Comicbörse

Berlin ist der beste Ort für Comiczeichner

Zum ersten Mal seit zehn Jahren findet in Berlin wieder eine Comicbörse statt. Und hier gehört sie auch her. Schließlich ist die hiesige Szene bundesweit die größte. Morgenpost Online stellt sie vor. Und der Comic-Autor Mawil hat dazu exklusiv seinen Alltag gezeichnet.

Ihre Namen klingen wie die anonymen Kürzel von Internetnutzern: Mawil, Tom, OL, CX Huth, Fil, Kriki, Flix, Atak. Aber dahinter stecken Künstler. Genauer: Die Stars einer Szene, die von ihrer Grundausrichtung her eher „underground“ ist. „Das Gute an der Berliner Comicszene ist“, sagt der Zeichner Markus „Mawil“ Witzel, „dass selbst die ganz Großen noch immer zugänglich bleiben.“ Dünkel sei in der Comicszene allgemein eher unüblich. „Die meisten Autoren können allein vom Comiczeichnen ohnehin nicht leben.“

Zum ersten Mal seit zehn Jahren findet am heutigen Sonntag in Berlin wieder eine Comicbörse statt – obwohl die Szene hier am größten ist. Andere Städte, allen voran Hamburg, München und Erlangen, veranstalten regelmäßige Treffs für diese künstlerische Nische. In Berlin blieb es in den letzten Jahren bei informellen Treffs. Mit dem Wohnort der Zeichner kann das kaum zu tun haben. Denn die Zeichnerdichte ist in Berlin so hoch wie sonst nirgendwo in Deutschland. Der Comic-Autor Tim Dinter bestätigt das. „Berlin ist schon die Comic-Hauptstadt“, sagt er. Früher sei es Hamburg gewesen. „Aber inzwischen wohnen mehr Comiczeichner in Berlin.“

Geschichten aus dem Alltag

Das Zeichnen hat in der Hauptstadt Tradition. Der berühmte Volkszeichner Zille hat hier etliche Nachfolger gefunden, die sowohl Politiker als auch die einfachen Menschen auf der Straße in Karikaturen und Porträts abbilden. Und erst vor wenigen Jahren wurde Berlin auch im Fernsehen als Comicstadt vorgestellt. Die ARD-Serie „Berlin, Berlin“ handelte von dem jungen Mädchen Lolle, das aus der Provinz nach Berlin zieht, um dort als Comiczeichnerin Erfolg zu haben. Um sich über Wasser zu halten, bis sie ihren ersten großen gezeichneten Roman herausbringen kann, arbeitet sie in einem Comicladen – ein Schicksal, das tatsächlich viele junge Comiczeichner erfahren.

Einer von ihnen ist Thomas „©Tom“ Körner. Der 49-Jährige hat geschafft, was viele wollen: Er hat mehrere Bücher veröffentlicht und zeichnet regelmäßig für verschiedene Medien. Seine Zeichnungen zeigen eine große Gemeinsamkeit der Berliner Zeichner: Sie neigen zu Geschichten aus dem Großstadtalltag. ©Tom etwa lässt sich von seinem Leben in Schöneberg inspirieren. „Ich versuche, normale Leute zu zeichnen“. Und er beobachtet die Dinge um sich herum genau: Ein Gespräch auf der Rolltreppe, ein Streit in der U-Bahn, ein Kind, das seine Mutter mit einer lauten Bemerkung blamiert – all das kann Stoff für Geschichten liefern.

Kleine Verlage bieten Veröffentlichungen an

Und Berlin hat noch einen weiterer Standortvorteil: Für die Veröffentlichung bieten sich den Autoren gleich mehrere kleine Verlage an, die hier – wie auch der Comic-Riese Ehapa – ansässig sind: Neben dem neu gegründeten Piredda-Verlag, der sich vor allem auf die Verlegung aktueller französisch-belgischer Comicserien konzentriert, ist da Reprodukt, der viele Berliner Künstler veröffentlicht – darunter Georg Barber („Atak“), Christian Huth („CX Huth“ ) und Olaf Schwarzbach („OL“).

Beim Avant-Verlag wiederum ist vor einiger Zeit die beachtliche Comic-Reportage „Cargo“ erschienen, bei der gleich drei Berliner Autoren mitgearbeitet haben. Dass auch ausländische Verlage ein Auge auf Berlin haben, zeigt die Geschichte der gerade 22-jährigen Zeichnerin Marie Sann. Ihr Buch „Sketchbook Berlin“ wurde bei einem populären US-Verlag herausgegeben. Darin erzählt sie über ihre Erlebnisse in der Hauptstadt – und hat damit offenbar einen inhaltlichen Trend getroffen.

Aktueller Comicbestseller weltweit ist eine dreiteilige Serie

Denn zumindest bei den aktuellen Verkaufszahlen von Comics in Deutschland taucht der Name „Berlin“ häufig auf. Einer der aktuellen Comicbestseller weltweit ist eine dreiteilige Serie des US-amerikanischen Zeichner Jason Lutes („Steinerne Stadt“). Sie behandelt die Ereignisse der Weimarer Republik in Berlin, vor allem die Jahre zwischen 1928 und 1933.

Die Bände findet man auch in den Berliner Comicläden – und derer gibt es einige. Sie tragen Namen wie „Modern Graphics“, „Black dog“ und „Neotokyo“. Comic-Händler Bert Henning vom Laden „Grober Unfug“ kennt sich mit dem „wankelmütigen Geschmack der Leser“ aus. Die kleine Zielgruppe zwinge zu einer ständigen Neupositionierung, sagt er. „Als die franko-belgischen Comics einbrachen, musste man in Richtung Superhelden ausbauen – und danach retteten uns die Mangas.“ Jetzt, da dieser Trend beinahe vorüber sei, versucht es die Branche mit Büchern, die das Prädikat „Graphic Novel“ erhalten.

Für einen einseitigen Comicstrip benötigt man eine Woche

Ohnehin ist derzeit das Genre des gezeichneten Romans besonders beliebt. In der Produktion allerdings braucht er vor allem Zeit. Schon für einen einseitigen Comicstrip rechnet der Berliner Zeichner Tim Dinter mit rund einer Arbeitswoche für die fünf Arbeitsschritte: „Einen Tag für die Idee, dann Skizzieren, Reinzeichnen, Kolorieren und Korrigieren.“ Ein Roman braucht noch länger. Kein Wunder, dass Comiczeichner viel Zeit in geschlossenen Räumen verbringen. Kompletter Rückzug heißt das noch lange nicht. „Wir sind schon eher wie eine Familie“, sagt Zeichner Flix. „Man kennt sich eben untereinander, weil man sich immer wieder über den Weg läuft.“ So teilt Tim Dinter sein Büro mit Jens Harder, der wiederum gerade seine Wohnung an Mawil abgegeben hat. Und Mawil hat zusammen mit Ulli Lust studiert. Die Liste ließe sich fortsetzen. Pflichttermin für viele Comicautoren ist der allmonatliche Stammtisch in der „Renate“ – Deutschlands einziger Comicbibliothek in Mitte.

Ein Grund, warum dort auch immer wieder neue Comicautoren auftauchen, sind die günstigen Lebensbedingungen in Berlin. Darin sind sich Comicautoren einig: Die Mietpreise ziehen eine Branche wie die ihre an. Mit der zweimal jährlich stattfindenden Comicmesse kommt ein weiterer Standortvorteil. Denn wann sonst können Mawil, Tom, OL, CX Huth, Fil, Kriki, Flix, Atak und all die anderen wie richtige Stars auftreten– und Autogramme geben.