Naturkundemuseum

Streifzug durch die neue Heimat der toten Fische

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Foto: dpa / dpa/DPA

Erst im September wird der Ostflügel des Naturkundemuseum nach der Sanierung wieder eröffnet. Doch schon am Dienstag präsentierten das Bundesfinanzministerium und die Post eine Sonderbriefmarke, die das Skelett des berühmten Brachiosaurus neben ausgestorbenen oder bedrohten Tierarten zeigt. Morgenpost Online hat sich angesehen, wie die Bauarbeiten vorangehen.

Der Weg in die Zukunft führt über einen wackligen Steg aus Holzbohlen. Der Geruch von feuchtem Estrich liegt in der Luft. Nebenan lärmen die Bauarbeiter, klappern Regalböden. Es zieht empfindlich durch die offenen Türen, die provisorischen Treppenhäuser, die offenen Durchbrüche. Doch statt zu frösteln, strahlt Peter Bartsch wie ein Lottogewinner, der sich seine Traum-Villa bauen lässt.

Im April will er einziehen. Und er braucht viel Platz für seine Haustiere. Es sind ein paar Hunderttausend – und sie sind tot. Bartsch ist Kustos der Fischsammlung im Museum für Naturkunde an der Invalidenstraße. Und aus der zugigen Baustelle wird in wenigen Monaten sein neuer Arbeitsplatz.

Seit 2007 wird der 1945 bei einem Bombenangriff zerstörte Ostflügel wieder aufgebaut. Zum 200. Jahrestag der Museumsgründung im September soll er eröffnet werden. Davor steht der Umzug von Bartsch und seinen in Alkohol konservierten Schätzen an. Raus aus den maroden Räumen mit den undichten Fenstern, den schwankenden Temperaturen, den Regalen aus der Kaiserzeit. Rein in ein modernes Forschungszentrum mit Büros, Laboren und Sammlungssälen .

Etwa 30 Millionen Euro wird der Neubau kosten. Für das Geld von Bund und Land schafft Bauleiter Wolfgang Peters nach den Plänen des Architekturbüros Diener & Diener in der Kriegsruine ein Hightech-Gebäude für Wissenschaftler und Museumsbesucher gleichermaßen. Denn erstmals werden auch die Besucher Einblicke in die Welt der Forschung erhalten. Die unterste von drei Etagen wird Teil des Museumsrundgangs.

Was sie sehen werden, ist schon zu erahnen. Sechs Meter hoch türmen sich samt Zwischenebene die Regale. Im gedämpften Licht wird der Blick bis zur Decke schweifen, vorbei an wissenschaftlichen Kostbarkeiten, an bizarren Geschöpfen und nur scheinbar unscheinbarem Getier. Keine Ausstellung im eigentlichen Sinn, wie Bartsch betont. Auch im Erdgeschoss behält die Sammlung ihren Forschungscharakter und folgt der wissenschaftlichen Systematik. Doch gerade das macht das Konzept des neuen Ostflügels zu einer kleinen Revolution. Die strenge Trennung von Ausstellung und Forschung, seit mehr als 100 Jahren ein – so schien es – unumstößliches Prinzip des Museums, wird gelockert.

„Forschung sichtbar machen“, nennt das Museumschef Reinhold Leinfelder und setzt damit eine Idee um, die so alt ist, wie das Haus an der Invalidenstraße selbst. Schon die Gründerväter des Museums wollten Wissenschaft und Öffentlichkeit zusammenbringen, die Sammlungen teilweise für das Publikum öffnen. Der Plan wurde jedoch bereits vor Eröffnung des damaligen Neubaus im Jahr 1889 verworfen – aus Platzmangel. Bereits im Frühjahr können die Fans des Hauses den neuen Ostflügel besichtigen. Bevor die Alkoholsammlungen einziehen, wird es einen Besuchertag geben, verspricht Leinfelder.

Der explosive Schatz wird gut geschützt

Die Zeiten, in denen die wertvollen Sammlungsstücke – vom winzigen Urguppy bis zur Riesenschlange – in drangvoller Enge gelagert werden mussten, sollen bald vorbei sein. Der Rohbau ist seit wenigen Monaten fertig. In die erhaltenen Fassadenreste wurde ein Betonbau gesetzt, die Fensteröffnungen zugemauert, um die sensiblen Exponate vor Licht zu schützen. Die noch blanke Betonfassade soll bis zur Eröffnung mit Platten verkleidet werden, die die Struktur des alten Mauerwerks fortsetzen.

Weit spektakulärer als die Außenhülle wird aber das Innenleben des neuen Flügels. Auf drei Etagen und etwa 3000 Quadratmetern finden die bislang verstreuten Alkoholsammlungen des Hauses Platz. Millionen Fische, Reptilien, Krebs- oder Spinnentiere, seit Humboldts Zeiten in aller Welt gesammelt, konserviert in 80 Tonnen reinem Ethanol, verteilt auf knapp 260.000 Gläser. Ein hochexplosiver Schatz.

Kein Wunder, dass der Brandschutz in den Planungen für den Neubau von Beginn an eine zentrale Rolle spielte. In unterirdischen Tanks lagert künftig Stickstoff-Gas, um nötigenfalls die Flammen automatisch zu löschen. Im Erdgeschoss wird drei Zentimeter dickes Panzerglas die Besucher auf dem Rundgang von den heiklen Alkoholgefäßen trennen. Und um den drohenden Verfall der Schätze aufzuhalten, baut Peters den wahrscheinlich größten Kühlschrank der Stadt. Kühlleitungen durchziehen Decken, Wände und Fußböden des Neubaus. Gemeinsam mit einer Fußbodenheizung werden sie dafür sorgen, dass die Temperatur in den neuen Sammlungssälen das ganze Jahr über bei 15 Grad liegt.

Das Bundesfinanzministerium und die Post würdigen die internationale Bedeutung des Berliner Museums mit einer Sonderbriefmarke, die ab sofort zum Wert von 45 Cent erhältlich ist. Das Motiv eines Berliner Gestaltungsbüros zeigt das Skelett des berühmten Brachiosaurus neben ausgestorbenen oder bedrohten Tierarten, die im Museum zu sehen sind. Die Auflage der Sondermarke liegt bei 12 Millionen Exemplaren.