Internet-Konferenz

Was die Blogger zur Re:publica meinen

Auf der Re:publica mischen sich alle ein, für alle sichtbar – das ist durchaus gewollt. Inzwischen diskutieren die Teilnehmer der Internet-Konferenz aber, ob es nicht des Guten zu viel ist, wenn Referenten elektronisch angeranzt werden.

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Do, 02.04.2009, 10.20 Uhr

Re:publica tagt in Berlin

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Man hat es nicht leicht als Popstar, gerade auf der Re:publica. Das Hamburger Hiphop-Trio "Fettes Brot" legte bei der Eröffnungsparty Musik auf und bekam dafür gleich die Quittung – per Twitter. Das gehört dazu: Für Nutzer des Mikroblogging-Dienstes haben die Re:publica-Macher eine spezielle Kennung empfohlen. Wer seine maximal 140 Zeichen langen Kommentare mit der Zeichenfolge "#rp09" versieht, schwimmt mit im Twitter-Strom der Internet-Konferenz. Schnell und direkt kommen die Reaktionen auf das, was die Re:publica in diesem Jahr zu bieten hat, zu sehen für jeden, der bei Twitter angemeldet ist und der im Suchfeld "#rp09" eingibt oder bei Hashtags.org nachsieht, dem Verzeichnis für eben diese Kennungen, genannt Hashtag. Und die Reaktionen sind mitunter nicht freundlich oder irgendwie subtil. Und so fragen sich Teilnehmer: Ist das gut? Oder ist die Re:publica inzwischen so groß geworden, dass es so ganz frank und frei nicht mehr funktioniert?

Was "Fettes Brot" betrifft, hat MatzeLoCal (Matthias Schonder) hat die Diskjockey-Leistung der Hamburger nicht gefallen: "Ich möchte weinen", teilte er noch am Abend aus der Kalkscheune mit. Smartens83 (Stefan Martens) fand das, was er am dort zu hören bekam, "größtenteils ziemlich schlechte Mucke ;)". Shopping2null (Stefan Wolk) twitterte "laden gerade per iTunes Songs für Fettes Brot runter.. deren iPod ist leer :)"; ingodibella (Ingo Di Bella) regt sich auf: "Fettes Brot legt auf wie lahme Rentner." Maxheadroom (Falko Zurell) formulierte es etwas milder: "Fettes Brot war heute wohl ohne Butter die Fische. Aber hat trotzdem Spaß gemacht."

Die Kommentare betreffen alles und jeden auf der Re:publica. Die Stühle in der Kalkscheune ("unbequem"), das Essen ("Die Thunfisch-Pasta ist ganz ok"). Ist ein Vortrag langweilig, wird mitunter geschimpft. Ist ein Vortrag gut, gibt es Lob. Wie für die Präsentation des Stanford-Professors Lawrence Lessig am Donnerstag: " eindrücklicher Vortrag", " definitiv das Highlight bisher", "Lessig rockt", " Muss dringend mal sein neues Buch lesen... ", "Wow. Die erste Veranstaltung, bei der ich nicht einmal zum iPhone gegriffen habe. Hut ab, Lawrence Lessig, super Präsentation!"

Was da bei Twitter zur Re:publica angemerkt wird, kann man mitunter auch im Großformat noch während der Vorträge beobachten, auf der "Twitterwall". Im Friedrichstadtpalast projiziert ein Beamer Twitter-Kommentare und SMS-Beiträge auf die Leinwand. Alles flimmert sofort, in bunte Grafik-Blasen eingesetzt, im Raum - im Rücken derer, die auf der Bühne stehen. Was das Publikum teils diebisch freut. Bei der Diskussionsrunde "Die Medienwelt im Wandel" beschwerte sich Helmut Lehnert, Leiter des Programmbereichs Film und Unterhaltung beim RBB, dass die Kommentare hinter ihm erscheinen, wo er sie gar nicht sehen kann. Reaktion auf der Twitterwall: "Heul doch."

Nun fragt sich aber mancher (auch bei Twitter), ob es irgendwie nützlich sein könnte, dass Referenten elektronisch angeranzt werden. Und ob die Re:publica eine spezielle Etikette braucht. Jeder darf und fast jeder kann auf der Re:publica - das ist das Prinzip. Ob das ein gutes Prinzip ist, auch darüber gehen die Meinungen auseinander, wobei die Kritiker derzeit in der Mehrheit zu sein scheinen. "Twitterwall auf Konferenzen braucht einen Moderator, sonst verkommt sie zur Klowand und ist unfair den Vortragenden gegenüber", twittert svenwiesner (Sven Wiesner); "Twitterwall kann nach hinten losgehen. Referenten können verärgert werden", meint schundroman (Alexander Broy). Zellmi (Matthias Zellmer) fragt: "Warum steigert so eine Twitterwall die Banalitätsquote bei den Tweets exorbitant?"

Vorerst ist die Twitterwall bei der Re:publica 09 außer Gefecht, es gab technische Probleme. Was eines der großen Themen ist, die sich auf der Twitterwall finden würden, funktionierte sie denn. Auch am zweiten Tag gab es im Friedrichstadtpalast keinen und an den anderen Austragungsorten der Re:publica nur eingeschränkten Netzzugang. Konferenzorganisator Markus Beckedahl sagte, man habe Hardware im Wert eines Kleinwagens gekauft, doch die mitgelieferte Software sei fehlerhaft gewesen. Zudem mache der Friedrichstadtpalast wegen seiner speziellen Bauform den Drahtlos-Netzzugang schwierig. Sheephunter (Jannis Kucharz) twittert: "Hm, also Wlan würde ich das noch nicht nennen, was ich jetzt hier habe. Stottert etwas. Also eher W-w-w-w-w-Lahm." Mediensache (Damian Rohnstock): "Mann, das Wlan nervt. Hätte ich mir mal 'ne Handy-Internet-Flat geholt." Und meta_blum (Sabria David) gibt's auf: "OK. Keine Aprilscherze über Wlan mehr."

Denis Morhardt, Webdesigner aus Niedersachsen, hat einen Dienst für Twitterwalls ( www.twitterwallr.com ) und dokumentiert das Twitter-Rauschen zur Re:publica auf einer eigenen Seite: http://rp09.twitterwallr.com . Morhardt hat twitterwallr.com zunächst "nur als Gimmick" programmiert und bietet sie für so genannte Barcamps an, Blogger-Stammtische. Inzwischen hat er weitere Abnehmer: Die SPD Baden-Württemberg setzt Morhardts Twitterwall-Service ein.

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