Prinzessin Lillifee

Berliner Göre erobert Kinderzimmer und Kino

Die rosa Prinzessin Lillifee ist eine Heldin für Hunderttausende Mädchen. Ursprünglich eine Kinderbuch-Figur ziert sie längst Shampooflaschen, Bettwäsche, Fahrradhelme und T-Shirts. Im Kino läuft nun der erste Lillifee-Film an. Erfunden hat den Kinderstar eine Frau aus Berlin-Köpenick.

Die Shampoo-Flasche ist rosa. Und eine Prinzessin ist auch darauf, klein und niedlich mit blonden Haaren und Krönchen. Trotzdem schüttelt Henriette (5) den Kopf. „Das benutze ich nicht“, sagt sie energisch. „Diese Prinzessin ist nicht die richtige Lillifee.“ Nur ein paar Sekunden braucht sie, um ihre Mutter zu entlarven, die sich einfach für die Billig-Version des Prinzessinnen-Shampoos entschieden hat. Henriette ist – wie praktisch alle Mädchen zwischen drei und acht Jahren – ein ganz großer Lillifee-Fan.

Die kleine Feenprinzessin in ihren rosa Kleidern und dem glitzernden Zauberstab ist einfach überall. Die Mädchen tragen Lillifee-T-Shirts, schlafen in Lillifee-Bettwäsche, transportieren ihr Brot in Lillifee-Brotboxen, fahren auf Lillifee-Fahrrädern und essen Lillifee-Kuchen. Und ab heute gibt es Prinzessin Lillifee auch noch auf der Leinwand. Hunderttausende kleiner Mädchen – und vielleicht auch ein paar Jungen – werden in den kommenden Wochen ihre Eltern in die Kinos quengeln. Im Film rettet Lillifee das Königreich Rosarien. Dort haben sich die Feen zerstritten. Doch Lillifee und ihre Freunde Pupsi, das Schwein, die Mäuse Cindy und Clara, die liebe Fee Bella, Bruno, der Bär, Carlos, der Frosch und Hase Henri bringen die bunte Glitzerwelt natürlich wieder in Ordnung.

97 Prozent der Eltern kennen Lillifee

Schon seit Wochen ist Henriette deswegen ganz aus dem Häuschen. Jedes Mal, wenn sie in Schöneberg an der Litfasssäule mit der Lillifee-Film-Werbung vorbeiradelt – auf dem Kopf trägt sie natürlich einen Lillifee-Helm – ruft sie: „Bald gibt's den Lillifee-Film!“ Für den Kinobesuch ist Henriette längst mit ihren Freundinnen Klara und Lilli verabredet, die beiden verehren Lillifee ebenso sehr wie sie. Im Kindergarten übertrumpfen sich die drei gegenseitig mit Lillifee-Accessoires, zeigen sich ihre neuen glitzernden Aufkleber, ihre Armbändchen, ihre T-Shirts.

Die Erzieherinnen bleiben gelassen: „Idole gab es immer“, sagt eine, „die Kinder müssen ihre Bedürfnisse ausleben können.“ Und das tun offenbar die meisten. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) belegt die Lillifee-Manie. Sie hat herausgefunden, dass 97 Prozent der Eltern mit einer Tochter zwischen drei und zehn Jahren die Prinzessin kennen, 96 Prozent bekennen, dass ihre Tochter ein Fan der Feenprinzessin ist.

Was aber hat Lillifee, was andere Figuren nicht haben? Die Geschichten sind einfach, ein bisschen kitschig. Lillifee schwebt durch ihre Welt, immer fröhlich, immer hübsch. Sie lebt im Blütenschloss, liebt ihre Freunde, die Tiere und die Natur. Und vor allem liebt sie es, sich hübsch zu machen. Sie hüllt sich in Rosa, in Flitter und Glitter. Ein ganzes Hörspiel lang kann sie überlegen, was sie bloß zum Feenball tragen soll. Den Eltern, die mit der frechen, unabhängigen Pippi Langstrumpf aufgewachsen sind, tut diese heile Glitzerwelt fast ein bisschen weh. Mit ungutem Gefühl sehen sie zu, wie die Tochter sich stundenlang im rosa Lillifee-Kostüm vor dem Spiegel dreht und den Zauberstab schwingt. Wie sie Lipgloss auf die Lippen tupft und Ringe an ihre kleinen Finger steckt.

Der einzige Trost für feengeplagte Eltern ist in solchen Momenten die Einsicht, dass es noch viel schlimmer sein könnte. Dass ihre Kinder auch mit zähnefletschenden Monstern oder digitalen Killern spielen könnten. Dann lieber die heile, rosafarbene Welt der Lillifee. Ein bisschen oberflächlich, aber wenigstens harmlos. Zumindest weitgehend.

Ein Vater von zwei fünfjährigen Mädchen musste vor ein paar Tagen ohne Brille ins Büro gehen. Schuld war – man glaubt es kaum – Lillifee. Nur ganz schnell wollte er morgens mit dem Feen-Handtuch seiner Töchter die Brille trockenreiben. Doch natürlich hat Lillifee auf dem Frottee eine kleine Perle als Auge – die kratzte tiefe Furchen ins Brillenglas. Sie ist hin, reparieren kann man sie nicht mehr.

Kommerz, nicht Pädagogik

Pädagogen und Erziehungsexperten kritisieren die Fee im Glitzerlook allerdings aus anderen Gründen. Es gebe einfach bessere Sachen für Kinder als diese glitzernden. Spielzeug, das die Fantasie anregt. Geschichten, bei denen Kindern etwas lernen. „Die Lillifee-Geschichten sind einfach flach“, sagt Erziehungsexpertin Gerlinde Unverzagt. „Man sollte sich dem verweigern. Denn es geht nicht um Pädagogik, sondern nur um Kommerz.“

Und in der Tat hat Lillifee den Münsteraner Verlag Coppenrath reich gemacht. Dabei fing alles ganz harmlos an. Vor fünf Jahren brachte der Verlag das erste Lillifee-Buch heraus, gemalt und geschrieben von Monika Finsterbusch (54). Die Berlinerin, die später in Hamburg Modedesign studierte, hatte vor Lillifee bereits ein anderes Kinderbuch geschrieben und illustriert. Es hieß „Olli und Fips im roten Flitzer“ und ist ebenfalls bei Coppenrath erschienen. „Es war ein Flop“, sagt Monika Finsterbusch. Sie sagt das einfach so, ganz sachlich. Das kann sie auch. Denn dank Lillifee hat sie ja jetzt einen Namen.

Ihre Feenprinzessin hat buchstäblich eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Anfangs gab es nur ein Buch, dazu ein paar kleine Aufkleber, ein Armbändchen. Doch schon kurze Zeit später erkannte der Verlag das Potenzial der Prinzessin und fing an, sie groß zu vermarkten. Der Verlag hatte schon Erfahrung damit. Als einer der ersten in Deutschland begann Coppenrath 1992 konsequent, zu den Büchern noch Zusatzartikel herauszubringen. Den ersten Merchandise-Coup landete er mit dem Hasen Felix. Sieben Millionen Mal haben sich die Felix-Bücher verkauft. Dazu all die anderen Produkte: der Hase auf Schulranzen und Schuhen, auf Lampen und im Fernsehen. Mittlerweile macht der Verlag mehr als die Hälfte seines Umsatzes mit dem sogenannten „Non-Book“-Bereich. Dafür gründete Coppenrath-Verleger Wolfgang Hölker sogar ein eigenes Label: „Die Spiegelburg“ – benannt nach seiner Frau und Geschäftspartnerin Siggi Spiegelburg.

Ein unglaublicher Erfolg

Lillifee steht Hase Felix in nichts nach. Die Bücher sind bisher schon in 29 Sprachen übersetzt worden, die Hörbücher mit Sissi Perlinger als Lillifee wurden mehr als 400.000-mal verkauft und mit der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Unter dem Label „Die Spiegelburg“ warf der Verlag Coppenrath rund 300 Produkte selbst auf den Markt: Döschen, Täschchen, Figuren, Brotboxen, Schmuck, Möbel, Kleidung und, und, und. Dazu kommen noch Lizenzartikel anderer Firmen. Schiesser produziert Wäsche mit der Feenprinzessin, Puky Fahrräder und Sigg Trinkflaschen. Falke druckt Lillifee auf Socken, und Nussbaumer verkauft Lillifee-Brillen. „An Lillifee kommt einfach niemand vorbei“, sagt Nina Sickinger, Mutter einer Tochter im Prinzessinnenalter aus Kreuzberg.

Monika Finsterbusch hat mit einem so unglaublichen Erfolg nicht gerechnet. „Natürlich habe ich gehofft, dass ich ein paar Kinder für meine kleine Fee begeistern kann“, sagt sie, „aber dass die Fangemeinde so groß geworden ist, ist eine echte Überraschung“. Die Kritik, dass Lillifee oberflächlich und unemanzipiert sei, weil sie nur daran denke, sich zu schmücken, versteht die Autorin nicht. „Lillifee ist emanzipiert“, sagt sie, „gerade, weil sie Rosa und Glitzer trägt. Sie tut halt das, was ihr gefällt“. Und das, was fast allen kleinen Mädchen gefällt. Und die liegen dann ihren Eltern in den Ohren: Wollen das Lillifee Tattoo und die Glitzer-Haarspange, das Puzzle und das große Plüsch-Einhorn. Und es wird immer noch mehr Lillifee-Sachen geben. „Ich habe noch viele Ideen“, sagt Monika Finsterbusch. Noch immer zeichnet sie alle Figuren selbst und schreibt die Texte. „Lillifee ist mein Geschöpf“, sagt sie.

„Sie ist so, wie ich sie mir ausgedacht habe. Immer liebreizend und hilfsbereit.“ Eine freche Lillifee, eine, die den Konflikt sucht, die mal aneckt, die wird es nicht geben. „Es gibt auch so noch genug zu erzählen“, sagt die Schöpferin. „Erst wenn mir nichts mehr einfällt, wird es Lillifee nicht mehr geben.“ Das kann noch dauern. Doch wenn es dann mal soweit ist, werden bei den kleinen Mädchen sicher viele Tränen fließen. Bei Henriette, Lilli und Klara aber wohl nicht mehr. Denn bis dahin ist in ihre Zimmer längst ein neuer Held eingezogen.