Missbrauch-Skandal

Was Schüler am Canisius-Kolleg wirklich bewegt

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BM

Die Fakten lauten so: In den 70er- und 80er-Jahren gab es am Canisius-Kolleg in Berlin mindestens drei Patres, die Schüler jahrelang systematisch sexuell missbrauchten. Doch diejenigen, die jetzt an der Eliteschule lehren und unterrichtet werden, haben ganz andere Probleme. Zum Beispiel die Angst um den Ruf ihrer Schule. Ein Schüler berichtet über den Umgang der Schule mit dem Skandal.

Es gibt immer eine Wahrnehmung von außen und von innen. Und es gibt Fakten. Die lauten so: In den 70er- und 80er-Jahren gab es am Canisius-Kolleg in Tiergarten mindestens drei Patres, die Schüler jahrelang systematisch sexuell missbrauchten. Die Morgenpost berichtete vor zwei Wochen als erste Zeitung darüber. Mittlerweile wird bundesweit über den Skandal berichtet. Von außen betrachtet, stellt sich die Frage, wie so etwas überhaupt passieren konnte und warum die Täter weiter mit Kindern und Jugendlichen arbeiten konnten.

Die innere Perspektive: Diejenigen, die jetzt am Canisius-Kolleg unterrichten und unterrichtet werden, haben ganz andere Probleme. Zum Beispiel die Angst um den Ruf ihrer Schule. Für die aktuellen Schülerjahrgänge sind die 70er- und 80er-Jahre weit weg – damals waren sie noch nicht einmal geboren. Mit der Situation fertig werden müssen sie trotzdem. Wie er die vergangenen Tage wahrgenommen hat, darüber schreibt hier der 16-jährige Schüler Johannes Wessels. Er besucht das Canisius-Kolleg seit 2003 – mit einer Unterbrechung: Die vergangenen beiden Schulhalbjahre war er am ebenfalls von Jesuiten geführten Mount St. Mary's College in England.

Für den ,Spiegel' ist es die Titelstory, die Berliner Morgenpost berichtet seit fast zwei Wochen tagtäglich vom ,Missbrauch-Skandal', und in der ,Bild'-Zeitung gibt es bereits eine neue Serie über die ,Pater der Schande'. Mindestens zwei Pressekonferenzen sind einberufen worden, und täglich melden sich neue Opfer, der Sturm der Presse tobt über dem Canisius-Kolleg. Kein Schultag ist vergangen, an dem nicht Mitarbeiter von Zeitung und Rundfunk den Schuleingang belagerten; am ersten Schultag nach den Ferien mussten Security-Angestellte uns Schüler vor Fernsehkameras und Pressefotografen schützen.

Man sollte meinen, die Schule würde unter einem solchen Erdbeben zusammenbrechen, doch das Gegenteil ist der Fall: Seit Bekanntwerden des Missbrauch-Skandals gab es nicht eine Abmeldung, und auch von den Neubewerbern für das kommende Schuljahr ist bislang keine Anmeldung zurückgezogen worden. Unter uns Schülern sorgt das Thema für immer weniger Aufregung. Natürlich machen die neuesten Infos im ,Sexskandal' um Pater R. und Pater S. vor allen Dingen bei den Jüngeren schnell die Runde, aber bei den Allermeisten verursacht die Mathe- oder Lateinarbeit am nächsten Tag weit mehr Sorgen als Patres, die niemand mehr kennt, oder die verfehlte Kirchenpolitik der 70er- und 80er-Jahre. Man saugt zwar die Fakten aus allen möglichen Medienberichten auf, kann sich mit der Geschichte an sich aber überhaupt nicht identifizieren, weil schlicht und einfach kein Zusammenhang zwischen den Schülern von heute und den Opfern beziehungsweise Tätern von damals besteht.

Natürlich muss es eine furchtbare Erfahrung sein, wenn man als Schüler hilflos Übergriffen seitens seiner Lehrer ausgesetzt ist und es dann niemanden gibt, der einen davor schützen kann. Dass hier begründeten Vorwürfen anscheinend bewusst nicht nachgegangen worden ist, ist schlimm, für uns Canisius-Schüler von heute allerdings nicht vorstellbar. Ich jedenfalls hatte immer die Gewissheit, mit meinem Klassenlehrer oder der Schulleitung offen über Probleme reden zu können. Auch jetzt wird vonseiten der Lehrer hervorragende Aufklärungsarbeit geleistet. Viele nehmen sich in ihren Stunden Zeit dafür. Das Thema wurde in jeder Klasse ausführlich diskutiert, alle Fragen von Rektor Pater Mertes persönlich beantwortet. Zweifel an der Schule gibt es nicht. Die Furcht vor dem Abstieg von Hertha BSC ist weit größer als die Angst, von Lehrern sexuell missbraucht zu werden.

Ich, bekennender ,Canisianer', bin seit sechs Jahren auf der Schule, habe ein Jahr in einem Jesuiten-Internat in England verbracht und war vier Jahre lang in der vielfach gescholtenen GCL/ISG (Gemeinschaft Christlichen Lebens/Ignatianische Schülergemeinschaft) tätig. Überall habe ich eine Welt des Vertrauens und angenommenen Seins erlebt: Ich kenne jeden, jeder kennt mich, und ich bin stolz darauf, an einer Schule Schüler zu sein, in der man selbst über härteste Beschuldigungen offen diskutieren kann und an der jeder Einzelne völlig überzeugt hinter seiner Schule steht.“