Kriminalität

Rätsel um wilde Schießerei in Gesundbrunnen

Ein 35-Jähriger ist in Gesundbrunnen durch mehrere Schüsse verletzt worden. Zivilpolizisten nahmen den mutmaßlichen Schützen fest. Die Hintergründe der gewalttätigen Auseinandersetzung sind noch unklar. Am Tatort kursierten Gerüchte über Kämpfe rivalisierender Gruppen aus dem Drogenmilieu.

Foto: Steffen Pletl

Es war am Sonnabend gegen 21 Uhr, als plötzlich Schüsse die Bewohner der Exerzierstraße in Gesundbrunnen aufschreckten. Anwohner sahen unmittelbar danach, wie ein Mann mitten auf der Straße zusammenbrach. Kurz darauf waren auch schon Zivilbeamte der zuständigen Polizeidirektion 3, die sich zufällig in der Nähe aufhielten, zur Stelle. Während sich einer um den Verletzten kümmerte, bemerkten seine Kollegen einen weiteren Mann, der gerade mit einer Waffe in der Hand die Straße überquerte, und nahmen ihn fest.

Das 35 Jahre alte Opfer wurde von Rettungskräften in ein Krankenhaus gebracht, Lebensgefahr besteht nach Angaben eines Polizeisprechers nicht. Der mutmaßliche Schütze, ein 20-Jähriger, wurde der Kripo übergeben. Inzwischen ermittelt eine Mordkommission des Landeskriminalamtes (LKA) und rätselt über die Hintergründe des Weddinger Falls. Beide Männer sollen nach Information von Morgenpost Online Slowenen sein. Die Polizei teilte zunächst nur mit, es handele sich bei den an der Auseinandersetzung Beteiligten um Südosteuropäer.

Die Polizisten stehen vor schwierigen Ermittlungen. Der Verdächtige schweigt, das Opfer ebenso. Auch die Auskunftsbereitschaft von Anwohnern, die bislang als mögliche Zeugen befragt wurden, hält sich in sehr engen Grenzen, zumindest gegenüber den Ermittlern, hieß es aus Polizeikreisen. So bleibt den Ermittlern vorerst nichts anderes übrig, als jeden denkbaren Hintergrund zu überprüfen. Die Bandbreite reiche von persönlichen Streitigkeiten, die außer Kontrolle gerieten, bis hin zu Revierkämpfen im kriminellen Milieu, hieß es dazu. „Wir ermitteln mal wieder in alle Richtungen“, beschrieb ein Beamter gestern das Problem.

Gerüchte um Drogenhandel

Während die Polizei sich zu Details ihrer Ermittlungen bedeckt hielt, kursierten am Tatort gestern die Gerüchte. „Da ging es bestimmt mal wieder um Drogen“, erklärte ein 62-jähriger Anwohner. Der Mann wusste zu berichten, dass in verschiedenen Lokalen in der Nähe mit Rauschgift gehandelt werde. Tag und Nacht könne man „dubiose Gestalten“ beobachten, die dort ein und aus gingen. „Und vor den Lokalen stehen ständig protzige Luxuswagen, die für diese Gegend eher untypisch sind“, erzählte eine weitere Nachbarin.

Rivalisierende kriminelle Gruppen

Seit Jahren gilt die Gegend rund um den S-Bahnhof Gesundbrunnen als schwierig. So wohnen dort überproportional viele Hartz-IV-Empfänger und Migranten. Der Senat versucht, mit Sozialarbeitern gegen die Spannungen vorzugehen. Die Straßenkriminalität ist hier höher als im Berliner Durchschnitt, die Anzahl der in dem Stadtteil lebenden Intensivtäter ebenso. Gewalttätige Auseinandersetzungen sind nichts Ungewöhnliches. Streitigkeiten zwischen rivalisierenden kriminellen Gruppen aus dem Drogenmilieu, aber auch zwischen verfeindeten Großfamilien aus dem Nahen Osten eskalierten häufiger, berichtete ein szenekundiger Beamter gestern. Dass es dabei zu Schießereien auf der Straße komme, sei aber eher die Ausnahme.

Wenn diese Gruppen oder Familien aufeinanderlosgehen, seien schon mal 100 oder mehr Personen beteiligt. Dass Messer oder Baseballschläger eingesetzt werden, ist dabei die Regel. Greift die Polizei ein, kommt es nicht selten vor, dass sich die eben noch verfeindeten Gruppen gemeinsam gegen die Beamten wenden.

„Dass eine Funkwagenbesatzung hier plötzlich einer ganzen Menschenmenge gegenübersteht, ist nichts Neues“, sagte ein Beamter. Und häufig, so der Zielfahnder, würden scheinbar normale Einsätze zum Risiko: „Da stehen uns fünf Leute gegenüber, von denen zwei ein wenig mit dem Handy telefonieren, und plötzlich sind es 50.“ Und mit der Zahl der Leute wachse die aggressive Stimmung. „Da kann einem die Zeit, bis Verstärkung eintrifft, sehr lang werden“, sagte der Beamte.