Notarzteinsatz am Alexanderplatz

Zug muss warten - Fahrgäste laufen über Gleise

Am Alexanderplatz ist es an der Berliner Stadtbahn zu einer gefährlichen Situation gekommen. Offenbar fehlte Fahrgästen die Geduld, um auf die Weiterfahrt ihres S-Bahnzuges zu warten. Sie stiegen einfach aus und liefen über die Strom führenden Gleise. Die Bahn hatte wegen eines Rettungseinsatzes im Bahnhof auf offener Strecke halten müssen.

Wer ein S-Bahn-Gleis betritt, begibt sich in höchste Lebensgefahr. Denn in der Stromschiene direkt neben dem Gleis liegen 750 Volt Gleichspannung an. Doch selbst die Gefahr eines tödlichen Stromschlags schien etliche Fahrgäste eines S-Bahn-Zuges der S75 in Richtung Spandau gestern Mittag, kurz nach 13 Uhr, nicht zu schrecken. Entnervt von der Warterei auf freier Strecke zwischen Jannowitzbrücke und Alexanderplatz stiegen sie aus dem stehenden Zug einfach aus und versuchten über die Gleise den nächsten Bahnhof zu erreichen.

Bereits 12.22 Uhr konnte im Bahnhof Alexanderplatz haltender Zug der Linie S3 nicht nach Westkreuz weiterfahren, weil Fahrgäste wegen einer hilflosen Person im Abteil einen Notarzt alarmiert hatten. Der Versuch der Bahn, nachfolgende Züge über das Nachbargleis umzuleiten, scheiterte, weil sich eine Weiche nicht umlegen ließ. Dadurch waren beide S-Bahn-Gleise in Richtung Westen gestört und sorgten für den Stau auf der Stadtbahn. Betroffen waren Züge der Linien S3, S5, S7 und S75.

Die Fahrgäste auf den Gleisen sorgten für eine weitere Zuspitzung der Lage. „Als der Triebfahrzeugführer diese sah, löste er sofort eine Notabschaltung der Stromversorgung aus“, sagte ein Bahn-Sprecher. Zwar habe der Lokführer die Fahrgäste vor einem Verlassen der Waggons eindringlich gewarnt, verhindern könne er dies aber nicht. „Die Türen dürfen nicht blockiert werden. Die Fahrgäste müssen etwa bei einer Havarie die Möglichkeit haben, den Zug zu verlassen. Dies jedoch entgegen den Anweisungen des Triebfahrzeugführes zu tun, sei gefährlich für das eigene Leben und rücksichtslos gegenüber anderen Reisenden.

Weichenstörung und Stromabschaltung sowie der ausgelöste Einsatz der Bundespolizei sorgten für eine Unterbrechung des S-Bahn-Verkehrs bis 13.30 Uhr. Fern- und Regionalzüge waren schon einige Minuten früher wieder unterwegs. Die Behinderungen am S-Bahnhof Alexanderplatz entnervte auch die Wartenden auf den Bahnsteigen, sie machten ihrem Ärger mit wüsten Pöbeleien Luft.

Zukunft der S-Bahn weiter ungewiss

Unterdessen geht die politische Diskussion über die Zukunft der S-Bahn weiter. „Die Situation für die Fahrgäste muss sich verbessern. Das ist aber nicht so leicht“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) nach der ersten Senatssitzung im neuen Jahr. Da die S-Bahn ein in sich geschlossenes Streckensystem hat, kann die BVG aus technischen Gründen nicht einfach ihre Züge dort fahren lassen. Wegen fehlender Fahrzeuge könnte ein anderes Unternehmen erst in Jahren den Betrieb übernehmen.

Für Wowereit, der „alle Optionen“ offen halten will, würde ein neuer Betreiber zudem nicht automatisch alle Probleme der S-Bahn lösen. Und so blieb es gestern dann bei harscher Kritik am Mutterkonzern der S-Bahn, die Deutsche Bahn. Wenn die Bahn den Anspruch erhebe, als ernst zu nehmender Anbieter aufzutreten, dann müsse sie so schnell wie möglich die Malaise beheben. Wowereit kündigte zudem an, sich für eine Entschädigung der S-Bahn-Kunden stark zu machen.