Trend-Bezirke

Wie brennende Autos zur "Schlacht um Berlin" wurden

Selbst das "Time Magazine" berichtet über die angezündeten Autos in Berlin. Von Belagerung im Prenzlauer Berg ist da die Rede, und von meterhohen Flammen, die sich durch die Straßenzüge wälzen. Tatsächlich brannten in jüngster Zeit in Berlin auffallend häufig Autos - vornehmlich Luxuswagen. Und endlich ist auch ein "Schuldiger" gefunden: das Phänomen der "Gentrifizierung".

Leser von "Time Magazine Online" dürften ein düsteres Bild von Berlin haben: Sirenengeheul, das die Nachtruhe erschüttert, meterhohe Flammen, die sich durch geparkte Autos fressen. Beschrieben wird nicht eine Szene aus Pariser Vororten, heißt es in einem Artikel der Rubrik "Postcards from. . .", sondern eine Szene aus Berlin, genauer aus "dem trendigen Ost-Berliner Viertel Prenzlauer Berg". "Ein gentrifizierendes Viertel unter Belagerung", so der dramatische Titel des Textes.

Gentrifizierung - ein Phänomen, das weithin als Stadtumstrukturierung übersetzt werden kann. Das bei Befürwortern für so etwas wie Aufwertung von Wohnraum, für hübsch sanierte Altbauwohnungen und Verbesserung der Infrastruktur steht. Bei Gegnern hingegen für überteuerte Mieten, Verdrängung der Alteingesessenen (Nicht-Topverdiener) und für den ganzen Schickimicki-Schnickschnack. Für etwas, das sie nicht wollen, weil früher alles besser war. Für ein Feindbild, das sich offenbar auch in den am Straßenrand geparkten Autos zeigt. Die man anzündet und damit Protest gegen das, was dahinter steckt, ausdrückt. So zumindest die Vermutung. Denn natürlich heißen nicht alle Gegner von Gentrifizierung Gewalt gut.

Autos wurden schon manches Mal Opfer des Protests, beispielsweise in den 80er-Jahren gegen die Räumung besetzter Häuser. Auch anderswo in Deutschland im Hamburger Schanzenviertel etwa, haben Anwohner regelmäßig (berechtigte) Angst um ihre Autos - und ebenfalls vor den Gegnern der Gentrifizierung. Im "Time"-Artikel heißt es, die Schlacht gegen diese Gentrifizierung in Berlin habe sich in den vergangenen Wochen zugespitzt. Allein in den letzten zwei Monaten seien 29 Autos angezündet worden, vor allem die luxuriösen wie Mercedes, BMW oder Porsche. Die Schuldigen seien im linksextremen Milieu zu suchen.

Tatsächlich brannten in jüngster Zeit auf Berlins Straßen auffallend häufig Autos - vornehmlich Luxusschlitten: Am 4. Januar ein BMW X5 und ein Mercedes SLK in Friedrichshain, zehn Tage später in Kreuzberg und Mitte zwei weitere Modelle dieser Marken, dann Transporter, Fahrzeuge der Deutschen Bahn, am 25. Januar dann ein Porsche Cayenne, es folgten BMW, Porsche, Mercedes. Bei den meisten Fällen sei ein politischer Hintergrund nicht auszuschließen, sagt die Polizei. Es ermittelt der Staatsschutz des Landeskriminalamts. Bekennerschreiben deuten auf die linksextreme Szene hin. Nobelkarossen als Symbole des Kapitalismus, der sozialen Ungerechtigkeit, des strukturellen Wandels. Bei den Deutsche-Bahn-Fahrzeugen gab es den Hinweis auf eine Verbindung zu den Castor-Atommülltransporten - das Feuer als Protest dagegen, dass das Unternehmen seine Gleise zur Verfügung stellt.

Dass die meisten Privatautos ausgerechnet in Vierteln abgefackelt werden, die früher eher als linksalternativ galten, mittlerweile aber zu schicken und für Normalverdiener zum Teil unbezahlbaren In-Vierteln geworden sind - also offenbar kein Zufall.

Doch entgegen der Angaben im "Time"-Artikel zählte die Berliner Polizei seit Beginn des Jahres 19 Brandanschläge auf Fahrzeuge, bei denen 31 Autos angezündet und sechs weitere in Mitleidenschaft gezogen wurden. Keineswegs aber allesamt im offenbar weltweit bekannten Szenekiez Prenzlauer Berg. Brennpunkt, im wahrsten Sinne des Wortes, ist Friedrichshain-Kreuzberg mit neun Fällen, auf dem zweiten Platz rangiert der Bezirk Pankow, inklusive Prenzlauer Berg, mit sechs Anschlägen.

Der jüngste Fall liegt zwei Tage zurück: ein VW Polo wurde am Mittwoch in der Luckauer Straße in Kreuzberg durch einen Brandsatz beschädigt und ist nun schwarz vor Ruß. Keine Luxuskarosse, vielleicht ein Trittbrettfahreranschlag. Schwarz ärgern durfte sich im "Time"-Artikel der Organisator der "F*** Yuppies"-Demonstration im vergangenen Sommer. Der Student wird damit zitiert, dass er schon sein ganzes Leben in Prenzlauer Berg lebe, sich die Miete aber wohl bald nicht mehr leisten könne. Im Gegensatz zu den zugezogenen Schwaben, gegen die damals auf Plakaten geätzt wurde.

Noch hat Prenzlauer Berg keinen nennenswerten Imageschaden davon getragen. Das Viertel ist der am dichtesten besiedelte Ortsteil Berlins, jeder neunte Bewohner ist jünger als 18, ständig eröffnen neue Geschäfte. Investiert wird also weiter.

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