Joachim Bovelet

Vivantes kann nicht ohne Auguste-Viktoria-Klinikum

Vivantes-Chef Joachim Bovelet kann sich mit einem Umzug des Auguste-Viktoria-Klinikum anfreunden. Nur aufgeben könne Berlin das Krankenhaus gar nicht, sagt er. Dennoch gibt es ein entsprechendes Rechenmodell. Tanja Kotlorz sprach mit dem Chef des kommunalen Klinikkonzerns hierüber.

Foto: Michael Brunner

Die Berliner Kliniklandschaft im Südwesten soll reformiert werden. Weil die landeseigenen Klinikkonzerne Vivantes und Charité gemeinsam einen Investitionsbedarf von mehr als einer Milliarde Euro bei Berlins Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) angemeldet haben, Berlin dieses Geld aber nicht hat, sucht der Senat nach günstigen Synergien und Alternativen. Ein Klinik-Gutachten hatte nun unter anderem zwei Modelle kalkuliert: Die ersatzlose Aufgabe des Schöneberger Auguste-Viktoria-Klinikums (AVK) des Vivantes-Konzerns sowie die Verlagerung des AVK in das Steglitzer Benjamin Franklin Klinikums der Charité.

Finanzsenator Nußbaum plädiert inzwischen für eine Verlagerung des AVK in das Benjamin Franklin. Das Land könne dadurch etwa 80 Millionen Euro sparen. Denn soviel müsste eigentlich in das AVK gesteckt werden. Bei einer Aufgabe des Hauses wären diese Investitionen nicht mehr nötig. Im Senat hat Nußbaum bisher keine Mehrheit dafür: Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) und Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) scheinen eher am Status quo festhalten zu wollen. Vivantes-Manager Joachim Bovelet (53) hingegen kann sich mit einer Verlagerung des Auguste-Viktoria-Klinikums anfreunden.

Morgenpost Online: Wird das Auguste-Viktoria-Klinikum des Vivantes-Konzerns in Schöneberg bald geschlossen?

Joachim Bovelet: Nein, so schnell geht das nicht. Selbst wenn der Eigentümer des Klinikkonzerns Vivantes, das Land Berlin, eine solche Schließung entscheiden sollte, dann dauert es Jahre, um eine Klinik zu verlagern. Ein Beispiel: Das Vivantes-Krankenhaus Prenzlauer Berg wird mit unserem Klinikum im Friedrichshain fusionieren. Das haben wir 2008 beschlossen, der Prozess soll 2011 abgeschlossen sein. Beim Auguste-Viktoria-Klinikum gehe ich sogar von einem noch erheblich größeren Zeitraum aus.

Morgenpost Online: Sie und die Charité hatten das Klinikgutachten in Auftrag gegeben. Eigentlich wussten Sie, dass die Expertise zu einer Schließung des AVK rät, oder?

Bovelet: Ich bin enttäuscht, dass so etwas so nach außen gelangt ist. Das Klinikgutachten wurde von Vivantes und der Charité in Auftrag gegeben und es wurde zunächst Stillschweigen vereinbart. Nun sind einzelne Informationen nach außen gedrungen, die für viel Verunsicherung sorgen.

Morgenpost Online: Wie würden Sie die Stimmung im AVK beschreiben?

Bovelet: Es herrscht eine sehr große Unsicherheit bei den knapp 1000 Klinik-Mitarbeitern in Schöneberg. Ich bin gleich nachdem die Zeitungen über das Klinikgutachten und das drohende Aus für das AVK berichtet haben in die Klinik gefahren und habe mit den Mitarbeitern gesprochen. Alle sind sehr verunsichert. Die Presseberichte haben sehr negative Auswirkungen gehabt: Patienten kommen nicht mehr in die Klinik, weil sie glauben, das Haus würde geschlossen. Bewerber sagen kurzfristig ab, weil sie nicht wissen, wie lange es die Klinik noch gibt. Jeder denkt, sein Job stünde auf der Kippe. Wir als Konzern werden dem entgegensteuern. Die Berichterstattung hat dem AVK wirtschaftlich geschadet.

Morgenpost Online: Wie ist der Investitionsbedarf der Klinik und welche Bereiche sind Ihrer Meinung nach unverzichtbar?

Bovelet: Das AVK braucht etwa 60 bis 80 Millionen Euro. Investiert werden muss in die OP-Säle, in die Intensivstationen, aber auch in die Betten-Abteilungen. Kein Bereich ist verzichtbar! Die internistische Abteilung ist ebenso wichtig wie die HIV-Ambulanz, die jetzt ihr 25-jähriges Bestehen feiert.

Morgenpost Online: Was würde geschehen, wenn der Eigentümer, das Land Berlin, wirklich die Schließung des AVK bestimmen würde?

Bovelet: Vivantes schreibt seit sechs Jahren positive Zahlen. Daran hat das AVK als profitables Krankenhaus einen hohen Anteil. Das AVK ist ein wichtiger Bestandteil für Vivantes. Würde das AVK ersatzlos geschlossen, stünde Vivantes am Rand des Ruins. Ohne Kompensation können wir nicht auf das AVK verzichten.

Morgenpost Online: Finanzsenator Ulrich Nußbaum schwebt eine Verlagerung des AVK ins Benjamin Franklin vor. Die Klinik würde dann von Vivantes und der Charité betrieben. Der AVK-Standort würde geschlossen. Ist das für Sie vorstellbar?

Bovelet: Ein solches Modell ist denkbar. Aber es ist auch nur eine mögliche von verschiedenen denkbaren Varianten. Nur eine Aufgabe des AVK geht nicht. Berlin braucht die 639 Betten der Klinik zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung. Würde das AVK ersatzlos aufgegeben, dann könnte ein privater Klinikbetreiber sofort Klinikbetten beim Senat anmelden. Das Land müsste diese genehmigen und würde überhaupt nicht sparen.