Missbrauchsfälle

Canisius-Kolleg - Ein Opfer erzählt

Schon bis Freitag hatten sich 22 Missbrauchs-Opfer bei Pater Klaus Mertes, Rektor des Canisius-Kollegs, gemeldet. Doch die Dunkelziffer könnte weitaus höher liegen. Morgenpost Online hat mit einem 47-Jährigen gesprochen, der noch heute unter den Folgen lebt.

Nach jahrelangem Schweigen hat sich ein Missbrauchs-Opfer des Canisius-Kollegs an Morgenpost Online gewandt und Einzelheiten der systematischen Übergriffe geschildert. Bis heute, so der 47-Jährige, leide er unter den Dingen, die ihm an dem Elite-Gymnasium angetan worden waren. Drogenprobleme und eine gestörte Sexualität gehören zu den Symptomen.

„Die Methoden der beiden Lehrer waren perfide und immer die gleichen. Ich gehe davon aus, dass es insgesamt mehrere Dutzend Opfer gibt.“ Der beschuldigte Peter R. soll demnach psychischen Druck auf die pubertierenden Jugendlichen ausgeübt haben. „Wir nannten es den Psycho-TÜV, zu dem wir allwöchentlich mussten. Einzeln wurden wir von ihm befragt, ob wir in sexueller Hinsicht an Mädchen denken würden und ob es auch Onanie gab. Anschließend mussten wir unsere Genitalien zeigen und auch an uns selbst Hand anlegen“, berichtet der Mann, der für die Öffentlichkeit anonym bleiben möchte. „ Wir mussten uns immer wieder entblößen und berühren lassen.“ Peter R. habe auf Kosten der Seelen der Kinder gelebt.

Der ebenfalls beschuldigte Wolfgang St. sei bei den Jugendlichen ob seiner Art eigentlich sehr beliebt gewesen. „Bei ihm war es einfach. Erreichten wir gute Noten, versprach er ein Essen in einem guten Restaurant. Im Falle von schlechter Noten verlangte er, dass wir uns nackt auf seine Knie legen.“

Dass sonst niemand von den Machenschaften der beiden mutmaßlichen Täter gewusst haben will, hält der 47-Jährige für eine Schutzbehauptung. „Es gab immer Gerüchte. Es kann mir niemand erklären wollen, dass diese an den Türen der Verantwortlichen stoppten.“ Dafür spräche auch, dass einige Ordensbrüder besonders menschlich zu ihm und anderen Jugendlichen gewesen seien. „Wir hatten das Gefühl, dass sie uns trösten wollten, weil sie wussten, was uns angetan wurde, aber sich außer Stande sahen, uns zu helfen.“ Zur Polizei ging er nicht. „Es war eine harte Zeit, ich habe mich nicht getraut.“

Lange war der 47-Jährige drogenabhängig, Partnerschaften scheiterten, weil er „kein guter Partner im sexuellen Bereich“ sein konnte. Erst jetzt, auf Anraten seiner Ärzte, hat er nun den Entschluss gefasst, über das Martyrum zu sprechen. „Sie haben gesagt, dass es mir vielleicht helfen könnte.“