Missbrauchs-Vorwürfe

Die wichtigsten Fragen zum Canisius-Kolleg

Experten der Kirche, der Schule, von Polizei und Justiz sowie der Opferhilfe „Innocence in danger" haben Morgenpost Online auf die wichtigsten Fragen zu den Missbrauchsfällen am Canisius-Kolleg geantwortet.

Warum handelt die Schule erst jetzt?

Nach einem allgemeinen Aufklärungsbrief an die Eltern der aktuellen Schüler, in dem es um das Erkennen von Fällen des Kindesmissbrauchs ging, haben sich vier Opfer beim Direktor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, gemeldet. Aus ihren Geschichten ging hervor, dass mindestens zwei ehemalige Patres systematisch Schüler missbraucht haben. Daher verfasste Mertes den Brief an ehemalige Schüler.

Hätte die Schulleitung Strafanzeige erstatten müssen, als sie in früheren Jahren von den Fällen erfuhr?

Nach Angaben aus Ermittlerkreisen war die Schule dazu nicht verpflichtet. Das Canisius-Kolleg ist eine private Schule in der Trägerschaft des Jesuitenordens. Als sich 2004 und 2005 zwei andere Opfer an den Schulleiter wandten, hätten sie ihn um absolutes Stillschweigen gebeten, so der Jesuitenpater. Er habe seine Verschwiegenheitspflicht nicht verletzen können und wollen.

Hätte die Schule von sich aus an die Öffentlichkeit gehen müssen?

„Ich quäle mich mit der Frage, ob ich früher hätte reagieren sollen“, sagte der Rektor des Jesuitengymnasiums, Pater Klaus Mertes. Erst auf Nachfragen räumte der Schulleiter indirekt ein, intern trotzdem einen Hinweis weitergegeben zu haben. Nach einem von der katholischen Bischofskonferenz 2002 beschlossenen Reglement müssen Fälle sexuellen Missbrauchs in katholischen Einrichtungen an eigens eingesetzte Beauftragte gemeldet werden. Warum das in diesem Fall keine Konsequenzen nach sich zog, bleibt daher offen.

Was unternimmt die Polizei jetzt?

Ein Fachkommissariat des Berliner Landeskriminalamtes hat ein Verfahren wegen des Verdachts des „sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen“ eingeleitet. Die Beamten prüfen nun die Verjährungsfristen und das Ausmaß des Ermittlungskomplexes. Sollte dieser umfangreicher sein als bislang vermutet, könnte eine „besondere Aufbauorganisation“ (BAO) – vergleichbar mit einer Sonderkommission – ins Leben gerufen werden.

Können die Täter juristisch belangt werden?

Nach jetzigem Kenntnisstand: nein, sagt Rechtsanwältin Ursula Raue, die mit den Fällen betraut ist. Die Verjährungsfrist bei Missbrauchsfällen tritt spätestens zehn Jahre nach Vollendung des 18. Lebensjahres ein. Nach bisherigen Erkenntnissen haben sich die Taten vor allem in den 70er und frühen 80er-Jahren ereignet. Die Opfer sind demnach heute 40 bis 50 Jahre alt. Wäre eine juristische Verfolgung möglich, drohte den Tätern eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren.

Begünstigen kirchliche Strukturen das Verdunkeln solcher Fälle? Warum tun sich die Opfer so schwer, sich zu bekennen?

In gewisser Weise ja, meint Julia von Weiler, Geschäftsführerin der Opferhilfe „Innocence in danger“. Denn jeder gehe davon aus, dass kirchliche Würdenträger per se gute Menschen sind mit einem ganz besonderen Werteverständnis. Kollegen oder Eltern können sich nicht vorstellen, dass so etwas Schreckliches in diesem Umfeld passiert. Im Falle des Canisius-Kollegs identifizieren sich nach Angaben eines ehemaligen Schülers viele stärker, als es die Absolventen anderer Schulen mit ihren Gymnasien tun, aber auch mit dem Jesuitenorden und der Katholischen Kirche an sich. Dazu trage das strenge Auswahlverfahren ebenso bei wie der bewusste Entschluss der Familien, sie genau auf diese Schule zu schicken. Denn am Canisius-Kolleg geht es nicht nur um Leistung. Viele Schüler sind gläubige und aktive Katholiken. Für sie ist es besonders schmerzlich, dass innerhalb der Kirche solche Verfehlungen vorkommen.

Warum dauert es häufig so lange, bis bei Missbrauchsfällen das Schweigen von den Opfern gebrochen wird?

Man müsse bedenken, dass Mitte der 80er-Jahre sexueller Missbrauch überhaupt erst thematisiert wurde, sagt Julia von Weiler von „Innocence in danger“. Es gab keine Anlaufstellen für Opfer. Hinzu kommt, dass die Opfer häufig selbst die Schuld auf sich nehmen und deshalb schweigen. Selbst wenn sie den Mut haben, das Thema anzusprechen, werde ihnen oft nicht geglaubt. Laut Statistik müssten missbrauchte Kinder auch heute im Durchschnitt acht Erwachsene ansprechen, bis ihnen geholfen wird.

Warum schweigen Kollegen oder Familienangehörige in ähnlichen Fällen, wenn sie Mitwisser sind?

Häufig fühlten sie sich mitschuldig, weil sie selbst nichts unternehmen konnten oder es ihnen schwer fiel, etwas zu unternehmen, um das Kind zu schützen, so die Geschäftsführerin von „Innocence in danger“. Dazu komme, dass sie die Institution Kirche oder Schule nicht beschädigen wollten.

Hilft Opfern von sexuellem Missbrauch die Konfrontation mit den Tätern?

„Oft ist das hilfreich, vor allem wenn die Täter ihre Schuld eingestehen“, sagt die Psychologin Julia von Weiler. Aber selbst wenn der Täter die Vorwürfe weiter bestreite, könne die Konfrontation hilfreich sein, weil die Opfer dann das Gefühl hätten, sich endlich gewehrt zu haben. Hilfsorganisationen beraten, was im Einzelfall helfen kann.

Ist es richtig, über die Vorgänge zu informieren, jedoch weder Details noch Täter zu nennen?

Nach Auffassung der Opferhilfe „Innocence in danger“ ist das der richtige Weg. Pater Mertes wahre somit die Integrität der Opfer und nehme gleichzeitig den Deckmantel des Schweigens weg. Das helfe den Opfern, schon deshalb, weil sie jetzt wissen, dass es anderen ähnlich ging, dass sie sich die Vorgänge nicht eingebildet hatten.

Hat das Jesuiten-Kolleg sich allein entschlossen, den Brief zu schreiben?

Nein. Pater Mertes hat sich mit den Leitern der anderen Jesuiten-Kollegien in Deutschland und in Absprache mit der Katholischen Kirche des Erzbistums Berlin zu dem Schritt entschieden, einen Brief an alle ehemaligen Schüler zu schreiben. „Wir begrüßen das Vorgehen des Paters und unterstützen das Kolleg“, sagte der Sprecher der Katholischen Kirche in Berlin, Stefan Förner.

Wie geht es am Canisius-Kolleg weiter?

Die Leitung der deutschen Jesuiten-Ordensprovinz in München kündigte volle Unterstützung bei der Aufklärung an und sprach Mertes ihr „uneingeschränktes Vertrauen“ aus. Mit den weiteren Ermittlungen hat die Schule die Missbrauchsbeauftragte des Ordens, Rechtsanwältin Ursula Raue, beauftragt. Sie soll im Auftrag des Ordens klären, was in den Jahren genau vorgefallen ist, wie der Orden reagierte und was mit den Tätern geschah. Im Mediationsverfahren strebt die Anwältin Gespräche zwischen Opfern und Tätern an, um den Tätern vor Augen zu führen, welche Folgen ihr Handeln bei den Opfern hervorgerufen hat. Dieser Täter-Opfer-Ausgleich ist ein anerkanntes Verfahren, um Wiedergutmachung jenseits der juristischen Aufarbeitung zu ermöglichen.

Welche Rolle spielt die Institution der Katholischen Kirche?

Eine Nebenrolle. Jesuiten sind zwar Katholiken, nehmen aber innerhalb der Kirche eine Sonderrolle ein. Dennoch verweist Pater Mertes auf eine Mitschuld der Katholischen Kirche. „Übergriffige Seelsorge“ oder „Tabuisierungen und Obsessionen in der kirchlichen Sexualpädagogik“ seien Probleme, die dazu führen könnten, dass Missbräuche geschehen und de facto auch von Seiten der Kirche gedeckt werden, heißt es in seinem Brief an die ehemaligen Schüler.