BIldungspolitik

Hundert Berliner Schulen sind ohne Führung

An den 900 Berliner Schulen gibt es zurzeit 370 freie Stellen in Führungspositionen. Dazu gehören neben den Direktoren auch Fachbereichsleiter oder Koordinatoren. Das geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Kleine Anfrage hervor. Viele Leitungspositionen sind offenbar unattraktiv.

In Berlin sind an 103 Schulen die Schulleitungen nicht vollständig besetzt. Davon sind 72 offene Stellen Stellvertreterposten. Insgesamt gibt es sogar 370 freie Stellen in Führungspositionen. Dazu gehören neben der Schulleitung auch Fachbereichsleiter oder Koordinatoren. Die meisten unbesetzten Stellen haben Grundschulen und Gymnasien. Allein an Grundschulen sind 41 stellvertretende Schulleiter zu besetzen.

Viele Leitungspositionen sind offenbar unattraktiv, da die Gehaltssteigerung deutlich geringer ausfällt als die Mehrbelastung. Bei den Direktorenstellen an Oberschulen ziehen sich allerdings oft auch die Verfahren in die Länge, weil abgelehnte Bewerber vor dem Amtsgericht klagen. Auf diese Weise würden Entscheidungen verzögert oder verhindert. Das geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Kleine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Özcan Mutlu hervor. Demnach sind 20 Prozent aller Leitungsstellen offen.

An der Konrad-Agadh-Grundschule in Neukölln ist der Schulleiter im vergangenen Sommer in Pension gegangen. Seit Beginn dieses Schuljahres leitet Rita Schlegel die Grundschule kommissarisch. Das macht sie zusätzlich zu ihrer Stammschule – die Hermann-Sander-Schule leitet sie nämlich auch noch. Ob sich die Situation zum kommenden Schulhalbjahr ändert, bezweifelt Frau Schlegel. „Das wird wohl noch einige Zeit so bleiben“, sagt die zweifache Schulleiterin. Dass das mehr Arbeit bedeutet, stellt sie nicht infrage. „Eine Schule zu leiten, reicht völlig“, sagt Rita Schlegel. Dennoch habe sie die Gewissheit, dass es nur eine temporäre Lösung sei, bis ein Schulleiter dauerhaft gefunden ist.

Mehrbelastung für das Kollegium

An der Gustav-Heinemann-Gesamtschule ist ebenfalls seit August die Schulleiterstelle vakant. An Bewerbern für die Leitung der renommierten Tempelhofer Schule mit knapp 1500 Schülern mangelt es nicht, doch das Verfahren zieht sich in die Länge. Dabei hatte die Verwaltung bereits die Auswahl abgeschlossen, doch eine Mitbewerberin zog gegen die Entscheidung vor Gericht. Jetzt muss die Ausschreibung wiederholt werden.

Übergangsweise hat der bisherige Stellvertreter, Wolfgang Peißker, die Geschäfte übernommen. „Ich erhalte viel Unterstützung durch das Kollegium, aber die Mehrbelastung für alle ist enorm“, sagt Peißker. Zumal die Schule sich auf die anstehende Schulreform vorbereiten muss. „Wir wollen auch als Sekundarschule unser Profil als Leistungsschule mit mindestens einem Gymnasialzug ab der fünften Klasse behalten“, sagt Peißker. Doch neben der inhaltlichen Arbeit müssen sich Peißker und seine Kollegen vor allem um Vertretungspläne und Stellenbestzungen kümmern. Nun hat der Bezirk der Schule auch noch die Verwaltungsleiterin abgezogen, aus Spargründen wie es heißt. Die erfahrene Mitarbeiterin war unter anderem für das schuleigene Budget und für den Kontakt zu Reinigungs- und Reparaturfirmen zuständig.

„Es kann nicht sein, dass in vielen Fällen Verwaltungsrichter die Leitungsstellen an Schulen besetzen und dadurch die Besetzungsverfahren künstlich in die Länge gezogen werden“, sagt Peißker.

Auch andere Bundesländer haben Probleme

Nach der Föderalismusreform haben die Bundesländer zwar die Möglichkeit, die Praxis zu verändern, doch dafür wären Gesetzesänderungen nötig. Das sei derzeit nicht vom Senat beabsichtigt, heißt es in der Antwort auf die Kleine Anfrage. Bei der bevorstehenden Schulstrukturreform allerdings kann die Behörde die Direktoren-Stellen ohne Ausschreibung besetzen. Wenn zwei Schulen fusionieren, soll unter den beiden Amtsinhabern der Leiter im Sinne der Bestenauslese nach Qualifikation nicht nach Besoldungsgruppe ausgewählt werden, heißt es in der Antwort auf die Kleine Anfrage.

Auch andere Bundesländer haben Probleme mit der Stellenbesetzung an Schulen. Allein 344 Schulleiter und Stellvertreter fehlen derzeit in Nordrhein-Westfalen an den 6500 Schulen. Ralf Dolgner, Pressesprecher im Schulministerium in Düsseldorf, führt das auf eine „verfehlte Einstellungspolitik der Vorgängerregierung“ zurück. Mit einem Katalog von Maßnahmen, wie der schnelleren Beförderung eines ernannten Schulleiters und einer Lockerung der notwendigen Dienstzeiten vor der Übernahme eines Leiterpostens, soll das Defizit behoben werden.

Auch in Rheinland-Pfalz fehlten Anfang des Schuljahres 2009/10 an den 1400 Schulen noch 91 Schulleiter und 84 Stellvertreter. „Das Problem sind vor allem die Grundschulen“, sagt Wolf-Jürgen Karle, Pressesprecher im Ministerium für Bildung in Mainz. An 990 Grundschulen fehlten 32 Schulleiter. Karle führt das Manko darauf zurück, dass ein Leitungsposten an einer Grundschule nicht so attraktiv sei.