Ärztepfusch

Sechs Patienten gegen einen Chirurgen

Ein Chirurg aus Charlottenburg steht vor Gericht, weil eine seiner Patientinnen bei einer Operation starb. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mediziner vor, er habe mit dem Tod der Frau rechnen müssen. Inzwischen haben sich weitere Patienten von Rudi S. gemeldet - sie beklagen Ärztepfusch und bleibende Schäden.

Das Wort heißt „Ipse“ und ist immer wieder in Operationsprotokollen zu finden. „Ipse“ ist eine Vokabel aus dem Lateinischen und bedeutet „ich selbst“ oder auch „persönlich“. Im Kontext von OP-Protokollen bedeutet es: Der Chirurg hat hier auch den Part des Anästhesisten übernommen; trotz schwerer Operation, trotz Narkose.

Es ist davon auszugehen, dass der Chirurg Rudi S.* (Name geändert) am 30. März 2006 auf dem OP-Protokoll hinter dem Eintrag "Anästhesist" ebenfalls „Ipse“ vermerkt hat. An diesem Tag führte er in seiner in Charlottenburg gelegenen Praxis bei der 49-jährigen Anja S. eine Bauchstraffung durch. Die Operation begann gegen 9 Uhr, gegen 12.30 Uhr brach das Herz-Kreislauf-System der Patientin zusammen.

Rudi S. muss sich seit Dezember 2008 wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor einer Moabiter Schwurgerichtskammer verantworten. „Obwohl die Operation unter rückenmarksnaher Betäubung und in einem schmerzfreien und narkoseähnlichen Dämmerschlaf unter Gabe von sechs verschiedenen Medikamenten stattfand, zog der Angeschuldigte keinen Anästhesisten hinzu, was nicht dem ärztlichen Standard entspricht“, heißt es im Anklagesatz. Vorgeworfen wird dem Arzt von der Staatsanwaltschaft zudem, am Operationstag erst gegen 19 Uhr eine Überstellung der komatösen Patientin in ein Krankenhaus veranlasst zu haben. „Die fehlerhafte Behandlung durch den Angeschuldigten bewirkte eine Sauerstoffunterversorgung ihres Gehirns“, so der Anklagesatz, „weswegen Anja S. am 12. April 2006 gegen 09.30 Uhr den Hirntod erlitt, was voraussehbar war.“

Inzwischen haben sich sechs ehemalige Patienten des Chirurgen Rudi S. bei der Wilmersdorfer Anwältin Ruth Schultze-Zeu gemeldet. Prägnant sei bei diesen Patienten, so die Fachanwältin für Medizinrecht, dass neben der Unzufriedenheit mit dem Ergebnis der Behandlung immer wieder auch die Betäubung und die Folgen der Betäubung ein Thema gewesen seien.

So offenbar auch bei dem Security-Mitarbeiter Marcel H.* (Name geändert), der sich im Mai 2008 von dem Chirurgen an der Schulter operieren ließ. Nach seinen Beschreibungen „voll betäubt, aber ohne Anästhesisten“. Es habe nie ein Gespräch mit einem Narkosearzt gegeben; genauso wenig habe der Chirurg mit ihm vor dem Eingriff über die Art der geplanten Anästhesie gesprochen.

Erinnerlich ist ihm noch, so der 45-Jährige, „dass ich noch total benommen war, als ich die Praxis verließ“. Abends, als er auf dem heimischen Sofa gesessen habe, sei ihm dann plötzlich der Drainageschlauch aus der Wunde gerutscht. „Alles war voller Blut.“ Dr. S. der nach einem Anruf bei Marcel H. erschienen sei, habe ihm dann die Schuld gegeben: „Er hat gesagt, ,Sie haben sich zu viel bewegt‘ – obwohl ich schon wegen der Armbinde dazu gar nicht in der Lage war.“ Auch mit dem Ergebnis der OP ist Marcel H. sehr unzufrieden. „Ich habe Schmerzen, das Schlüsselbein ist nicht fixiert, und Experten sagen, dass die OP noch einmal wiederholt werden muss.“

Die heute 50 Jahre alte Marion N.* hat dieses Prozedere schon zweimal hinter sich - und noch immer ohne gewünschten Erfolg. Am 20. April 2006 ließ sie sich von Rudi S. für 2500 Euro die Brüste verkleinern. Bei dieser Operation stand auch ein Anästhesist am OP-Tisch. Das Ergebnis war jedoch nicht zufriedenstellend. „Die linke Brust ist deutlich größer als die rechte“, sagt Marion N. Zudem gebe es „jetzt eine deutliche Asymmetrie“. Rudi S. soll das eingesehen und zunächst im Sommer 2006 und dann noch einmal im Jahr 2007 Korrekturoperationen durchgeführt haben. Beide wieder ambulant und natürlich wieder unter Narkose – in beiden Fällen jedoch ohne Anästhesisten.

Uwe Schulte-Sasse, Chefarzt der Klinik für Anästhesie des Klinikums Heilbronn und seit Jahren Mitarbeiter in der Arbeitsgemeinschaft Arztrecht, kennt „diese Art Fälle leider nur zu gut“. Als Ursache sieht er die ökonomische Situation. „Die einen wollen möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen, viele andere kämpfen schlicht um ihr ökonomisches Überleben. Und sie tun das nicht selten mit einer erschreckenden Konsequenz. Da geht dann Kosten sparen vor Patientensicherheit.“

Ein der Folgen ist nach Meinung von Schulte-Sasse auch das Operieren eines narkotisierten Patienten ohne Anästhesisten: „Das ist mehr als grob fahrlässig. Jeder halbwegs erfahrene Chirurg weiß das genau. Und es ist nicht nachvollziehbar, dass er auf Kosten seines ahnungslosen Patienten dennoch ein derartiges Risiko eingeht.“ Ähnlich äußet sich Johannes C. Bruck, Chefarzt für Plastische Chirurgie des Martin-Luther-Krankenhauses: „Es ist grundsätzlich abzulehnen, zu operieren und gleichzeitig eine Narkose oder auch nur einen Dämmerschlaf zu überwachen“, sagt Bruck. „Gerade wenn es zu Komplikationen oder gesundheitlichen Problemen während der OP kommt, ist der Operateur völlig überfordert, wenn er sich um die OP und gleichzeitig um den Kreislauf des Patienten kümmern soll.“

Und Werner L. Mang, Ärztlicher Direktor der auf plastische Chirurgie spezialisierten Bodenseeklinik, ergänzt: „In den OP-Saal gehören ein erfahrener Operateur in guter körperlicher Verfassung, ein Fachanästhesist mit einer Fachanästhesie-Schwester sowie eine ausgebildete OP-Schwester, die alle Richtlinien der Hygiene und Sterilität und das Instrumentarium beherrscht. Nur wenn im OP ein eingespieltes Team agiert, sind die Risiken minimiert.“ Derartige Sicherheitsstandards ließen sich jedoch nicht mit Dumpingpreisen, mit denen Patienten unseriös angelockt würden, realisieren.

Im Nachhinein alarmierend klingt auch der Bericht der 82-jährigen Eva M.*, die sich am 18. Juni 2008 von Rudi S. an der Hand operieren ließ. Im Operationsbericht vermerkte Chirurg Rudi S. unter Anästhesist – wieder einmal – ,Ipse‘ und unter Anästhesieart ,Kombinarkose‘. „Ich hätte mich doch niemals von ihm unter Narkose operieren lassen, wenn ich gewusst hätte, dass er keinen Anästhesisten einsetzt“, sagt Eva M. Und wie ihr Leidensgenosse Marcel H. empfindet auch sie die Behandlung nach der OP als völlig unzureichend. Sie habe zwar einige Zeit auf einer Pritsche liegen dürfen, erinnert sich die Rentnerin, sei dann ihrer Meinung nach aber viel zu früh aufgefordert worden, die Praxisräume zu verlassen. „Ich war noch ganz benommen, stand auf wackligen Füßen. Meine Angehörigen haben mich dann nach Haus bugsiert. Aber ich weiß bis heute noch nicht, wie ich da hingekommen bin.“

Klinikchef Mang wertet diese von Eva M. geschilderte Behandlung nach der Operation als unverantwortlich. „Die meisten Komplikationen ereignen sich innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Operation“, sagt der Chirurg. Deswegen werde in seiner Einrichtung „auch jeder Patient, der unter Narkose operiert wurde, 24 Stunden postoperativ stationär überwacht“.

Wie bei allen anderen ehemaligen Patienten des Dr. Rudi S., die sich in der Kanzlei von Anwältin Ruth Schultze-Zeu vorstellten, ist auch für Eva M. die Leidensgeschichte noch lange nicht beendet. Sie habe sich bei Nachuntersuchungen mehrfach bei dem Chirurgen über starke Schmerzen in der Hand und Bewegungseinschränkungen beklagt, sagt die Rentnerin. Allerdings ohne Erfolg.

Im Dezember 2008 stellte sich die zierliche Frau im Emil-von-Behring-Krankenhaus der Helios-Gruppe vor. Dort wurde von einem Spezialisten festgestellt, dass bei der OP am 18. Juni offenbar vergessen wurde, eine bandähnliche Struktur auf der Handflächenrückseite wieder zu verschließen. Ebenso, dass die Sache nun auch nicht mehr operabel sei. „Die haben mir erklärt, dass es spätestens 14 Tage nach der OP hätte geschehen müsse“, beklagt sich die Rentnerin. Aber zu diesem Zeitpunkt habe sie Dr. S. ja noch voll vertraut, „und der hat den Fehler offenbar nicht erkannt“.

Eva H. leidet immer noch unter Schmerzen. Die Bewegung der Hand ist stark eingeschränkt. Vor der OP noch sehr agil, braucht sie jetzt Hilfe im Haushalt und beim Einkaufen. Anwältin Schultze-Zeu will für sie ein Schmerzensgeld von mindestens 6000 Euro fordern und wenn nötig, auch einklagen. „Ich sehe das als Bestrafung für Dr. S.“, sagt Eva M. „Ein Trost ist es nicht.“