Tierschutz vs. Verschmutzung

Berlin kapituliert vor den Tauben

Die Stadt scheint machtlos. 40.000 Tauben leben in Berlin – mancher redet von einer Plage. Doch die Beteiligten sind sich uneinig, wie sie bekämpft werden kann, Tierschützer kritisieren bestehende Maßnahmen. Sie schlagen vor, wie andere deutsche Städte Geburtenkontrolle zu betreiben. Doch kann das in Berlin Erfolg haben?

Foto: ddp / DDP

Berlins Straßentauben. Sie turteln und gurren das ganze Jahr. Ihre Zahl schätzt die Berliner Ornithologische Arbeitsgemeinschaft auf bis zu 40.000 Exemplare. Manche reden von Plage. Denn jedes Vögelchen hinterlässt ätzende und nasse Häufchen – zehn Kilo Kot pro Tier und Jahr, das hat der Bundesverband der Tierversuchsgegner "Menschen für Tierrechte" ausgerechnet. Sterilisieren, Eier tauschen oder wegwischen – es gibt einige Methoden, dem Problem zu Leibe zu rücken. Nur das Abschießen, das Töten von Wirbeltieren, wie Vögel es sind, ist per Tierschutzgesetz verboten.

Deswegen haben Tierschützer in Charlottenburg nun das bezirkliche Veterinäramt angezeigt. Ihr Vorwurf: Seit Jahren würden Tauben unter einer Brücke am S-Bahnhof Hohenzollerndamm in einem kaputten Abwehrnetz erdrosselt oder verhungern – ohne dass das Bezirksamt Abhilfe leiste. Im Oktober 2008 haben die Tierschützer das Bezirksamt informiert. "Doch bis zum heutigen Tage ist nichts unternommen worden, um den Misstand zu beheben", so ein Tierschützer.

Der zuständige Bezirksstadtrat Marc Schulte (SPD) räumt den Verstoß gegen das Tierschutzgesetz ein. "Wir wissen seit Oktober davon und haben seitdem mehrmals mit der zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung telefoniert." Doch passiert sei nichts. Am vergangenen Dienstag habe man dann ein Schreiben aufgesetzt. Doch zwingen könne er die Kollegen nicht. "Bezirksamt und Senatsverwaltung sind Teil einer Einheitsbehörde. Wir können uns nicht gegenseitig bestrafen oder Sanktionen wie Bußgeld androhen", sagt Schulte. Er halte es darum für "so wichtig", dass Tierschützer das Problem in Erinnerung rufen. "Die Anzeige unterstützt uns in unserer Tätigkeit. Das Netz muss abgehangen oder erneuert werden." Das fordert auch der tierschutzpolitische Sprecher der SPD im Abgeordnetenhaus, Daniel Buchholz: "Es handelt sich um Abwehrnetze, nicht etwa um Fangnetze. Sie müssen in einem ordnungsgemäßen Zustand sein."

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schiebt die Schuld auf die S-Bahn. Man habe, so Sprecher Marco Rosteck, vor Jahren auf Bitten der S-Bahn besagtes Netz eingerichtet. Nachdem es im Vorjahr kaputt gegangen sei, bat man die Bahn, den Zugverkehr zwecks Reparatur zu unterbrechen. "Wir haben mehrmals um Termine gebeten, doch die Vorschläge wurden abgelehnt. Und einer kam zu kurzfristig. Dabei müssten wir für die Unterbrechung sogar zahlen", so Rosteck. Jetzt wolle die Behörde das Netz komplett abnehmen. Doch auch dazu müsste der Zugverkehr wohl unterbrochen werden. Ein Termin steht noch nicht fest.

Eine Lösung sieht anders aus – nur in Sicht ist sie nicht. So hat nämlich die Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz jüngst im Abgeordnetenhaus auf die Zuständigkeit der zwölf Bezirke verwiesen, als es um den konkreten Umgang mit der Taubenpopulation ging. Doch Bezirksämter wie Mitte wiederum fordern zumindest eine einheitliche Koordinierung.

"50 deutsche Städte sind schon viel weiter, darunter Augsburg und Aachen", kommentiert die Grünen-Politikerin Claudia Hämmerling. Die Kommunen arbeiten mit Geburtenkontrolle, das entsprechende Konzept hat der Verein "Menschen für Tierrechte" entwickelt. Dabei werden die Vögel durch kontrollierte Fütterung an Taubenschläge gebunden. Legen sie Eier, tauschen Freiwillige die Gelege durch Ei-Attrappen aus. "Das Konzept", sagt Christiane Baumgartl-Simons von 'Menschen für Tierrechte', "wird bereits von den Fachministerien in Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen empfohlen". Es hat drei Vorteile: Die Tauben sind gesund, weil sie artgerecht gefüttert werden, vermehren sich aber weniger und die Verschmutzung sinkt um bis zu 80 Prozent.

Der Tierschutzverein und Hämmerling halten das Konzept für vorbildlich. Die Grünen-Politikerin hatte es im Februar dem Abgeordnetenhaus im Fachausschuss für Umwelt und Gesundheit vorgelegt. Die Senatsverwaltung sah sich formal zwar nicht als zuständig an, doch inhaltlichen Widerspruch gab es keinen. Im Gegenteil. Einzelne Abgeordnete wie Daniel Buchholz (SPD) aus Spandau wollen das Modell über ihre Partei in ihrem Bezirk voranbringen.

Tauben lieben Städte – dort ernähren sie sich von Zivilisationsabfällen, sagt Marcel Gäding vom Tierschutzverein Berlin. Tauben lieben auch die Deutsche Bahn – und zwar nicht nur den S-Bahnhof Hohenzollerndamm. "Sie nisten auf unseren Bauwerken, egal ob es nun Bahnsteigdächer sind oder Brücken. Sie sind standorttreu", sagt Bahnsprecher Burkhard Ahlert. Ziel der Bahn ist es, die Bauwerke vor dem zersetzenden Kot zu schützen – und die Reisenden. Dazu sei seit 1999 eine Menge gemacht worden. Die Kosten schätzt Ahlert auf mehrere Hunderttausend Euro. Das Stichwort heißt Vergrämung: In 40 der 136 mehr oder weniger stark von Tauben befallen S-Bahnhöfen wurden und werden Abwehrsysteme installiert. Abwehr in Form von Netzen, Drähten, Gittern und Dächern. Sie sollen Sitz- und Nistmöglichkeiten über Verkehrsflächen blockieren. Schwerpunkte sind die S-Bahnhöfe Schöneberg, Westkreuz, Bellevue, Marzahn, Springfuhl und Heidelberger Platz. "Halensee und Lichtenrade folgen", sagt Ahlert. Auch würden befallene Flächen öfter von Taubenkot gereinigt. Zudem schreibe die Hausordnung ein Fütterungsverbot vor. "Aber es wird gezielt Taubenfutter ausgebracht", sagt Ahlert.

Auch stößt die Abwehr selbst auf Widerstand. Tierschützer lehnen die Vergrämungsmethode ab, weil die Tiere versuchen, die Sperren zu überwinden und sich dabei schwer verletzen. Mancher Tierfreund greift direkt ein. "Wir müssen leider feststellen, dass Abwehreinrichtungen mutwillig zerstört werden", sagt Ahlert.

Anderen reicht das Vorgehen der Bahn nicht. So hat sich der Bürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, Ekkehard Band (SPD), schriftlich an den Konzern gewandt. "Wir haben ressortübergreifend von der Bahn bis zu Veterinären zu einem Gespräch über Taubenvergrämung eingeladen", sagt Band. Was die geeignete Methode sei, sei offen. "Wir haben noch kein schlüssiges Konzept", sagt Band, "aber müssen das Problem jetzt auch in Berlin lösen".

Die Bahn zeige sich gesprächsbereit, sagt Ahlert. "Wir sind auch an einer gemeinsamen, vernünftigen Lösung interessiert, um die Lage für die Reisenden zu verbessern und die hohen Kosten zu senken."

Im Bezirksamt Mitte zuckt der Leiter der Gesundheitsverwaltung mit den Schultern. "Wir haben keinen Plan oder spezielle Projekte. So ein Konzept müsste berlinweit von der Senatsverwaltung koordiniert und als Rechtsverordnung durchgesetzt werden", sagt Stefan Busse.

Das Bezirksamt schreite bislang nur ein, wenn die Belastung übermäßig werde. "Liegen vor einem Gebäude zu viele Federn oder Taubenkot, wenn die Menge also schädlich sein könnte, dann reden wir mit der Hausverwaltung. Aber eine geeignete Rechtsgrundlage gibt es nicht", sagt Busse. Die entsprechende Schädlingsbekämpfungsverordnung werde derzeit überarbeitet. (siehe Kasten)

Busses Einschätzung zufolge hat das Problem sich verlagert. "Früher gab es eine größere Taubenpopulation, weil wir mehr Ruinen hatten oder marode Bauwerke, wo die Tiere nisten konnten." Mit der Sanierung seien die Plätze weggefallen.

Gegenwärtig sei die Fütterung das größte Problem. "Nach dem Straßengesetz ist sie verboten, weil der Straßenbelag beschmutzt wird", sagt Busse. Das Ordnungsamt habe nicht genug Personal, den Fütterern das Handwerk zu legen. Auch sei der Nachweis schwierig. "Selbst wenn ein Beobachter uns alarmiert, sind, wenn wir eintreffen, nur noch Tauben da. Das Futter fehlt und der Fütterer auch." Und wenn doch Futter übrig bleibe, ziehe das zusätzlich Ratten an. "Es ist eine falsch verstandene Tierliebe", sagt Busse. Auch der Tierschutzverein kritisiert die Fütterung. "Das bringt den Tauben gar nichts, sondern führt zu einer Überpopulation in der Innenstadt und löst kein einziges Problem", sagt Marcel Gäding.

Selbst wenn die Senatsverwaltung für Umwelt nicht direkt eingreifen möchte, führt wenigstens ihr ehrenamtlicher Mitarbeiter, Berlins Tierschutzbeauftragter Klaus Lüdcke, Gespräche mit verschiedenen Bezirken. "Das Interesse ist groß. Zu klären ist, an welchen Orten die Taubenhäuser aufgestellt werden, wer das bezahlt und sich darum kümmert", sagt Lüdcke.

Auch mit Busse hat er schon gesprochen. "Wir unterhalten uns darüber, was möglich sein könnte", sagt Busse. Das betreffe vor allem die Methoden. Das Augsburger oder Aachener Konzept hält Busse für zu aufwendig. "Das mag in Augsburg klappen. Aber ich bezweifele, dass wir in einer Großstadt wie Berlin genug Ehrenamtliche finden, die die Eier austauschen. Das auf freiwilliger Basis zu machen, ist Unfug. Das muss einheitlich geregelt werden."

Was das Engagement betrifft, ist der Tierschutzverein Berlin dagegen optimistisch. Er will nun Interessenten werben. "Es gibt sehr viele Taubenfreunde in der Stadt", sagt Marcel Gäding. Der Verein würde sich als stadtweiter Koordinator anbieten. "Aber wir wollen Verwaltung und Gebäudeinhaber wie die Deutsche Bahn nicht aus ihrer Pflicht entlassen", sagt Gäding. Es geht auch ums Geld – da hört das Turteln auf.

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