Künstliches Hüftgelenk

Immer mehr gebrochene Hüften wegen Materialfehlern

Ein plötzlicher, stechender Schmerz setzt die Betroffenen außer Gefecht. Weil mehrere Hersteller künstlicher Hüftgelenke schadhafte Implantate auf den Markt gebacht haben, häufen sich nun die Brüche. Auch in Berlin steigt die Zahl der äußerst schmerzhaften Zwischenfälle.

Foto: Amin Akhtar

Diesen Tag wird Walter Sauck nicht so schnell vergessen. An diesem Freitag, dem 10. Oktober 2008, traf den Treptower völlig unvermittelt ein "höllischer Schmerz". Der 68-jährige Rentner wollte sich für ein Programm für Herzkranke einschreiben und kam gerade von seiner Krankenkasse in Schöneweide zurück. Sauck war auf dem Weg nach Hause, als ihn plötzlich dieser unglaubliche Schmerz traf. "Es fühlte sich an, als ob ein Knochen gebrochen ist", berichtet Sauck.

Wie ein Baum sei er umgefallen, mitten auf den Gehweg. Aufstehen konnte er nicht mehr. "Passanten gingen vorbei. Die dachten bestimmt, ich sei ein betrunkener Obdachloser", erzählt Sauck. Hilflos lag er auf dem Gehweg. Ein Fußgänger erkundigte sich dann doch, was mit ihm los sei und rief sofort die Feuerwehr.

In der Klinik stellten die Ärzte fest, dass die künstliche Hüfte, die Sauck vor vier Jahren im katholischen St.-Hedwig-Krankenhaus in Mitte in seine linke Körperhälfte eingesetzt worden war, gebrochen ist.

Hüfttyp mit Materialfehler

Das Modell des Prothesenherstellers Falcon Medical war nicht nur bei Sauck gebrochen. Der Hüft-Typ wurde wegen eines Materialfehlers vom Markt genommen. Inzwischen sind nach aktuellen Angaben der zuständigen Bundesbehörde, des Bonner Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), 28 solcher Falcon-Varicon-Hüften gebrochen.

Doch nicht nur dieses Implantat-System ist offenbar mangelhaft. Auch andere Firmen haben Hüftsysteme entwickelt, die unvermittelt im Körper zerbrechen können (Morgenpost Online berichtete). Selbst durch eine prophylaktische Röntgenuntersuchung lässt sich ein Brechen solcher Hüften meist nicht vorhersagen, da bereits winzigste Haarrisse zum Bersten der Prothesen führen können. Die Brüche passieren völlig unvermittelt.

Wenngleich diese fehlerhaften Implantate inzwischen vom Markt genommen wurden, steigen die Zahlen der Bruch-Hüften weiterhin an. Der Grund: Die Kunst-Hüften wurden in der Regel nur bei den Patienten ausgetauscht, bei denen die Gelenke zerbrochen sind. Viele Patienten wurden nicht einmal darüber informiert, dass ihnen fehlerhafte Hüftgelenke implantiert wurden. Während in der Vergangenheit nur vage Angaben über die Zahl der Brüche kursierten, hat das Bonner Bundesinstitut jetzt gemeldet, dass 71 Aesculap Metha-Hüften von B Braun Aesculap zerbrochen sind, drei aap-Implantate Variofit-Hüften, die von der Tempelhofer Firma "aap Implantate AG" vertrieben wurden, sowie 47 ESKA-Konusadapter der Lübecker Firma "ESKA Implants". Diese Prothesen wurden auch in Berliner Kliniken implantiert.

Walter Sauck musste ein neues Gelenk eingesetzt werden. Aber die Operation hat nicht den gewünschten Heilungsverlauf gebracht. Vor vier Monaten hat Sauck die neue Hüfte bekommen, noch immer geht er an Krücken. "Alle zwölf Stunden muss ich Schmerzmittel schlucken", sagt er. Auf sein geliebtes Radfahren und das Wandern muss er vorerst verzichten. Sein Bewegungsradius sei eingeschränkt, seine Lebensqualität gemindert.

Mitbringsel aus der Klinik

Aus der Klinik hat der Treptower ein merkwürdiges Souvenir mitbekommen: das zerbrochene künstliche Hüftgelenk der Firma Falcon Medical. Nun hat Sauck den Berliner Medizin-Anwalt Jörg Heynemann damit beauftragt, Schmerzensgeld von der Prothesenher?stellerfirma Falcon Medical zu erstreiten. Der Berliner Anwalt Heynemann vertritt Betroffene, bei denen fehlerhafte Prothesen gebrochen sind oder brechen könnten. Der Jurist fordert die Einführung eines für jedermann zugänglichen Prothesenregisters, worin auch Brüche registriert werden müssten. Nur mit Hilfe einer Dokumentation könne Transparenz bei den Medizinprodukten erzeugt werden. "Solange weder die Implantathersteller noch die Krankenhäuser ein Interesse daran haben, die Patienten zu informieren, wird sich an dem jetzigen Zustand auch nichts ändern."

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