Internet-Konferenz

Re:publica - "Aus dem Hobby-Status sind wir raus"

Mittwoch beginnt im Berliner Friedrichstadtpalast die Blogger- und Internet-Konferenz Re:publica - 1600 Teilnehmer werden erwartet. Im Interview mit Morgenpost Online äußern sich die Re:publica-Macher Markus Beckedahl und Johnny Haeusler zum Aufschwung sozialer Medien in Deutschland, zur Konkurrenz mit etablierten Medien und über den Zusammenhang zwischen Bloggen und Frisuren.

Morgenpost Online: Herr Beckedahl, Herr Häusler, Sie sind im Stress. Mittwoch beginnt die Re:publica 2009. Was wird an der diesjährigen Konferenz besser als an der von 2008?

Markus Beckedahl: Die Re:publica'08 kam wie die erste Veranstaltung beim Publikum sehr gut an. Wir bemühen uns trotzdem, bei jeder Konferenz noch besser zu werden. Dieses Jahr haben wir ein noch größeres Themenspektrum, mehr international renommierte Vordenker als Gäste und zudem mit dem Friedrichstadtpalast als Location mehr Platz.

Johnny Haeusler: Ich denke, dass uns die ersten beiden Re:publica-Jahre einen guten Ruf verschafft haben, der es uns in diesem Jahr möglich machte, internationaler zu werden. Gäste aus dem mittleren Osten und den USA machen die Re:publica'09 noch einmal spannender.

Morgenpost Online: Die Veranstaltung ist ausverkauft. Was sind das für Leute, die die Re:publica besuchen? Wen sprechen Sie mit der Konferenz an?

Beckedahl: Ein klares Profil gibt es wahrscheinlich nicht für alle Besucher. Vereinend dürfte es sein, den Medienwandel zu diskutieren, ohne Kultur-Untergangsstimmungen zu verbreiten. Auch nutzen wahrscheinlich die meisten Teilnehmer selbst soziale Medien und freuen sich darauf, sich auf der Re:publica mit anderen darüber austauschen zu können.

Haeusler: Wir sehen die Re:publica als eine Konferenz von aktiven Netznutzern für aktive Netznutzer. Sie setzt sich somit klar von reinen Business-Konferenzen ab.

Morgenpost Online: Wie kam es überhaupt zu der Idee, die Re:publica auf die Beine zu stellen?

Beckedahl: Wir wollten eine Konferenz, die uns gefällt und wo die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen der Digitalisierung von denen diskutiert werden, die diese aktiv mitgestalten. Das ist die Re:publica geworden. Und damit ist sie einzigartig im deutschsprachigen Raum.

Haeusler: Die Idee eines "Gatherings" der Netzaktivisten – im Gegensatz zu einer Business-Konferenz – im deutschsprachigen Raum lag auf der Hand und sowohl New Thinking als auch Spreeblick hatten Erfahrungen mit Live-Veranstaltungen. Also taten wir uns für diesen größeren Rahmen zusammen.

Morgenpost Online: Was von der ursprünglichen Idee ist geblieben? Und was ist, möglicherweise zu Ihrer eigenen Überraschung, dazu gekommen?

Haeusler: Die Re:publica entspricht immer noch dem ursprünglichen Gedanken. Dass die Idee so schnell wachsen würde, konnte jedoch niemand ahnen, denn bei der ersten Re:publica war noch nicht klar, ob es eine einmalige oder regelmäßige Sache sein würde.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass das Interesse an den Themen der Re:publica und an Sozialen Medien generell größer geworden ist?

Beckedahl: Soziale Medien kommen im Mainstream der Gesellschaft an. Die Re:publica thematisiert kulturelle und gesellschaftliche Fragen und lässt die Akteure und Nutzer selbst zu Wort kommen, anstatt nur über sie zu reden. Auf der Re:publica wird reflektiert, aber auch nach vorne gedacht.

Haeusler: Ganz sicher haben Ereignisse wie die Obama-Wahl, aber auch Tragödien wie Winnenden und die Diskussion um die mediale Berichterstattung ihren Einfluss auch auf die Re:publica. Das Netz ist als gesellschaftlicher Lebensraum im Mainstream angekommen.

Morgenpost Online: Und wo zeigt sich dieser Wandel auf der Re:publica?

Beckedahl: Wie man dem Programm entnehmen kann, spricht die Konferenz nicht nur Blogger an, sondern alle, die soziale Medien nutzen und/oder sich für gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen durch diese interessieren.

Haeusler: Unsere Themen sind "breiter" geworden.

Morgenpost Online: Kann man sagen, dass soziale Medien wie Twitter, Facebook, Blogs und anderes mehr inzwischen auch in Deutschland nicht mehr vordringlich als obskur wahrgenommen werden, sondern als relevant?

Beckedahl: Ja, Blogs werden Mainstream. Nur Kulturpessimisten nehmen sie immer noch als obskur war, vielleicht weil sie den Medienwandel nicht akzeptieren wollen.

Haeusler: Relevanz ist ein sehr subjektiver Begriff. Für die Besucherinnen der Re:publica hatten Online-Medien schon lange eine Relevanz.

Morgenpost Online: Ist ein Indiz dafür diese Aussage, dass IBM die Konferenz sponsert? Warum, glauben Sie, hat sich IBM dazu entschlossen?

Beckedahl: IBM ist ja nicht zum ersten Mal dabei, sondern hat das Engagement des Vorjahres nach den guten Erfahrungen sogar ausgebaut. Und das in der Krise. Für IBM dürfte es interessant sein, das Publikum der Re:publica zu erreichen.

Morgenpost Online: Wie werden sich soziale Medien in den nächsten Jahren in Deutschland entwickeln?

Beckedahl: Soziale Medien werden sich in Deutschland glänzend entwickeln.

Haeusler: Wir sehen einen gewissen "Generation Gap": Während soziale Medien bei Jugendlichen längst Teil ihres Alltags sind, stehen ältere Generationen staunend oder auch ablehnend davor. Diese Lücke gilt es zu schließen.

Morgenpost Online: Sind die sozialen Medien der Untergang der etablierten Medien? Oder ergänzen sie sich?

Beckedahl: Sie ergänzen sich prima.

Haeusler: Wir sehen eine Medien-Evolution, die in Teilen jedoch recht revolutionären Charakter besitzt.

Morgenpost Online: Im europäischen Vergleich gilt Deutschland als Entwicklungsland in Sachen Soziale Medien. Woran liegt das?

Beckedahl: Wir haben in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Staaten noch ein sehr ausdifferenziertes Mediensystem mit einem starken öffentlich-rechtlichen System. Am Kiosk kann ich mir immer noch entsprechend meiner Weltanschauung von extrem links bis extrem rechts eine überregionale Tageszeitung mit Meinungen kaufen. Das gibt es in den meisten anderen Ländern nicht mehr. Das wird sich ändern, der Medienwandel ist auch hier angekommen. In vielen anderen Ländern bloggen Prominente und Intellektuelle und sind damit ein Vorbild. Ansonsten dürfte Deutschland außerhalb der Blogs in den anderen sozialen Medien längst kein Entwicklungsland mehr sein. Soziale Netzwerke und soziale Plattformen boomen in Deutschland mit hohen Wachstumszahlen.

Haeusler: Ich vermute, Deutschland ist ein eher "vorsichtiges" Land, was neue Entwicklungen angeht, und das muss nichts generell Schlechtes sein, den neophilen Wahn, den man bspw. in den USA teilweise sehen kann, brauche ich gar nicht. Dennoch wünsche ich mir nicht nur im Social-Network-Bereich, in dem es ja boomt, sondern auch im Bereich der freien Meinungsäußerung, also bspw. in Blogs, etwas mehr Mut und die Erkenntnis, das hier eine enorme Chance für eine demokratische Gesellschaft vor uns liegt, die man geradezu nutzen muss.

Morgenpost Online: Wird es auch in Deutschland ähnliche Entwicklungen wie in den USA geben, mit Star-Bloggern wie Hilton Perez und überregional bekannten Netzwerken wie die von Jason Calcannis und Gawker Media?

Beckedahl: Das kann sein. Warten wir aber erstmal den Medienwandel ab, der in den USA früher begonnen hat. Und der deutschsprachige Raum ist auch ein wenig kleiner als der englischsprachige.

Haeusler: Wir sind in Deutschland nicht ganz so Celebrity-gierig, scheint mir - aber mit der richtigen Frisur geht auch hier so einiges. :)

Morgenpost Online: Wobei es neben Sascha Lobo auch zurückhaltender frisierte Blogger gibt, die deutschlandweit gelesen und teils gefürchtet werden. Was meinen Sie zu dieser Theorie: In Deutschland wurde etwa das Bloggen von einigen Protagonisten recht verbissen betrieben, was ein breiteres Publikum abgeschreckt hat - darum haben sich Blogs hierzulande nicht so entwickelt wie etwa in Frankreich.

Beckedahl: Die These teile ich nicht. In Frankreich wurden Blogs sehr früh von einem großen Jugendradiosender promotet, der eine Blog-Plattform betreibt. Außerdem gelten die Franzosen als etwas diskussions- und austauschfreudiger. In Deutschland muss man sich gegenüber Medien manchmal immer noch verteidigen, dass man bloggt. Hier wird bloggen leider noch sehr häufig von den Medien niedergeschrieben und als eine Gefahr angesehen.

Haeusler: Dass Bloggen in Frankreich und anderen Ländern besser funktioniert als hierzulande, wundert mich nicht. Die Franzosen haben eine völlig andere Demonstrations- und Streitkultur als die Deutschen, und auch in England und den USA wird die Meinungsfreiheit mehr als wichtiges Gut und Bürgerrecht angesehen als vom Mainstream in Deutschland. Sollte es tatsächlich einzelne Blogger geben, die irgendjemanden abschrecken, dann müssen diese Abgeschreckten halt selbst ran, um für einen Ausgleich zu sorgen. Dinge ändern sich nicht zum Besseren, indem man sie ignoriert, sondern sie ändern sich, indem man sich einmischt.

Morgenpost Online: Wird man in absehbarer Zeit mit sozialen Medien in Deutschland Geld verdienen können?

Beckedahl: Es gibt vielfältige Möglichkeiten, mit sozialen Medien Geld zu verdienen, auch in Deutschland.

Haeusler: Es wird ja bereits verdient. Aber wie in allen kulturellen Bereichen (Bücher, Filme, Musik) gibt es keinerlei Garantie für ein Einkommen mit Netzinhalten.

Morgenpost Online: Verdienen Sie mit der Re:publica Geld?

Beckedahl: Das ist das Ziel. Verlust können wir uns als kleine Firmen nicht leisten.

Haeusler: Ich würde sagen: Wir sind aus dem Hobby-Status raus.

Das Interview wurde per E-Mail geführt.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.