Nach dem Köln-Drama

Kanzlerlinie U5 - Experten fürchten um die Sicherheit

Nach dem Häusereinsturz von Köln fordern jetzt auch Berliner Politiker, geplante Tunnelneubauten zu prüfen und möglicherweise ganz auf sie zu verzichten. Sie befürchten, dass durch Arbeiten im schwierigen Berliner Untergrund auch historisch bedeutsame Bauten und im Extremfall sogar Menschenleben gefährdet sind.

Übereinstimmend rechnen sowohl Vertreter der Regierungsparteien als auch der Opposition damit, dass infolge des Kölner Unglücks die schon jetzt nicht gerade billigen Berliner Tunnelbau-Vorhaben noch teurer werden. Durch notwendige zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen könnten die Arbeiten zudem deutlich länger dauern.

Besonders im Fokus der Aufmerksamkeit steht der bereits ab kommendem Jahr geplante Weiterbau der U-Bahn-Linie U5. Für diesen sollen auf gut zwei Kilometer Länge und in bis zu 25 Meter Tiefe zwei Tunnelröhren gebohrt werden, die unter anderem die Spree und das noch aufzubauende Berliner Schloss unterqueren müssen. Außerdem werden die Tunnel unterhalb des Boulevards Unter den Linden an den historisch bedeutsamsten Gebäuden der Stadt vorbeiführen.

Viele historische Gebäude an der Trasse

"Gerade die Straße Unter den Linden ist ein sehr dicht bebauter Bereich mit vielen historischen Gebäuden, da muss mit ganz besonderer Vorsicht gebaut werden", sagt der SPD-Abgeordnete Christian Gaebler, verkehrspolitischer Sprecher seiner Partei. Er fordert eine gründliche Auswertung der Katastrophe in der Kölner Altstadt, in der am Dienstagmittag drei Gebäude – darunter das Stadtarchiv mit seinen unersetzlichen Beständen – in Minutenschnelle in sich zusammengefallen waren. Die Ursache für den Häuser-Einsturz ist bislang nicht abschließend geklärt. Fast alle Experten gehen jedoch davon aus, dass er mit dem nur wenige Meter entfernten Bau eines U-Bahn-Tunnels in Zusammenhang steht. Daraufhin waren Forderungen laut geworden, auf den Tunnelbau in Innenstädten gänzlich zu verzichten.

So weit will der SPD-Verkehrsexperte Gaebler nicht gehen. Es sei überzogen, jetzt sämtliche Tunnelprojekte aufgeben zu wollen. Dennoch sei klar, dass es zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen für derartige Bauvorhaben geben muss. Für den bis 2017 geplanten Weiterbau der U5 in Berlin stelle sich zudem die Frage, ob das Projekt in der bislang geplanten Bauzeit "überhaupt noch darstellbar ist".

Jutta Matuschek, verkehrspolitische Sprecherin der Linken, plädiert dafür, das gesamte U-5-Projekt auf den Prüfstand zu stellen. "Bereits das Planfeststellungsverfahren hat deutlich gemacht, dass wichtige historische Gebäude wie die Humboldt-Universität oder die 'Kommode' durch die unterirdischen Bauarbeiten ganz besonders gefährdet sind", so die Abgeordnete. Für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) dürfe jetzt nicht die Devise gelten "Augen zu und durch".

Die Berliner Grünen hielten den bereits in den 1990er-Jahren zwischen Bundesregierung und Senat vereinbarten Weiterbau der U5 von Anfang an für wirtschaftlich und verkehrspolitisch unsinnig. Für nur zwei Kilometer Tunnel 450 Millionen Euro auszugeben sei Geldverschwendung, sagt die Grünen-Abgeordnete Claudia Hämmerling. Sie ist sicher: "Nach der Katastrophe in Köln wird jetzt alles noch teurer." Sie fordert daher, auf das Vorhaben zugunsten sinnvollerer Verkehrsprojekte zu verzichten.

Der Senat lehnt dies aber ab. Es gebe keinen Grund, den U-Bahn-Bau in Berlin grundsätzlich infrage zu stellen, sagte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) am Donnerstag im Abgeordnetenhaus. Allerdings führe sie bereits seit 14 Tagen mit der BVG Gespräche über die Bauausführung bei der geplanten Verlängerung der U5. Man unternehme alle Anstrengungen, um die gut zwei Kilometer langen Tunnelröhren, die unter anderem die Spree unterqueren und unter dem Schlossplatz und dem Boulevard Unter den Linden entlangführen sollen, "so sicher wie möglich zu bauen", so die Senatorin.

Die in Berlin ab 2010 geplante Verlängerung der U-Bahn-Linie U5 vom Alexanderplatz bis zum Pariser Platz ist allerdings nur eines von derzeit drei großen, millionenschweren Tunnelbau-Projekten in der Stadt – wenn auch das am weitesten gediehene. Auf der Vorhabenliste der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung steht noch ein weiterer Eisenbahntunnel, der am Reichstagsgebäude vorbei und unter dem Großen Tiergarten hindurchführt. Durch ihn sollen einmal Züge der S-Bahn-Linie S21 von Norden direkt bis zum Hauptbahnhof fahren können. Bislang geschätzte Kosten für die ebenfalls nur wenige Kilometer lange Trasse: 300 Millionen Euro.

Nicht weniger umstritten ist der vom Senat geplante Weiterbau der Stadtautobahn A100 im Ostteil der Hauptstadt. Dabei soll ab 2017 auch ein gewaltiger Straßentunnel gebaut werden, mit dem unter anderem das Ostkreuz untertunnelt und die A100 bis zur Frankfurter Allee verlängert wird. Bislang geschätzte Kosten: 286 Millionen Euro für 3,1 Kilometer Autobahn.

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