Ambulanzen eröffnen

Erste Hilfe für computersüchtige Berliner Kinder

Stundenlanges Spielen am Computer, soziale Isolation und Antriebslosigkeit - Immer mehr Minderjährige gelten als internetsüchtig. Jetzt bieten die Vivantes Kliniken in Berlin erstmals ein Therapieangebot für Kinder und Jugendliche an. Auch Eltern und Pädagogen können dort Rat finden.

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Wenn Jugendliche keinen Kontakt mehr zu Freunden haben, stattdessen mehr als sechs Stunden täglich am Computer chatten oder spielen, sollten die Eltern über eine Abhängigkeit nachdenken, rät Oliver Bilke. Er ist Chefarzt der beiden neuen Spezialambulanzen für Jugendliche mit Computerproblemen, die am Dienstag eröffnet werden. Das in dieser Form in Berlin erste Beratungs- und Therapieangebot wird es im Vivantes Klinikum Hellersdorf sowie im Humboldt-Klinikum in Reinickendorf geben.

Eine Beratung oder eine Therapie sei spätestens dann wichtig, wenn das Computer- und Internetverhalten eines Jugendlichen Schule und Familienleben stark beeinträchtige, sagte Bilke. „Manche spielen zehn oder zwölf Stunden jeden Tag, jede Nacht. Die finden da allein nicht mehr raus“, so Bilke weiter. In den beiden Spezialambulanzen könnten auch Eltern und Fachleute Rat suchen.

"Bisher haben wir extreme Fälle stationär behandelt, es gab aber kein spezialisiertes ambulantes Angebot der Kinder- und Jugendpsychiatrie“, sagt der Chefarzt Oliver Bilke.

Allein im vergangenen Jahr wurden bei Vivantes mehr als 30 computerabhängige Minderjährige stationär behandelt. „Die betroffenen Jugendlichen haben den Kontakt zur Realität meist völlig verloren und können oft erst nach monatelanger Therapie in ihre Familie und in die Schule zurückfinden“, sagt Bilke.

Experten schätzen, dass bundesweit fünf bis zehn Prozent der Jugendlichen gefährdet sind. Nach einer jüngst veröffentlichten Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen sind vor allem Jungen anfällig. 15,8 Prozent der Jungen, aber nur 4,3 Prozent der Mädchen sitzen mehr als 4,5 Stunden täglich vor dem Computer.

Die Internetsucht oder multiple Medienabhängigkeit gilt als ein relativ neues Phänomen, das aus ärztlicher Sicht immer bedeutsamer wird. Allein 2008 seien mehr als 30 medienabhängige Minderjährige mit schweren computerassoziierten Störungen stationär in den Vivantes-Kliniken behandelt worden.

Die Mediziner von Vivantes erhoffen sich durch die neuen ambulanten Anlaufstellen für Eltern und Jugendliche auch mehr Datensätze über das relativ junge Phänomen. Um möglichst viele Betroffene zu erreichen, werden gleich zwei Zentren eröffnet. Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche zwischen acht und 17 Jahren. Probleme mit dem exzessiven Umgang mit dem Computer würde es bereits bei Acht- und Neunjährigen geben, sagt der Chefarzt der Ambulanzen. Verschärfen würde sich die Problematik dann mit 14 Jahren, wenn die Jugendlichen das Geld haben, um sich virtuelle Welten im Internet zu abonnieren.

Aggressive Ausbrüche sind typisch

In den Ambulanzen wird zunächst eine umfassende Diagnose gestellt. „Wir stellen fest, ob tatsächlich eine Sucht vorliegt oder ein schädigendes Verhalten“, sagt Bilke. Zudem müssen die Ursachen der Störung geklärt werden. Möglicherweise liege eigentlich eine Hyperaktivität oder Depression zugrunde.

Aber auch Teilleistungsstörungen wie Legasthenie können zur Flucht in die Computerwelt führen. In den Spielen erfahren die Kinder die Erfolgerlebnisse, die ihnen in der Schule fehlen.

Typische Symptome für eine Abhängigkeit vom Computer sind die Vernachlässigung von sozialen Kontakten und anderen Interessen sowie aggressive Ausbrüche innerhalb der Familie. „Einige dieser Verhaltensweisen sind normal für pubertierende Jugendliche, wenn sie aber in Kombination mit einer intensiven Computernutzung auftreten, sollte man die Gefahr einer Abhängigkeit in Betracht ziehen“, so Bilke. Die Folgen können schwerwiegend sein.

So leiden Betroffene oft unter Übergewicht, Rückenschmerzen oder Sehstörungen. Dazu kommen soziale Probleme. Auch der Schulabschluss kann auf dem Spiel stehen. Die Therapien sind unterschiedlich, je nach Ursache der Probleme. Mit den Ambulanzen sollen die Jugendlichen erreicht werden, bevor eine stationäre Behandlung nötig ist. In ambulanten Gruppen- oder Einzeltherapien werden die Probleme dann behandelt.

Die Behandlung ist anders als bei anderen Suchterkrankungen. „Nach einer Diagnose geht es darum, eine Abstinenzphase durchzuhalten“, sagt Bilke. „Dann sehen wir, wer wirklich süchtig ist, also körperliche Entzugserscheinungen hat, wenn ihm kein PC-Zugang und kein Handy mehr zur Verfügung stehen.“

Im Unterschied zur Drogen- oder Alkoholsucht ist die Computerabhängigkeit stofflos. Eine Abstinenz, wie sie sonst angestrebt wird, ist hier nicht möglich. „Der Computer kann nicht aus dem weiteren Leben verbannt werden“, sagt Bilke. Auch wenn häufig zunächst eine Phase des Entzugs nötig sei, müsse dann der kontrollierte Umgang mit den Medien gelernt werden.

Die neuen Spezialambulanzen ergänzen bereits vorhandene offene und niederschwellige Beratungsangebote in der Stadt, wie etwa die Beratungsstelle der Caritas „Lost in Space“ in der Wartenburgstraße 8 in Kreuzberg (Tel: 66 63 39 59).

Kontakt: Spezialambulanz im Klinikum Hellersdorf, Tel: 130 18 37 30; im Humboldt-Klinikum Tel: 130 12 30 10.

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