Holocaust-Mahnmal

Wo Menschen gern hingehen und sich erinnern

Vor fünf Jahren wurde das Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte eröffnet, um der ermordeten Juden Europas zu gedenken. Fast vergessen sind die Streitigkeiten im Vorfeld. Wie ein Abenteuerspielplatz wirkten die Stelen, moserten Kritiker. Doch mit der Fertigstellung begann eine grandiose Erfolgsgeschichte. Ein Besuch.

Niemand weiß genau, wie viele Menschen das Denkmal im Herzen der Stadt inzwischen besucht haben. Es liegt da, offen bis zur Schutzlosigkeit, und nimmt jeden, wie er von der Straße hereinkommt. Verbotsschilder muss man lange suchen. Wer in das Stelenfeld von Peter Eisenman hineinläuft, ist allein mit sich. Niemand macht einem Vorschriften, was an diesem Ort zu empfinden wäre. Man kann nachts gehen, wenn es stiller ist, im eisigkalten Winter oder aber im warmen Sommer, wenn der Platz von Schulkassen nur so brummt. Man kann von oben draufsehen, wo der Platz mit den 2711 Stelen bewegt wirkt wie ein Kornfeld im Wind, oder man stellt sich an seinen tiefsten Punkt, umragt von den Steinen, an dem man den Ausweg aus dem Blick verliert. Wer andere Holocaust-Museen kennt, kann über die Anmut und das Vertrauen, das in Berlin in den Einzelnen gesetzt wird, nur staunen.

Über 22 Jahre nach seiner „Erfindung“ durch die Publizistin Lea Rosh und ihren Freund, den Historiker Eberhard Jäckel, und fünf Jahre nach seiner feierlichen Einweihung 2005 ist das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, kurz Holocaust-Mahnmal, eine Erfolgsgeschichte ohne Beispiel. Was hatte man nicht alles befürchtet. „Abenteuerspielplatz“, „steinerner Schlussstrich“, „Themenpark des Grauens“ hieß es. Dass Leute ihre Cheeseburger auf den Stelen kauen, dass es zu Sonnenbänken, Flirts und Schlimmerem kommen würde oder Neonazis die Betonflächen für gesprühten Hass benutzen könnten – so und ähnlich lauteten die letzten Einwände noch, als die großen ideologischen Schlachten längst geschlagen waren.

Giftige und böse Worte fielen

Es sind damals giftige, böse Worte gefallen. Manche der Beteiligten sprechen noch heute nicht miteinander. Die Kontroverse mit dem Schriftsteller Martin Walser über das Gedenken an den Holocaust verfinsterte die Lebensbilanz von Ignatz Bubis, dem früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden. Von der „Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Albtraum, der Monumentalisierung der Schande“, hatte Walser in seiner Paulskirchenrede gesprochen und danach Ovationen bekommen. Nur Ignatz Bubis war sitzen geblieben und hatte sich fröstelnd umgesehen. Es war der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl gewesen, der auf Lea Rosh zuging und ihr sagte: „Mit Ihnen machen wir das Mahnmal.“ Bubis hatte Kohl überredet, der im Gegenzug die „Pietà“ Unter den Linden errichten ließ – ein Mahnmal für die Opfer beider Kriege.

Kohls Nachfolger Gerhard Schröder hatte zwar den Staatsvertrag mit dem Zentralrat der Juden geschlossen und sich vom Mahnmal den Ort versprochen, „wo man gerne hingeht“. Aber die Gewissheit, auf der moralisch sicheren Seite zu stehen, hatte bei vielen im rot-grünen Regierungslager eine bis dahin ungekannte Entspanntheit im Umgang mit der Vergangenheit aufkommen lassen – so entspannt, dass Berlins Regierender Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), in einer Talkshow nicht mit letzter Sicherheit zu sagen wusste, wann der Zweite Weltkrieg genau geendet hatte. Sein Vorgänger, Eberhard Diepgen (CDU), hatte noch befürchtet, mit dem Mahnmal werde Berlin zur „Hauptstadt der Schande“.

Davon kann keine Rede sein. Die anmutige Zurückhaltung und ästhetische Brillanz haben es zu einer der Hauptattraktionen der Bundeshauptstadt werden lassen, ohne die Geste an die Opfer zu banalisieren. „Die allermeisten Besucher benutzen das Mahnmal sehr vernünftig“, sagt Uwe Neumärker, Geschäftsführer der Stiftung. „Ich weiß gar nicht, wann wir die letzte Schmiererei hatten. Jede normale Berliner Hauswand ist da öfter betroffen, scheint mir.“ Fällt ihm ein Unterschied auf in der Gemütslage der Besucher, je nachdem, ob es Deutsche oder Ausländer sind? „Es ist ja hier nicht wie beim Besuch in einem Lager, wo irgendwie klar ist, was von einem erwartet wird, und man weiß: Hier muss ich bußfertig erscheinen. Wir wollen hier keine Schuldgefühle verursachen“, erklärt Neumärker. „Hier geht es um die Opfer.“

Lea Rosh fuhr so manchem über den Mund

Auch Lea Rosh ist einverstanden. Die 73-Jährige hat einmal zu den meistgehassten Figuren der Bundesrepublik gehört und ihrerseits durch Plakataktionen auf sich aufmerksam gemacht, mit denen sie ihre Landsleute erziehen zu wollen schien. Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ wählte sie einst zur „peinlichsten Deutschen“ und zeigte sie, mit den Füßen in die Stelen einbetoniert, neben sich einen Hund mit Namen Adolf. „Führende Kraft der Bewältigungsbranche“, „Mutter aller Mahnmäler“, „Vierteljüdin“, hieß es damals, und sie wurde gefragt, wie sie eigentlich dazu käme, im Namen der Opfer zu sprechen. „In wessen Namen denn sonst“, pflegte die rauflustige Publizistin damals zu antworten, die nichts dagegen hatte, auch Überlebenden und deren Nachkommen über den Mund zu fahren, wenn es um das richtige Gedenken ging – beispielsweise im Streit über die Beschichtung der Stelen durch die Firma Degussa, gegen die der Architekt Peter Eisenman nichts, Lea Rosh aber sehr viel einzuwenden hatte.

Wenn man sie fragt, was ihr von dem langen Weg zum Mahnmal besonders in Erinnerung geblieben ist, sagt sie heute: „Die heftigsten Widerstände kamen zuerst mal von anderen Gedenkstätten. Die fürchteten um ihre ABM-Stellen. Sie glauben nicht, was das für Eifersüchteleien ausgelöst hat.“ Die Auseinandersetzungen hätte sie sich „etwas fairer“ gewünscht. Besonders zu Herzen gegangen ist ihr die Kritik der Sinti und Roma, die sich ausgegrenzt fühlten. „Warum kriegen die Juden eine Extrawurst“, sei sie gefragt worden. „Weil sie eben auch bei der Vernichtung eine Extrawurst bekommen haben“, sagt Lea Rosh dann immer.

Kein Vergleich mit Erika Steinbach

Den Vergleich mit Erika Steinbach – der Präsidentin des Bundesverbands der Vertriebenen – lehnt sie ab. Eine Frau kettet ihr politisches Schicksal an ein Mahnmal für Opfer – das ist nicht ihre Story. „Das Mahnmal war kein Lebenstraum von mir, ich habe in meinem Leben sehr viel mehr gemacht als das. Aber die Aufgabe wuchs und wuchs, und je ernsthafter der Widerstand wurde, desto wichtiger wurde es. Außerdem wollte niemand außer mir den Vorsitz der Stiftung übernehmen.“ Als es dann endlich eingeweiht werden sollte, überraschte und brüskierte Rosh die Festgäste mit der Forderung, der Backenzahn, den sie vor damals 17 Jahren auf dem Gelände des früheren deutschen Vernichtungslagers Belzec unter einem Sandberg gefunden hat, solle in eine der Stelen des Mahnmals eingelassen werden.

Aber jetzt hat Lea Rosh ihren Frieden mit den Deutschen gemacht, und die mit ihr. „Es gibt kein anderes Land auf der Welt, das sich eines industriellen Mordens in dieser Größenordnung zuschulden kommen ließ wie die Deutschen“, sagt sie heute. „Aber es gibt auch kein anderes Volk auf der Welt, das sich mit den eigenen Verbrechen dermaßen offen auseinandergesetzt hat.“