Berlin im Schnee

Wo die Berliner Ski-Fahren können

In Berlin fällt weiter Schnee. Der Bilderbuchwinter freut besonders Ski-Begeisterte. Sie machen Spazierwege, Parks und Seen der Stadt zu ihren Langlauf-Loipen. Ausgewiesene Langlaufstrecken gibt es in der Hauptstadt nicht. Berliner Freizeisportler verraten aber, wo es sich am besten läuft.

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Rainer Kindermann hält sein Handy in die Luft und stakst mit seinen langen Skiern im Schnee hin und her - aber keine Chance: Im Grunewald bekommt er kein Netz. Dabei muss er dringend seine Frau erreichen.

Doris Kindermann wurde zuletzt von einem Spaziergänger gesehen, als sie mit ihrem Golden Retriever Benno den Hang hinuntersauste. "Die könnte ruhig mal warten", sagt Herr Kindermann. Aber sonst findet er alles ganz toll. "Als ich das letzte Mal in Berlin Ski fahren war, ach, das ist schon gar nicht mehr wahr." So schön wie in diesem Jahr sei der Schnee fast nie. Und rund um den Teufelssee haben schon viele Langläufer vor ihm die Loipen gespurt. Für eine Runde brauche er gut eine Stunde, sagt der Rentner, danach wisse er aber, was er geleistet habe, denn beim Langlauf komme man wirklich ins Schwitzen.

Man könnte sie getrost als Flachlandtiroler bezeichnen, diese wetterfesten, frischlufthungrigen und sportlichen Menschen, die jeder Wintereinbruch ins Freie treibt. Anstatt am Neuschnee zu verzweifeln, erobern sie einfach die besten Langlaufstrecken der Stadt. Der 67-jährige Karl Bauer ist einer von ihnen, er bringt sich in diesen Tagen für seinen Skiurlaub in Südtirol in Form. Oder die 50-jährige Gisela Fromm, die die Kindermanns schon einmal überrundet hat. "Super", sagt sie, "ich könnte endlos weiterlaufen." Nur Inge Zillmann ärgert sich etwas. Die Straße zum Teufelssee wurde für die Autofahrer mit Schotter gestreut. Für Skifahrer "katastrophal", meint sie.

Rollski, wenn kein Schnee lag

Wie viele Berliner bei ausreichend Schnee die Skier unterschnallen, ist nicht bekannt. "Ihre Spuren sieht man in diesen Tagen aber überall", sagt Ralph Grüschow, Sportwart beim Ski-Club Berlin. Ausgewiesene Langlaufstrecken gibt es in der Hauptstadt nicht. Das war früher einmal anders. Vor dem Mauerfall gehörte Langlauftraining zum Winter, dann fanden im Grunewald richtige Volksläufe statt. Beim Tempelhofer Skiclub Pallas Berlin war der nordische Bereich ehemals wesentlich aktiver als der alpine. An verschiedenen Schulen bot der Verein Skilanglauf an. Stimmten die Schneeverhältnisse nicht - was schon vor Jahren eher die Regel als die Ausnahme war - stieg man auf Rollski um. Heute sind von den 150 Mitgliedern des Vereins noch rund 30 zumindest interessiert am Langlauf. Am Wettkampfsport beteiligt sich rund ein Dutzend. Die Berliner Meisterschaften in der nordischen Disziplin finden immer im Februar im Vogtland statt. 2007 und 2008 allerdings fielen die Wettkämpfe aus. "Es gab zu lange keine richtigen Winter mehr, deshalb werden in Berlin auch keine Loipen mehr gespurt", sagt Grüschow.

Reinhard Vetter, 50, braucht keine Loipen, er hat sich kurz entschlossen seine Abfahrtsski geschnappt und ist auf den Teufelsberg gestiegen. Viermal ist er runtergefahren und wieder hochgelaufen. Dann hatte er genug. "Ohne Lift ist das zu anstrengend", sagt er. Auch Dirk Bardorf, 53, ist eigentlich Abfahrtsläufer, aber er wollte mal sehen, ob er auch dem Langlauf gewachsen ist. "Von wegen Rentnersport", sagt er, "das sagen die Leute immer so leicht. In Wahrheit ist Langlauf unglaublich anstrengend." Skaten traut sich Bardorf noch nicht zu, er hält sich lieber an die Loipen, die seine Vorgänger schon ausgefahren haben.

Dietmar Püschel, der für den nordischen Sport beim Skiclub Pallas verantwortlich ist, hat gestern seine eigene Loipe gespurt: "Quasi bei mir vor der Haustür, in Hohenschönhausen." Im Grunewald, im Tegeler oder im Spandauer Forst, aber auch in Parks und Grünanlagen könnten Interessierte annehmbare Bedingungen finden. "Geheimtipps gibt es nicht", sagt Püschel. "Gut ist es aber immer dort, wo schon einige Spaziergänger den Schnee festgetreten haben, so dass keine Steine mehr durchkommen."

Gut geeignet: Sportplätze

Am besten läuft es sich auf den zugefrorenen Seen, findet Ronny Röcker, 59, der am liebsten auf der Krummen Lanke unterwegs ist. Hier gebe es keine Steine, die einem die Skier zerkratzen, sagt er. Außerdem gebe es mehr Platz und keine Steigungen, da der See ja eben sei.

Vor 40 Jahren hat Röcker mit Skilanglauf begonnen, man sieht es seinen Bewegungen an, der Schwung, der Diagonalschritt, alles gekonnt. Eigentlich ist er fertig für heute, doch als er so auf den See zurückblickt, sagt er: "Ach, einmal geht noch" und saust davon.

Ralph Grüschow vom Ski-Club Berlin hat noch einen anderen Tipp: Ideal, wenn auch landschaftlich meist wenig attraktiv, seien Sportplätze. "Besonders Kunstrasen ist eine ideale Unterlage, weil darauf der Schnee langsamer schmilzt und der Grund absolut eben ist", sagt er. Doch auch der tiefste Schnee schmilzt einmal. Wer dann noch auf die Skier steigen will, muss eben doch in die Berge fahren.