Berliner Unterwelten

Was Dietmar Arnold unter Berlin sucht

Unter Berlins Erdoberfläche existiert eine völlig andere Welt - die Welt von Tunneln, Rohrpostschächten, historischer Brauereikeller und natürlich Bunkern. Dietmar Arnold ist ihr Schlüsselherr - als Chef des Vereins "Berliner Unterwelten". Morgenpost Online stieg mit ihm herab.

Foto: M. Lengemann

Wir werden verschwinden. Uns davonstehlen, einfach so. Was wir vorhaben, ist ein Spaziergang in eine Welt, die es nicht mehr gibt. Neben uns streitet sich ein Paar mit Kinderwagen, wir stehen am U-Bahnhof Pankstraße in Wedding, Omas zerren ihre Einkaufskarren über die Stufen, zwei junge Kerle schlendern übertrieben gelassen vorbei. Dietmar Arnold öffnet eine fast unsichtbare Tür in der Aluminium verkleideten Wand und führt uns aus diesem Alltag heraus – direkt ins Jahr 1977.

Die Siebziger Jahre empfangen uns in einem fensterlosen Raum. In der Ecke zeigt ein gläsernes Guckfenster einen Nachbarraum, es gibt eine Sprechanlage, auf dem Schreibtisch stehen ein grünes Tastentelefon und ein solider Weltempfänger Marke „Grundig Satellit 2100“. Würde man ihn einschalten, es kämen wohl Nachrichten vom Morden der RAF und dem Wettrüsten im Kalten Krieg. 1977 war ein finsteres Jahr. Das Radio aber schweigt still, ebenso wie die Uhr an der Wand: Es ist 11.15 Uhr, für immer.

Dietmar Arnold ruckelt am Zifferblatt, aber wir sitzen fest in der Endlosschleife. Arnold, 44, Gründer und erster Vorsitzender des Vereins Berliner Unterwelten, ist „Schlüsselherr“ von zahlreichen Tunneln, Bunkern und Bauten Berlins. Auch der „Atombunker“ Pankstraße gehört dazu. Vor zwei Jahren beschloss das Bundesinnenministerium, die rund 2000 zivilen Atom-Schutzanlagen in Deutschland würden nicht mehr gebraucht. Seitdem sind auch in Berlin 27 dieser Bunker gewissermaßen herrenlos – es sei denn, sie finden Paten wie den Unterwelten-Verein.

Der U-Bahnhof Pankstraße ist eine „Mehrzweckanlage“, Arnold zitiert das Wort ironisch. Der Bahnhof ist für den Alltag ebenso wie für den Atomkrieg ausgelegt. „Im Ernstfall hätten sich in den Eingängen zehn Tonnen schwere Stahltore geschlossen.“ Dass unten noch Leben war, hätte man dann oberirdisch nur an dem qualmenden Auspuff des Diesel-Aggregates erkannt, der aus dem Mittelstreifen der Badstraße ragt wie das Guckrohr eines U-Bootes. Falls oben überhaupt noch jemand gewesen wäre, um das zu bemerken.

Drängelschleuse gegen die Panik

Arnold steigt jetzt auf die Stufe vor dem Guckfenster und spricht in ein Mikrofon. Nebenan scheppert seine Stimme blechern aus dem Lautsprecher wie in einem billigen Kriegsfilm. Arnold grinst ein bisschen über seinen Scherz. Nebenan befindet sich die so genannte Drängelschleuse: ein martialisches Konstrukt aus gewölbten Stahlplatten. „Sie sollte verhindern, dass Menschen in Panik im Tor zerquetscht werden. Genau 3346 Personen hätte die Schleuse durchgelassen, der Rest wäre wohl draußen geblieben“, sagt Arnold jetzt wieder ernst. „Im Volksmund wurde das Ding auch Bürgerpresse genannt.“ Galgenhumor – die Berliner Bunker hätten nur einen Bruchteil der gesamten Bevölkerung aufnehmen können. Darf man Witze machen im Angesicht der angenommenen Katastrophe?

Dietmar Arnold ist kein Museumsführer, er spricht kein Konservatorenlatein. Er trägt einen Mantel mit Silberknöpfen und eine Schiebermütze, die ihn jungenhaft aussehen lässt. Nimmt er sie ab, erscheint darunter ein nachdenklicher Mann. Die beiden Gesichter sind Programm: Auf der einen Seite der diplomierte Stadtplaner, auf der anderen der Chef des Vereins, den er 1997 mit Historikern und anderen Interessierten gründete und der den doppelsinnigen Namen „Unterwelten“ trägt. Seitdem führen sie Besucher aus der ganzen Welt an Berlins spannendste Orte unter Tage. Und beleuchten im Wortsinn Geschichte von unten. Acht Bücher hat Arnold mittlerweile veröffentlicht, über den Bunkeralltag, den Führerbunker, den Potsdamer Platz, die Schlossfreiheit, die Fluchttunnel zu Mauerzeiten.

Mehr als 150.000 Besucher kamen allein im vergangenen Jahr zu den Führungen des Vereins und in das Museum im Bunker am U-Bahnhof Gesundbrunnen. Zwei Drittel waren Touristen. Die „Unterwelten“ haben prominente Fans wie Angelina Jolie, Brad Pitt, auch Bundespräsident Horst Köhler bekundete großes Interesse. Arnold berät Filmproduktionen wie „Speer und Er“. Die Ausstellung „Mythos Germania“ seines Vereins zog gerade 40.000 Menschen an: eine Erfolgsgeschichte. Ist er zufrieden?

Arnold klimpert unschlüssig mit dem Schlüsselbund in der Hand. Was heute so einfach klingt, hat angefangen als Pionierarbeit, die lange niemand ernst nahm. „Bunkerküsser“, wurden sie spöttisch genannt, als sie 1998 erstmals öffentlich von ihren Abenteuern und den historischen Werten unter Tage berichteten. Doch das Unbehagen, ob man die unterirdischen Hinterlassenschaften zweier Kriege, der Nationalsozialisten, der DDR so einfach ins Licht rücken darf, dauert bis heute an.

Jahrelange Suche nach Bunkern

In jahrelanger Suche und Archivarbeit haben sie inzwischen rund 1200 Bunkerstandorte nachweisen und viele weitere unterirdische Bauwerke lokalisieren können, Arnold hat gar nicht genug Finger, um die wichtigsten aufzuzählen. Die 80 ?ungenutzten Verkehrstunnel etwa, oder auch die historischen Brauereikeller, von denen inzwischen viele zerstört sind. Zufrieden sieht er nicht aus dabei. Eher wie ein Getriebener.

Seit Jahren fühlt sich der Verein von der Denkmalbehörde vernachlässigt. Gerade geht es um die Unterschutzstellung des Atombunkers an der Pankstraße und zweier weiterer Gebäude im Berliner Norden: den Bunker am Blochplatz gegenüber vom Bahnhof Gesundbrunnen und den „OP-Bunker“ des ehemaligen Humboldt-Krankenhauses an der Teichstraße in Reinickendorf von 1941. „Es ist der letzte authentisch erhaltene dieser Art in Berlin“, sagt Arnold. Nur hier lasse sich noch nacherleben, wie während der Bombenangriffe Patienten operiert wurden. Der Bunker war geplündert, nass und verfallen, als der Verein ihn übernahm – in diesem Fall auf ausdrückliche Bitte des Bezirksamtes. Doch die Freiwilligen des Vereins sanieren das Gebäude und richten ihn wieder ein, mit gefundenem, geschenktem historischem medizinischem Gerät.

Unter den mittlerweile fast 300 Vereinsmitgliedern sind praktisch alle Berufe vertreten, Feinblechmechaniker, Elektrikermeister oder auch drei Anwälte, die sich oft ehrenamtlich einsetzen. 33 Stellen finanziert der Verein mittlerweile aus seinen Einnahmen. Öffentliche Zuschüsse gibt es nach wie vor nicht, wenn auch das Verhältnis zu den Behörden inzwischen besser geworden sei, wie Arnold sagt.

Das war anders, als sie 2002 erstmals einen Bunker öffentlich zeigen wollten, den Flakbunker im Volkspark Humboldthain. Sie trafen auf hartnäckigen Widerstand bei manchen in der Verwaltung. Möglich, dass sich irgendjemand noch an den kleinen Jungen erinnerte, der in der 70er-Jahren heimlich mit seinen Kumpels in den Flakbunker eingestiegen war, immer wieder, monatelang. „Als man dann sah, welch großes Interesse der geöffnete Bunker hervorrief, gratulierte man uns zu der Idee.“

Leichensäcke – davon gibt es genau 350

Ein bisschen hat sich das Spielerische der Kinderzeit erhalten. So steht im Atombunker hinter der fürchterlichen Drängelschleuse eine Schaufensterpuppe in einem spießigen blau-gelben Trainingsanzug der Siebziger Jahre, „Modell FDP“, kommentiert Arnold. „Es gab auch eines in Rot-Grün.“ Die Puppe steht neben einer Dusche. „Hier hätten sich die Menschen radioaktiv kontaminierten Staub abwaschen sollen“, erläutert Arnold. „350 dieser Trainingsanzüge gehörten zur Ausstattung des Bunkers“, fügt er hinzu. Im nächsten Raum liegt ein Stapel durchsichtiger Plastikfolien: „Leichensäcke. Auch davon gibt es genau 350.“

Zuvor haben wir einen Schlafraum besichtigt. 50 Betten aus Lkw-Plane auf vier Etagen, pro Schlafplatz eine Papierdecke, der Raum misst etwa 50 Quadratmeter. 3500 Betten waren vorgesehen. Wir haben gelernt, dass Bunkertoiletten keine Türen haben, kontrollhalber, damit sich darin niemand im Lagerkoller umbringt. Aus demselben Grund sind die Spiegel aus Blech. Wer plant all diese Dinge?

Planen und Zählen sind probate Mittel gegen die Angst. Das Aufzählen gehört offenbar auch für Bunkerexperten dazu – und die Begeisterung für alles, was funktioniert. Die stehen gebliebene Uhr hat Arnold unzufrieden gemacht wie einen Hausmeister. Im ABC-Filterraum dagegen ist alles in Ordnung. Er deutet auf dickbauchige Luftfilter. Sie sollten im Gas- oder Atom-Katastrophenfall die Bunkerluft sauberhalten. Rote Dichtgummis hängen einsatzbereit an einem Haken. An der Tür sind Steine gestapelt. „Blei-Beton“, erläutert Arnold, „um den Filterraum gegen Strahlung zuzumauern“. Die Steine sind einzeln nummeriert wie ein Puzzle für Idioten.

Solider Stahl, geeichte Messuhren und gestanzte Typennummern erzählen in diesem Raum von jenem Nachkriegsland, das zwar Qualität „Made in Germany“ exportierte, aber nicht mehr Deutschland heißen wollte, sondern Bundesrepublik. In diesem Raum sind die Siebziger Jahre am eindrücklichsten konserviert, die Zeit, als der Atomkrieg wahrscheinlicher erschien als die Wiedervereinigung.

Als wir wieder im Heute auftauchen, ist dort gerade eine Entscheidung gefallen. Die Berliner Mauer wird nicht wieder aufgebaut. Gemeint sind jene 200 Meter Museums-Mauer, um die an der Bernauer Straße seit langem gerungen wird. „Für mich war die Mauer immer ein künstliches Gebilde“, kommentiert Arnold, der in Hermsdorf aufgewachsen ist, „aber dass man sie nach 1989 derart gründlich abgeräumt hat, ärgert mich. Wie soll man Zeitgeschichte nachvollziehen können, wenn man davon nichts mehr sieht?“

Dies ist auch seine schlichte Antwort auf das Warum, das ihm viele entgegenhalten. Warum sich immer wieder in undurchsichtige Abgründe wagen, auf unsicheres Terrain in jeder Hinsicht? Erst sehr spät in unserem Gespräch wird der Bunkerexperte von seiner Familie erzählen. Von seiner Mutter, die bis heute bei jedem Gewitter zusammenzuckt. „Sie hat als Kind die Bombenangriffe auf Kiel überlebt.“ Vom Vater, der mit neun Jahren auf der Flucht aus Schlesien seine Mutter verlor und es mitten in den Kriegswirren, allein mit dem kleinen Bruder, bis zu den Verwandten bei Görlitz schaffte. 1952 ließ der Vater zum zweiten Mal eine Heimat hinter sich, diesmal waren es Schergen des Sozialismus, die den 16-Jährigen wegen seiner Mitgliedschaft in der evangelischen Jugend aus der Schule geworfen hatten.

Geteiltes Land, geteilte Familie

Der Vater wurde Richter, die Mutter Lehrerin, die Familie gründeten sie in Berlin. Zwei Großväter kehrten aus russischer Gefangenschaft zurück, einer kam kurze Zeit später in der DDR ins Zuchthaus, weil er sich weigerte, sein Land der LPG zu überlassen. Die Geschichte dieser Familie, des geteilten Landes, erfuhren Arnold und seine vier jüngeren Geschwister auf ungezählten Besuchen und bei Verwandten diesseits und jenseits der Mauer. Sein Bruder Ingmar wurde Historiker und ist ebenfalls Gründungsmitglied des Vereins, „die anderen haben ähnlich gelagerte Interessen“, und wendet sich dem nächsten Bunkerthema zu.

Er ist keiner, der seine Familiengeschichte besonders betont. Unter den Berliner „Kindern“ seiner Generation hatten wohl die meisten Familiengeschichten mit ähnlichen Verlusten und Brüchen. 1977, als der Atombunker Pankstraße gebaut wurde, war er ein Junge, der auf der Suche nach Abenteuern auf die Geschichte seiner Stadt stieß. Seine Tochter ist heute im selben Alter, 13 Jahre alt. „Sie interessiert sich vor allem für Reiten und ihre Freundinnen, das ist wohl normal“, sagt er und lächelt.

Die Vereinsmitglieder suchen nach unterschiedlichen Wegen, von dem zu erzählen, was in Berlin geschah. Sie zeigen Kunst und Fotografie, haben ein eigenes Schauspieler-Ensemble, das vereinseigene „Dokumentartheater“. Es spielt im weitläufigen Bunker Blochplatz Stücke von Zwangsarbeit, Verfolgung durch die Nationalsozialisten und dem Leben nach der atomaren Katastrophe in Tschernobyl. Manchmal steht auch Dietmar Arnold mit auf der Bühne.

Auf die Frage, ob er selbst nie Angst gehabt habe, im Dunkeln, vor einem „Ernstfall“, antwortet Arnold ein bisschen zu schnell: „Nö“. Das Gruseln im Dunkeln ist nichts anderes als das Gefühl gerade besiegter Angst. Nicht umsonst trägt das Wappentier des Vereins, ein Berliner Bär, eine Taschenlampe in der Hand.

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