60 Jahre Stasi-Gründung

Das geheime Reich des Erich Mielke

Heute vor 60 Jahren wurde die Stasi gegründet. In Lichtenberg hatte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) vom Anfang bis zum Ende seine Zentrale. Kein einfaches Bürohaus. Wohngebäude wurden integriert, neue Komplexe hinzugefügt. Ein Sperrgebiet mitten in Lichtenberg entstand.

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Nur einen weißen Fleck. Mehr gab es auf DDR-Stadtplänen von Ost-Berlin nicht zwischen der Frankfurter Allee und der Normannenstraße, der Rusche- und der Magdalenenstraße. Dabei wusste wohl jeder erwachsene Ostdeutsche, dass mitten im Bezirk Lichtenberg keine Brache lag. Vielmehr türmten sich hier bis zu 13 Stockwerke Gebäude auf. Warum also der weiße Fleck?

Weil für Geheimdienste das Geheimsein Selbstzweck ist. Denn natürlich war allgemein bekannt, dass hier der wichtigste Machtgarant des kommunistischen Systems seinen Hauptsitz hat: das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Der Schutz der in dem 22 Hektar großen Komplex verwahrten Geheimnisse konnte kein Grund für die manipulierten Stadtpläne sein: Strenger überwacht als der Block an der Normannenstraße war im Herrschaftsgebiet der SED-Diktatur wohl nur noch die Berliner Mauer.

Heute vor 60 Jahren wurde das MfS durch das vielleicht kürzeste Gesetz der deutschen Rechtsgeschichte offiziell gegründet – es hatte gerade einmal 48 Wörter. Von seiner Gründung an lag die Zentrale des MfS in dem Block in Lichtenberg, im Anfang der Dreißigerjahre errichteten Finanzamt an der Normannenstraße 22/Ecke Magdalenenstraße, gegenüber dem Roedeliusplatz. Bis zu seiner Auflösung 1990 blieb das Ministerium hier.

Genau in diesem Bürogebäude hatte am 15. Juli 1945 Erich Mielke seinen Dienst als Leiter der Polizei-Inspektion Lichtenberg angetreten. Mielke sah im Aufbau eines kommunistischen Regimes seine persönliche Chance, und er nutzte sie. Qualifiziert dafür war er, denn schon vor der Nazi-Zeit, in den frühen 30er-Jahren, hatte er im Dienst des geheimen KPD-Militärapparates gestanden und einen Doppelmord an Polizisten verübt.

Zielgerichtet arbeitete Mielke seit Sommer 1945 von der Normannenstraße 22 aus daran, zum Chef des SED-Geheimdienstes aufzusteigen. Angesichts seiner Energie war es nicht überraschend, dass ab April 1947 gerade hier mehrere Abteilungen des sowjetischen „Informationsministeriums“ offiziell 32 Räume bezogen. Dahinter verbarg sich eine von vielen Ost-Berliner Dienststellen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD; ihre Aufgabe war es, die ostdeutschen Genossen zu unterstützen.

Nach seiner Gründung am 8. Februar 1950 nahm das MfS den Sitz von Mielkes Lichtenberger Polizei-Inspektion in Besitz. Gerade hier zu amtieren, hatte den Vorteil, dass die sowjetischen „Berater“ des MfS nicht umziehen mussten. Allerdings musste Mielke einem anderen Mann den Vortritt lassen: Der erfahrene deutsche NKWD-Agent Wilhelm Zaisser wurde erster Minister für Staatssicherheit. Mielke durfte als zweiter Mann bleiben.

Niemand sollte in die Büros blicken können

Rasch zeigte sich, dass die Ansprüche der deutschen Geheimdienstler höher waren als die ihrer sowjetischen „Freunde“: Schon bald beklagten sich MfS-Mitarbeiter, die Bewohner der auf der anderen Straßenseite gelegenen Mietshäuser Normannenstraße 23 bis 25 könnten ihnen bei der Arbeit zusehen. Die von Dutzenden Familien bewohnten Häuser wurden, Wohnungsmangel hin oder her, geräumt; das MfS übernahm diese Immobilien ebenfalls.

Doch auch das reichte schon bald nicht mehr. Ab 1955 entstand südlich des früheren Finanzamtes in nur einem Jahr ein großer L-förmiger Neubau in neoklassizistischer Form. Das sechsgeschossige Gebäude, MfS-intern „Haus 7“ genannt, wurde direkt über der aus allen Stadtplänen getilgten Helmutstraße gebaut.

Dem Projekt mussten zahlreiche Kleingartenparzellen weichen. Spätestens mit diesem Neubau war klar, dass das MfS sich auf Dauer in Lichtenberg einzurichten gedachte. Konsequent wurde ein niedriger Behelfsbau zwischen „Haus 7“ und dem früheren Finanzamt 1961/62 durch das neue „Haus 1“ ersetzt; es wurde offizieller Sitz des Ministers Erich Mielke. Er hatte sich zwar nach dem Sturz Zaissers abermals einem Vertrauten der Sowjets unterordnen müssen, Ernst Wollweber. Doch vier Jahre später war Mielke am Ziel: Er beerbte den schwer kranken Minister und war fortan unanfechtbar.

Im „Haus 1“ residierten bis in den Januar 1990 der Stasi-Chef, seine wichtigsten Stellvertreter, die „Arbeitsgruppe des Ministers“ und das „Büro der Leitung“, also alle zentralen Führungsabteilungen. Natürlich hatte auch die Funkzentrale des MfS hier ihren Sitz; bis 1979 ragten drei 15 Meter hohe Funkmasten in den Himmel über Berlin. Vor Elektrosmog hatte Erich Mielke offenkundig keine Angst.

Schmuckstücke wurden gesprengt

Nach und nach übernahm die Stasi sämtliche Gebäude innerhalb des Straßengevierts Frankfurter Allee, Rusche-, Magdalenen- und Normannenstraße, das zum absoluten Sperrgebiet wurde. Alte Wohngebäude vor allem entlang der Frankfurter Alle und der Magdalenenstraße baute der VEB Spezialhochbau Berlin zu Büros um, ein dem MfS zugeordneter Betrieb mit strenger Sicherheitsüberprüfung. Hinzu kamen Neubauten; neben einigen Spezialgebäuden für das wachsende Archiv wurden ab Anfang der Siebzigerjahre Plattenbauten vom Typ WBS-70 errichtet.

Dem Ausbau der Stasi-Zentrale mussten Ende der Siebzigerjahre zwei Schmuckstücke Lichtenbergs weichen: eine Wohnsiedlung, die der Architekt Bruno Taut 1928 errichtet hatte, und die Neuapostolische Kirche, ebenfalls im Stil der Neuen Sachlichkeit. Trotz ihres architektonischen Wertes wurden beide Komplexe an der Normannenstraße 1979 gesprengt; an ihre Stelle trat ein gewaltiger Neubau mit Versorgungseinrichtungen für Stasi-Mitarbeiter.

Nördlich der eigentlichen Zentrale, jenseits des Hans-Zoschke-Stadions, beanspruchte das MfS ab den Siebzigerjahren eine zunehmende Fläche an der Gotlindestraße. Wo bis dahin Kleingartenkolonien lagen, wuchs nun ein halbes Dutzend bis zu 13-geschossige Plattenbauten in die Höhe, außerdem vier weitere Großbauten. Die Anlage wurde ebenfalls Sperrgebiet. Das Stadion störte die MfS-Planer: „Die Existenz eines öffentlichen Sportplatzes mit Punktspielbetrieb neben bzw. zwischen Dienstobjekten des MfS ist ein nicht länger vertretbarer Faktor.“ Doch kam es bis zum Ende der Stasi nicht mehr zur Verlegung des Stadions.

Heute erinnert an die düstere Vergangenheit des Areals vor allem das nahezu originalgetreu erhaltene „Haus 1“, in dem der rührige Verein Antistalinistische Aktion seit 1990 das Berliner Stasi-Museum betreibt. Bald soll der marode Bau saniert werden; allerdings ist bis jetzt noch nicht garantiert, dass danach weiter ein von Bürgerrechtlern getragenes Museum hier existieren wird. Denn die Birthler-Behörde möchte sich die unabhängige Forschungs- und Dokumentationsstelle schon seit Jahren einverleiben. Verhindern können das wohl nur Senat und Bundeskanzleramt.