Tote nach Gruppenbehandlung

Haftbefehl gegen Berliner Psycho-Arzt

Die Vorgänge in der Arztpraxis in Hermsdorf werden immer undurchsichtiger. Der Arzt hat inzwischen gestanden, seinen zwölf Patienten einen Drogencocktail gegeben zu haben. Gegen den 50-Jährigen wurde nun Haftbefehl wegen zweifacher Körperverletzung mit Todesfolge sowie gefährlicher Körperverletzung in sechs Fällen erlassen.

Gegen den Arzt und Psychotherapeuten Garik R. (50) ist gestern Abend Haftbefehl erlassen worden. In Rs. Hermsdorfer Praxis starb am Sonnabend ein Mann nach dem Konsum von Drogen, ein zweiter Stunden später im Krankenhaus. Zehn weitere Patienten wurden teils lebensgefährlich verletzt. Der Haftrichter wirft dem Mediziner zweifache Körperverletzung mit Todesfolge sowie gefährliche Körperverletzung in sechs Fällen vor. Die Staatsanwaltschaft hingegen hatte ihm unter anderem zweifachen Mord, mehrfache gefährliche Körperverletzung und Drogenhandel vorgeworfen.

In seinen Vernehmungen durch die 2. Mordkommission hat Garik R. eingeräumt, den Teilnehmern einer Gruppensitzung verschiedene Substanzen und Psychodrogen gegeben zu haben. Laut Polizei könnte es sich um Ecstasy, eventuell sogar Heroin handeln.

Der 59-jährige Joachim K. aus Heiligensee starb am Sonnabendnachmittag im Obergeschoss des Arzthauses an der Bertramstraße, der 28 Jahre alte Marcel K. einige Stunden darauf im Humboldt-Klinikum in Reinickendorf. Von drei weiteren dorthin gebrachten Opfern der obskuren Therapiesitzung konnte eines gestern entlassen werden. Zwei sind laut Vivantes-Sprecherin Astrid Steuber noch in stationärer Behandlung. Ihnen gehe es den Umständen entsprechend gut. Der Zustand des 55-jährigen Ekkehard N. aus Schöneberg, der nicht im Vivantes-Klinikum behandelt wird, ist weiterhin kritisch. Er liegt laut Polizei im künstlichen Koma.

Arzt bildete Heilpraktiker aus

Nach Informationen dieser Zeitung hatte Garik R. den Teilnehmern einer sogenannten psycho?lytischen Therapie einen Drogencocktail verabreicht. Ermittler schließen nicht aus, dass den Betroffenen neben Ecstasy auch Heroin, Amphetamine oder psychogene Pilze per Spritze oder Tabletten gegeben wurden. Der Mediziner und seine Ehefrau Elke P. (41) hatten nach den bisherigen Ermittlungen am Sonnabend gegen 10 Uhr zwölf Patienten im Alter zwischen 26 und 59 Jahren in ihrer Praxis empfangen. Um 15.21 Uhr ging bei der Feuerwehr ein Notruf aus dem Arzthaus ein. Fünf Rettungswagen sowie mehrere Notärzte fuhren in die bis dahin ruhige Bertramstraße. Auch ein Hubschrauber landete in dem beschaulichen Wohngebiet. Bei dem 59-jährigen Joachim K. konnte jedoch nur noch der Tod festgestellt werden. Marcel K. und Ekkehard N. konnten zunächst wiederbelebt werden. Bevor Ärzte und Sanitäter die Teilnehmer der Therapiegruppe behandeln konnten, mussten Polizisten die aufgeputschten und sehr aggressiven Mitglieder erst beruhigen.

Der niedergelassene Kassenarzt Garik („Garri“) R., der in Taschkent in Usbekistan geboren wurde, hat eine Zulassung für Psychotherapie. In den 90er-Jahren bildete er in der Nähe von Kassel auch Heilpraktiker aus. Regina K. aus Aachen, die von 1994 bis 1997 bei Garik R. Ausbildungsseminare besucht hatte, beschrieb ihn als „sehr zuverlässigen Arzt“, der stets „superkorrekt“ gewesen sei. „Ich kann mir den Vorfall in Berlin nicht erklären“, sagte sie gestern. Später war R. als Psychotherapeut in der Oberberg-Klinik in Wendisch-Rietz bei Bad Saarow tätig. Heute arbeitet seine Ehefrau Elke P., Heilpraktikerin, mit Garik R. zusammen. Das Paar hat vier Kinder.

Das, was am Sonnabend in der Hermsdorfer Praxis als psychotherapeutische Behandlung versucht worden ist, hat nach Einschätzung von Fachleuten nichts mit einer anerkannten Therapieform zu tun. Eine psycholytische Therapie, bei der Patienten mithilfe von Drogen zu einer Bewusstseinserweiterung geführt werden sollen, sei nicht zugelassen. Sie werde selbstverständlich auch nicht von Krankenkassen bezahlt, sagte der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psycho?therapie und Nervenheilkunde, Thomas Nesseler. Gerade in der Zusammenarbeit mit Heilpraktikern gebe es aber „viele Dinge, die nicht State of the Art“ seien. Eine Qualitätssicherung sei bei solchen Verfahren nicht gegeben.

Der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin, Professor Andreas Heinz, spricht von einem extremen „Vertrauensmissbrauch“ durch den Arzt gegenüber seinen Patienten. Vor allem der Ort, eine offiziell von der Kassenärztlichen Vereinigung zugelassene Praxis, könnte den Eindruck der Teilnehmer verstärkt haben, hier handele es sich um ein zugelassenes, seriöses Verfahren. Es bestehe sogar die Gefahr, dass der Arzt seine Macht ausgenutzt und bei den Patienten ein Abhängigkeitsverhältnis aufgebaut haben könnte. Seit Mitte der 60er-Jahre habe es immer wieder Experimente mit Drogen gegeben; der bekannteste Vertreter dieser Richtung, der Versuche mit LSD vornahm, war der Amerikaner Timothy Leary. Diese Methoden seien aber heute „überhaupt nicht mehr anerkannt“, sagte Heinz. Es gebe jedoch immer noch Leute, die „herumexperimentieren“.

Vermutlich bewegten sich der Arzt und seine Frau jedoch in einer Szene, die solche und ähnliche Experimente mit einem anderen Lebensentwurf verbindet. Beide fungierten als Kontaktpersonen und Referenten einer sogenannten Therapeutisch-Tantrisch-Spirituellen Universität Nennigkofen-Lüsslingen in der Schweiz. Dort hat sich eine Gemeinschaft „Kirschbaumblüte“ zusammengefunden. Für 2010 ist neben Veranstaltungen mit dem Titel „Die Art des Kriegers“ und Tantra-Seminaren auch ein Seminar mit Garik R. angekündigt: „Heimat finden, Heimat schaffen, Heimat sein“.

Dubiose Kommune in der Schweiz

Chef der Schweizer Kommune, der nach eigenen Angaben 80 Erwachsene und 55 Kinder angehören, ist der Psychiater und Psychotherapeut Samuel Widmer, der als Spezialist für Psycholytische Psychotherapie auftritt. Widmer hatte in der Schweiz die offizielle Genehmigung, seinen Patienten LSD und Amphetamine zu verabreichen. Inzwischen, so heißt es, arbeite er mit legalen Substanzen. Die tantrische Methode des Tabubruchs beschränkt sich offenbar nicht auf den Drogenkonsum. Widmer hat ein Buch geschrieben, in dem er das Inzesttabu infrage stellt, weil es bei Kindern zu Traumata führen könne, wenn der Vater die Liebe der Tochter nicht erwidere.

Fragen nach Garik R. werden schmallippig abgeschmettert. Man habe „davon gehört“, sagte Widmers Assistentin gestern. Dann legte sie schnell auf.

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