Kindesmissbrauch

Mit Uwe K. kam die Angst nach Spandau

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Dirk Banse, Maren Wittge und Steffen Pletl

Foto: Steffen Pletl

Ende 2007 zog der verurteilte Sexualstraftäter in eine Wohnung in Spandau. Obwohl die Nachbarn angeblich nichts von seiner Vergangenheit wussten, wollten nur wenige etwas mit ihm zu tun haben. Vor allem sein merkwürdiges Verhalten Kindern gegenüber fiel den Anwohnern auf.

Peggy A. sitzt in einem Sessel in ihrem Wohnzimmer, im Arm ihre zwölfjährige Tochter. Sie haben Angst. Angst vor Uwe K., dem Nachbarn, der sich an dem Mädchen vergangen haben soll. Angst vor dem Mann, der zu den zehn gefährlichsten Sexualstraftätern gehört, die nach Ende ihrer Haftzeit in Berlin ansässig geworden sind – und von der Polizei überwacht werden.

Offensichtlich nicht intensiv genug. Denn Uwe K. soll die Zwölfjährige im Sommer 2008 missbraucht haben. In seiner Wohnung soll er das Mädchen angefasst und aufgefordert haben, sich zu entkleiden, bevor er sich an dem Kind verging. Das Mädchen wäre nicht das erste Opfer. Uwe K. ist ein Serientäter. Elf Jahre saß er in der Haftanstalt Brandenburg (Havel). Verurteilt wurde Uwe K. 1996, nachdem er zuvor im Falkensee (Havelland) neun Kinder vergewaltigte und sexuell missbrauchte.

Obwohl zwei Gutachten den Mann für weiterhin gefährlich einstuften, musste er im April 2007 entlassen werden. Eine von der Staatsanwaltschaft beantragte nachträgliche Sicherungsverwahrung scheiterte aus formaljuristischen Gründen. Ein Passus im Einigungsvertrag legte fest, dass für Taten von ehemaligen DDR-Bürgern, die vor dem 1. August 1995 begangen wurden, keine Sicherungsverwahrung angeordnet werden durfte, weil es dieses Instrument im DDR-Strafrecht nicht gab.

Seine Therapie in Süddeutschland brach er nach wenigen Monaten ab

Nach seiner Haftentlassung im April 2007stand K. unter Führungsaufsicht mit strengen Auflagen. K. musste sich regelmäßig bei einem Bewährungshelfer melden und hatte die Weisung, sich von Kinderspielplätzen und anderen von Kindern bevorzugt genutzten Örtlichkeiten fernzuhalten. K. zog zuerst nach Süddeutschland, begann dort eine Therapie, brach sie aber nach wenigen Monaten ab. Ende des Jahres kehrte Uwe K. zurück und bezog eine Wohnung im Falkenhagener Feld in Spandau.

Gleich darauf nahm ihn eine Fachdienststelle des Landeskriminalamtes für die Überwachung von rückfallgefährdeten Sexualtätern ins Visier. Er wurde überwacht, aber eben nicht rund um die Uhr. Seit Dezember 2007 haben Polizisten ihn an lediglich 32 Tagen observiert. Womöglich ein schweres Versäumnis, monierten Experten gestern. Eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung sei rechtlich gar nicht möglich, hält LKA-Chef Peter Michael Haeberer dem entgegen (siehe Interview). Auch die Nachbarn seien frühzeitig gewarnt worden, versicherte der LKA-Chef.

„Uns hat damals keiner gewarnt“, beteuert hingegen Peggy A. „Sonst hätte ich das doch nie erlaubt.“ Im Sommer 2008 habe Uwe K. der damals Elfjährigen angeboten, ihr eine CD brennen zu wollen und sie so in seine Wohnung gelockt. Als die Polizei die Mutter schließlich über Uwe K. und seine Vergangenheit informierte, sei es bereits zu spät gewesen.

Wenn Uwe K. tatsächlich rückfällig geworden ist, stellt sich die Frage, wie oft? „Der Haftbefehl wurde wegen des dringenden Verdachts der Vergewaltigung und des schweren sexuellen Missbrauchs in einem Fall ausgestellt. Es gibt allerdings Hinweise, dass es nicht der einzige Fall ist“, sagte Justizsprecher Martin Steltner.

In Berlin leben derzeit 238 aus der Haft entlassene Sexualstraftäter. 63 gelten als besonders gefährlich, bei 35 sind die Verdachtsfälle sogar so gravierend, dass ihr Umfeld gewarnt wurde. Zehn Sexualstraftäter haben sich seit der Haftentlassung Kindern genähert und damit gegen Auflagen des Gerichts verstoßen. Sie wurden vorübergehend festgenommen, erkennungsdienstlich behandelt und anschließend observiert. Einer von ihnen ist Uwe K.

Dass er sich an der Tochter von Peggy A. vergangen haben soll, wurde erst 15 Monate nach der Tat bekannt. Da vertraute sich das Mädchen einer Nachbarin an. Die ging mit ihr zur Polizei und erstattete Anzeige. Kurz darauf wurde Uwe K. festgenommen.

Dienststelle warnte das LKA vor Uwe K.

Nicht alle waren so ahnungslos wie Peggy A. Die Koordinierungsstelle für rückfallgefährdete Sexualstraftäter warnte nach Hinweisen auf Versößten gegen die Gerichtsauflagen im Oktober 2009 die Spitze des LKA vor der Gefährlichkeit von Uwe K. Die Mitarbeiter forderten eine verstärkte Überwachung, wiesen aber daraufhin, dass ihnen dazu das Personal fehle. Das LKA schickte ein Mobiles Einsatzkommando. Doch der angebliche Missbrauch wurde erst Ende November 2009 durch die Anzeige der Nachbarin bekannt.

Einigen Anwohnern allerdings war der 45-Jährige schon lange nicht geheuer. Besonders den Kindern war K. wiederholt aufgefallen. „Meine Tochter erzählte mir eines Tages, dass der Mann in der Nähe der Spielplätze häufig in den Büschen saß und die dort spielenden Kinder beobachtete“, erzählte gestern Beata N., Mutter eines zwölfjährigen Mädchens. In vielen Fällen soll er die Kinder auch mit seinem Handy fotografiert und angesprochen haben. Nach Informationen dieser Zeitung hat die Kripo nach der Festnahme von K. bei der Durchsuchung seiner Wohnung den Computer mit zahlreichen Kinderfotos sichergestellt.

„Wir ahnten, dass mit dem was nicht stimmt, ihn wollte keiner von den hier lebenden Müttern in der Wohnung haben“, so Beata N. Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler deutet vieles daraufhin, dass K. gezielt Mütter ansprach, um so den Kontakt zu Kindern herzustellen.

Derzeit ist die Kripo damit beschäftigt, die Bewohner der Siedlung, darunter auch die Kinder, zu befragen. „Das ist nicht ganz einfach, wir haben es mit einem schwierigen sozialen Umfeld zu tun“, sagte ein Ermittler am Donnerstag. Nachbarn äußerten Zweifel an der grundsätzlichen Wirksamkeit der Maßnahmen und Auflagen. „Dem Mann wird untersagt, Orte aufzusuchen, an denen sich Kinder aufhalten. Gleichzeitig lässt man ihn in ein Haus einziehen, in dem viele Kinder leben und etliche Spielplätze in unmittelbarer Nähe sind. Wie passt das zusammen?“, fragte eine Anwohnerin.

Selbst sein Neffe hielt ihn für gefährlich

Auch der 20 Jahre alte Adrian K., Neffe des Sexualstraftäters versteht nicht, warum sein Onkel in die Nähe von Kindern gelassen wurde. Zumal sich direkt vor dem Haus ein Kinderspielplatz befinde, sagte Adrian. Der junge Mann war öfter bei Uwe K. zu Besuch und übernahm nach der Verhaftung des 45-Jährigen dessen Einraumwohnung als Untermieter.

Von dem möglichen Rückfall von K. will der 20-Jährige nichts mitbekommne haben. Adrian sei tagsüber arbeiten gegangen und sein Onkel habe als Hartz-IV-Empfänger den Tag zu Hause verbracht. „Ich hab nur beobachtet, wie er sich öfter mit Eltern im Hof getroffen und unterhalten hat“, so der Neffe. Oft habe Uwe K. auch auf dem Balkon gestanden, der nur vom Treppenhaus zu erreichen war und von dem man eine besonders gute Aussicht auf den Spielplatz hatte.

Kritik an dem Vorgehen der Behörden kommt von Georg Ehrmann, Chef der Deutschen Kinderhilfe. „Täter mit dieser Gefährlichkeit dürfen nicht unbeobachtet in einer Gegend mit vielen Kindern leben“, moniert Ehrmann. Glasklar versagt hätten die Verantwortlichen bei Polizei und Justiz, konstatiert der Kinderschützer. Die Betreuung und Überwachung durch Bewährungshelfer sei völlig unzureichend, da diese über keine spezielle Erfahrung im Umgang mit Sexualtätern verfügten, kritisiert Ehrmann.

Jetzt sei zwar zu erwarten, dass bei einer Verurteilung Ks. sofort eine Sicherungsverwahrung angeordnet wird. „Aber die Versäumnisse“, so Ehrmann, „werden traurigerweise auf Kosten eines Kindes, das lebenslang unter der Tat leiden wird, behoben – welch’ menschenverachtende Rechtslage!“

( mit dpa )