Blogger-Konferenz

Re:publica - Das deutsche Internet und seine Macken

Bis zu 1600 Teilnehmer aus 30 Ländern zieht es in diesen Tagen in den Friedrichstadtpalast: In Berlin hat die Internet-Konferenz Re:publica begonnen. Doch zum Start wurde erst einmal das Internet ausgesperrt - und das gleich mehrfach.

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Do, 02.04.2009, 10.20 Uhr

Re:publica tagt in Berlin

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Zwei digitale Projektoren, groß wie Hundehütten für Rauhaardackel, sind im Zuschauerraum des Friedrichstadtpalastes in Reihe 16 bis 18 aufgebaut. Der eine Beamer projiziert das Logo der Internet-Konferenz Re:publica auf die Leinwand, die über der Bühne des Revuetheaters hängt. Der andere zeigt, gewaltig vergrößert, ein Textverarbeitungs-Dokument: "WLAN kommt bald" steht da in meterhohen Buchstaben. Das fängt ja gut an: Die Re:publica beginnt ohne Internetanschluss. Es dauert etwas, bis die drahtlose Netzverbindung repariert ist, um dann wieder mehrfach auszufallen.

Im Foyer des Friedrichstadtpalastes steht man derweil noch Schlange und wartet darauf, die Eintrittskarte ausgehändigt zu bekommen. Die dritte Re:publica - seit 2007 gibt es die Konferenz - hat fast doppelt so viele Teilnehmer angezogen wie die Veranstaltung vom Vorjahr. Darum der Umzug in den Friedrichstadtpalast - die Kalkscheune, die in diesem Jahr auch bespielt wird, war zu klein geworden. Bis zu 1600 Teilnehmer und Gäste aus knapp 30 Ländern werden zur Re:publica 2009 erwartet.

Wer hier dabei ist, ist zumeist multimedial ausgerüstet: Laptop, Kamera und/oder Videokamera - die Internetkonferenz ist der wohl bestdokumentierte Medienkongress im ganzen Land. Im Publikum leuchten die Computerbildschirme: Noch während Re:publica-Macher Johnny Haeusler seine Eröffnungsrede hält, werden bei Twitter, in Blogs und über andere soziale Medien erste Meldungen abgesetzt. Hier wird sichtbar, wie das ist, wenn "alle Presse sind", wie es in den Akkreditierungsinformationen für Journalisten heißt.

Haeusler spricht zum Start der Re:publica über das Konferenzmotto "Shift happens", etwa: Es verändert sich etwas. Die Veranstaltung, sagt Haeusler, sei kein Nischenprogramm mehr, weil soziale Medien in der Gesellschaft angekommen sein und inzwischen zum Mainstream gehören. Und weil vor diesem Hintergrund über die Zukunft dieser Gesellschaft nachgedacht werden müsse. "Darum gibt es die Re:publica", sagt Haeusler.

Haeusler hat sich, unter anderem, Gedanken über sich selbst gemacht. Er, Jahrgang 1964, gehöre zu der ersten Generation, die sowohl analoge wie auch digitale Technik genutzt und erlebt hat. Haueslers Vater "speicherte Musik auf einem Tonband", Hauesler selbst steuert die Präsentation zur Eröffnungsrede mit dem iPhone. Man müsse doch überlegen, sagt Haeusler, wie das in einigen Jahrzehnten sein werde, wenn er selbst im Rentenalter ist: Werden alte Menschen dann noch immer Facebook oder Twitter nutzen - weil sie das gelernt und sich daran gewöhnt haben, so mit Verwandten, Freunden, Bekannten in Kontakt zu bleiben? Und wächst nicht eine Generation heran, für die der Umgang mit Internet und sozialen Medien völlig selbstverständlich ist - und die man vielleicht "Screenager" nennen müsste?

Schon am ersten Tag zeigt sich, dass das Thema der Re:publica 2009 nicht zuletzt der Generationenwechsel ist: Zwar sitzen auf dem Podium bekannte Alpha-Blogger wie Re:publica-Macher Markus Beckedahl ( netzpolitik.org ), Robert Basic (der früher mit basicthinking.de Deutschlands einflussreichsten Blog betrieb und ihn dann bei Ebay verkaufte), Stefan Niggemeier ( stefan-niggemeier.de ) und Thomas Knüwer ( handelsblatt.com/indiskretion ). Die etablierten Blogs aber haben Konkurrenz bekommen. Von außen wurden vor allem politische und journalistische Blogs sehr stark wahrgenommen und beachtet – vor allem von den etablierten Medien, mit denen man sich gut und gern beharkte. Inzwischen aber ist die Veränderung offenbar schon weiter vorangeschritten. Und das zeigt John Kelly.

Der US-Amerikaner ist Blogforscher. Sein Unternehmen Morningside Analytics produziert dreidimensionale, bunte Computermodelle von Blogosphären einzelner Länder. Diese mathematisch erzeugten Blog-Universen zeigen, welche Themen in welchen Regionen wie stark interessieren und auch, wie stark bestimmte Blogs vernetzt sind. Die deutsche Blogosphäre stellt sich nach der Kelly-Methode so dar, dass Politik und Nachrichten durchaus ein wesentlicher Bestandteil sind. Aber es gibt auch andere Themen, die womöglich mindestens ebenso wichtig seien: Kochen, Kinder und Familie, Hobbys, Heimwerken.

Von denen, die solche Blogs betreiben und damit, laut Kelly, durchaus relevant für die Nutzer von sozialen Medien in Deutschland sind, sitzt bei der Diskussion am Mittag niemand auf der Bühne. Aber fünf Herren (Knüwer, Niggemeier, Basic, Beckedahl und Sascha Pallenberg, der Macher von eeepcnews.de ) sprechen über das deutsche Blogwesen. Es kommt die Frage auf, ob die, die da sitzen, nicht "die Kleinen" seien "mit den großen Egos". Was die Egos betrifft, wird das bejaht. Und dass man ja durchaus auch "ein paar Weinblogger" hätte einladen können, was aber vielleicht zu speziell geworden wäre. Wenn das mal nicht ein Irrtum ist.

Innerhalb von zwei Jahren hat das soziale Netzwerk Facebook gebraucht, um die 50-Millionen-Nutzer-Marke zu knacken. Wer Facebook nutzt, der kann auch Bloggen, ohne Blog. Bei Twitter ist es ähnlich: Fünf Minuten, und man ist Mikroblogger. Es tut sich was, auf andere Weise als bisher und von anderen als bisher betrieben.

Die Re:Publica thematisiert den Generationenwechsel in der Nutzung und bei den Themen der sozialen Medien durchaus. Bei der Diskussion "Aufgewachsen mit dem Netz" (Donnerstag, 15 Uhr, Kalkscheune) geht es um die Frage, wie junge Menschen das Internet erleben. Und dann gibt es noch "Wenn Frauen bloggen" (Freitag, 15 Uhr, Kalkscheune). Untertitel: "Warum Babykotze genauso relevant ist wie das iPhone."

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