftsmagazin. Sind Beiträge fehlerhaft, werde das nicht immer sofort entdeckt. Anna-Maria Naumann ergänzt: „Deutlichere Warnungen bei nicht nachgeprüften Fakten fehlen.“

Internet ist erste Nachschlage-Adresse

Das Schulprogramm von Wikipedia ist auch ein Zeichen der Zeit. Früher, sagt Barthel, haben sich Schüler mit Büchern auf Referate vorbereitet. „Wer gut sein wollte, ging in die Stadtbibliothek und arbeitete dort drei Bücher durch.“ Die Informationsquellen waren übersichtlich – im Gegensatz zu heute. Da liegen die Nachschlagewerke in großer Zahl gleich hinter dem Internetanschluss. „Wer bei Google einen Suchbegriff eingibt, ertrinkt in Treffern.“ Die Schüler wüssten häufig nicht, wie sie mit der Flut umgehen sollten und greifen auf das zurück, was ihnen seriös erscheint. „Das ist oft Wikipedia.“

Anna-Maria Naumann ist überzeugt, dass der Computer im Leben ihrer Schüler eine zentrale Rolle spielt. „Das Lexikon wird kaum noch verwendet, selbst wenn wir die Schüler dazu anhalten.“ Die Carl-Ossietzky-Oberschule hat eine eigene Mediothek mit Büchern, Zeitschriften, CDs und Spielen, die täglich geöffnet ist. Dorthin schickt die Lehrerin ihre Schüler, wenn die etwas nicht wissen. „Doch zu Hause können wir das nicht beeinflussen, da informieren sich die Eltern häufig selbst über das Internet.“ Allerdings nutzt Naumann Wikipedia selbst auch – für „Einstiegsinformationen“ in ein Thema. Das ist der Trend, sagt Denis Barthel: Wikipedia steht am Beginn, dann nimmt sich Oberstufenleiterin Naumann die dort genannten wissenschaftlichen Quellen vor. „Es geht einfach schneller, als im Brockhaus nachzuschlagen.“ Schülern aber, meint die Pädagogin, fehlen akademisches Rüstzeug und auch Lebenserfahrung, um letztlich beurteilen zu können, wie seriös eine Quelle ist.

Obwohl Lehrer selbst Wikipedia nutzen, ist die Medienpädagogik noch nicht so weit, dass sie neben dem Verbot der Nutzung von Wikipedia als Quelle von Schülerarbeiten auch eine angemessene Verwendung vermitteln kann. „Lehrer sind meist selbst hilflos und haben viele Fragen an mich“, meint Barthel.

Barthels ist klar: Das Wikipedia-Schulprogramm wird nicht verhindern, dass Schüler aus Wikipedia abschreiben. „Abgeschrieben haben Schüler auch schon vor dem Internet-Boom“, sagt Barthel. Der Internet-Boom wiederum hat immerhin dazu geführt, dass das Abschreiben viel leichter nachzuweisen ist: Lehrer können eine Textpassage beispielsweise aus einem Schüler-Referat einfach bei Google abfragen. Kommt das, was der Schüler vorgelegt hat, ganz oder in Teilen von Wikipedia, dann findet die Suchmaschine das in weniger als einer Sekunde heraus.

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