Nora von Waldstätten

Der kalte Engel aus dem Tatort

Unbestritten, sie war das kälteste Mädchen, das in letzter Zeit im Fernsehen sein Unwesen trieb. Skrupellos spann Nora von Waldstätten als Eliteschülerin Viktoria im Tatort "Herz aus Eis" tödlich endende Intrigen gegen ihre Mitschüler. Doch wer ist die - noch - unbekannte Schöne? Morgenpost Online hat die Wahlberlinerin getroffen.

Foto: Amin Akhtar / Akhtar

Viktoria war eine, die Gefühle als Schwäche ansah. Eine, die ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen ging. Und fast acht Millionen "Tatort"-Zuschauer fragten sich an jenem Sonntag vor einigen Wochen, woher dieses hübsche, aber brutale Geschöpf mit den kalten Augen und dem ebenmäßigen Schneewittchenteint bloß kommt.

Wir treffen die Schauspielerin Nora von Waldstätten in einem Cafe in Prenzlauer Berg. Strickpullover, Jeans, schwarze Wallemähne, dazu eine Zigarette zwischen den Fingern - die 27-Jährige hat sich die Raucherecke des Lokals ausgesucht. Sie wirkt so zart wie im Film, so vornehm, aber ihr fehlt jene Unnahbarkeit, die besonders schöne Menschen sonst oft ausstrahlen. Im Gegenteil. Wenn sie lacht und dabei ihre Nase kräuselt, scheint die "klirrend kalte Eiskönigin" (FAZ) von der echten Nora so weit entfernt zu sein wie der Nordpol vom Äquator.

Rollen zum Gruseln

Auch sie hätte sich vor dieser Figur wohl in Acht genommen. "Als ich den fertigen Film gesehen hatte, habe ich mich vor mir selbst gegruselt", sagt Nora von Waldstätten, "dabei kann ich in der Realität keiner Ameise etwas zu leide tun". Sich in tief in die Gedankenwelt der armen reichen Eliteschülerin einzudenken, sei für sie"erschreckend und doch auf eine absurde Art ein Vergnügen" gewesen, sagt sie - und streicht dabei mit schlanken Finger elegant das Haar zurück. Irritierend, denn genau diese Geste des entspannten Innehaltens, des Etwas-Erledig-Habens benutzte sie auch im Tatort, und zwar ziemlich genau, nachdem ihr Mitschüler vor ihren Augen hilflos wie eine Katze ersoffen war.

Ist es nicht wahnsinnig schwierig, eine Person darzustellen, die so weit weg von einem selbst ist? Nora von Waldstätten nickt und drückt ihre Zigarette aus. Um die Abgründe einer Figur zu verstehen, lege sie sich immer eine komplette Biografie der zu spielenden Person zurecht, sagt sie. Bei Viktoria habe sie sich tief in deren Familienverhältnisse hineinphantasiert: "Der Kern der Verletzung liegt bei ihr in der Kindheit. Sie musste sich schon sehr früh alleine durchschlagen".

Ganz anders als Nora selbst, die mit vollem Namen Baronesse Nora Marie Theres Elisabeth von Waldstätten heißt und einem der ältesten Adelsgeschlechter Österreichs entstammt. Sie sei in der Biedermeier-Idylle der Wiener Vorstadt Baden aufgewachsen, mit Eltern, die früh die Talente ihrer vier Kinder gefördert hätten, erzählt Waldstätten: "Bei Neujahrskonzerten habe ich mich im elend langen Rock von meiner Mutter zum Walzer gedreht".

Mit sechs Jahren dann ihr Schlüsselerlebnis. Sie durfte als eine von Frau Holles Schneeflocken durch das Badener Stadttheater wirbeln. Ein Erlebnis, das sie, wie sie sagt, nachhaltig geprägt habe: "Als ich zum ersten Mal auf der Bühne stand, wusste ich, das fühlt sich schön und stark an, da will ich bleiben". Als sie mit dreizehn in Baden ihre erste Sprechrolle ergatterte und neben dem Körper die Sprache als Ausdrucksmittel für sich entdeckte, sei ihr Berufswunsch endgültig klar gewesen.

Und es ging gradlinig weiter mit Nora von Waldstättens Karriere: Nach dem Abitur ging sie nach Berlin, wurde sofort nach dem ersten Vorsprechen an der UdK angenommen, spielte schon im ersten Semester eine Rolle neben Jürgen Vogel in "Jargo" gespielt, eine namhaften Agentur nahm sie unter Vertrag.

Wenn Nora von Waldstätten von den Stationen ihres Lebens erzählt, dann hört sich das alles sehr selbstverständlich an. Wenn sie ihre Erfolge aufzählt, all die kleinen Schritte, die steil nach oben führen, dann merkt man schnell: Von Waldstätten ist eine, die nicht angibt oder sich übertrieben über ihren Erfolg definiert. Sie sagt oft vorbildliche, vernünftige Dinge wie: "Ich möchte meine Arbeit natürlich gut machen, und dabei Demut und Bescheidenheit nicht außer Acht lassen," oder "Ich habe sehr genau abgewägt, was ich während der Ausbildung drehe". Dabei blickt sie so entspannt und freundlich, dass man glaubt, es sei diese innere Bodenständigkeit, gepaart mit dem Willen zum Fleiß, der die Regisseure reihenweise dazu treibt, sie immer wieder für die schwierigen Rollen zu besetzen: Nora ist oft das junge Mädchen ohne Ziel, die junge Frau mit dem psychischen Defekt.

In dem Außenseiterdrama "Schwerkraft" etwa, das im Herbst im Fernsehen ausgestrahlt wird, spielt sie die Modedesignerin Nadine, eine Frau kurz vor der Selbstaufgabe, die verzweifelt versucht, sich von ihrem Exfreund zu lösen. Am Deutschen Theater kroch sie in Elfriede Jelineks "Über Tiere" als ukrainische Prostituierte über den Bühnenboden. Und auch als Mona in "Jargo" war sie drogensüchtig und verloren.

Außergewöhnliches Engagement

In dem Film "Tangerine" von Irene von Alberti, der am 14. Mai in die Kinos kommt, spielt sie die Musikerin Pia, die nach Tanger reist und ihren Freund zum Seitensprung animiert - um sich selbst zu spüren. Wieder eine Rolle, die nicht weiter von Waldstättens wahrem Charakter entfernt sein könnte. "Da haben sich bei mir in manchen Szenen regelrecht die Nackenhaare aufgestellt und ich habe zu Irene gesagt, das ist doch fürchterlich, was die da macht".

Ihre eigene Moralvorstellung außen vor zu lassen, sei wieder eine Herausforderung gewesen. Und doch habe sie auch Mitleid mit der Figur gehabt: "Man kann auch sehen, wie taub die Gefühlswelt schon sein muss, wenn man so große Amplituden braucht, um überhaupt noch eine Resonanz zu spüren". Nora lächelt, fast wirkt sie wieder wie die junge Filmstudentin, die sie noch vor zwei Jahren war. Fragt man die Regisseurin Irene von Alberti nach ihrer Hauptdarstellerin, kommt die schnell auf von Waldstättens außergewöhnliches Engagement zu sprechen, auf die große Disziplin, mit der sie sich auf ihre Rollen vorbereitet, auch wenn sie sie ihr noch so fern seien. "Und dazu kommt noch ihre ungewöhnliche Attraktivität", sagt Alberti, "sie hat einfach Augen, in die man alles reininterpretieren kann".

Auch in ihrem allerneusten Film ist von Waldstätten wieder gefährlich nah am Abgrund. Für "Carlos" habe sie sich gerade mit Literatur über die Terrorszene der siebziger und achtziger Jahre ausgestattet, denn darin spielt sie Magdalena Kopp, die deutsche Ex-Frau des legendären Topterroristen. Noch will sie über die imaginäre Biografie dieser Frau aus Neu-Ulm nichts preisgeben. Warum Magdalena Kopp diesen gefährlichen Topterroristen geliebt hat, warum sie für ihn in den Untergrund ging und worüber die beiden wohl am Abendbrottisch gesprochen haben mögen, für all diese Fragen bräuchte es noch Zeit, um sie beantworten zu können, sagt von Waldstätten: "Aber ich bin auf der Reise".

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