Notaufnahmelager

In Marienfelde schließt das Tor zur Freiheit

Nach 55 Jahren wurde am Silvestertag das Notaufnahmelager Marienfelde geschlossen. Die Wohnblocks, die in den 50er-Jahren für die zahlreichen DDR-Flüchtlinge gebaut worden waren, werden nicht mehr benötigt. Für Morgenpost-Redakteurin Katrin Lange wurden sie das Tor zu Freiheit.

Foto: Marion Hunger

Das neue Leben begann, wie das alte aufgehört hatte: mit einem Laufzettel. Und der Erkenntnis, Schlangestehen muss man auch im Westen. Das Jahr 1989 war angebrochen, und die DDR genehmigte so viele Ausreiseanträge wie lange nicht mehr. Nach vier Jahren Wartezeit auch meinen.

Im Ostteil der Stadt war von einer Ausreisewelle nichts zu spüren. Offenbar sorgte ein ausgeklügeltes System dafür, dass es nicht zu einer Ansammlung von "subversiven Elementen" auf dem Weg zur Aberkennung der DDR-Staatsbürgerschaft kam. Wenn ich doch zufällig jemanden auf dem Meldeamt oder beim Zoll traf, raunten wir uns zu: "Auch geschafft?", bevor wir uns ein kurzes "viel Glück" hinterher riefen.

Das Glück begann für Neuankömmlinge in West-Berlin im Notaufnahmelager Marienfelde. Mit dem Laufzettel in der Hand und dem wohlbekannten Schlange stehen. Das Auffanglager an der Marienfelder Allee 66-80 drohte im Frühjahr 1989 zu bersten: 6000 Menschen kamen allein im April. Im Mai waren es doppelt so viele, die auf 150 Wohnungen mit 700 Plätzen in 15 Häusern verteilt oder weitergeschickt werden mussten. Höhepunkt war im November 1989, als mehr als 100.000 Übersiedler eintrafen.

1,35 Millionen Menschen passierten das Notaufnahmelager

Insgesamt 1,35 Millionen Menschen passierten seit der Eröffnung des "Zentralen Notaufnahmelagers für Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR" im April 1953 bis zur Wiedervereinigung 1990 das "Tor zur Freiheit". Mehr als eine Millionen Mal Hoffnung auf ein besseres Leben, auf Freiheit im Denken und Reisen, auf Selbstverwirklichung. Aber auch Ängste und Zweifel. Kein Bewohner in Marienfelde war entspannt und gelassen. Am Ausgang stand die Zukunft mit einem großen Fragezeichen.

55 Jahre prägte die Aufnahmestelle mit ihrem Kommen und Gehen den Kiez. Jetzt zieht Ruhe ein. Das "Tor zur Freiheit" wird heute offiziell geschlossen. Die letzten 80 Spätaussiedler, die das 22.000 Quadratmeter große Gelände noch bevölkern, werden nach und nach in ihr neues Leben oder eine neue Einrichtung entlassen. Dann geht eine historische Ära zu Ende. Eine Geschichte, die auch zu mir gehört.

Am Tag, bevor ich mich in die Schlangen des Notaufnahmelagers einreihte, hatte ich mich mit zwei Koffern und einem Rucksack am S-Bahnhof Marx-Engels-Platz (heute Hackescher Markt) von Vater und Bruder verabschiedet. Sie hatten es abgelehnt, mit zur Friedrichstraße zu kommen - sie wollten kein Drama vor dem Tränenpalast. Regungslos sahen sie der S-Bahn hinterher. Meine Mutter hatte nicht die Kraft gehabt, mich zu begleiten. Sie war fest davon überzeugt, mich nie wiederzusehen. Sie war die Erste, die ich am 10. November 1989 an einem Grenzübergang im Süden der Stadt in die Arme schloss. Nie zuvor habe ich sie so strahlen sehen, wie an diesem nasskalten Novembertag.

Vier Jahre für die Ausreise gekämpft

Am letzten Morgen in meinem alten Leben spürte ich keinen Abschiedsschmerz, keine Wehmut. Es war ein sonniger, warmer Tag, und ich war am Ziel. Darum hatte ich lange gekämpft. Mit 19 Jahren, dem Abitur und der Studienablehnung in der Tasche, hatte ich den Ausreiseantrag gestellt. Unbekümmert und offen für das Abenteuer, das sich hinter den Mauern bot. Dieser jugendlichen Naivität habe ich es wohl zu verdanken, dass ich die Zeit unbeschadet und furchtlos überstanden habe. Verhöre in verdunkelten Zimmern, Drohungen mit der Gefängniszelle im Rücken, Überwachung und Ausgrenzung - allem trotzte ich, indem ich Woche für Woche persönlich auf dem Amt nachfragte, wann ich ausreisen darf. Ich wollte noch studieren, die Zeit lief mir davon. Jede Woche bekam ich dieselbe Antwort: "Sie werden niemals die DDR verlassen."

Mit 23 Jahren hatte ich es geschafft. Der Bahnhof Zoo empfing mich mit ohrenbetäubendem Lärm. Autos hupten, Bremsen quietschten. "Wie riecht es im Westen?", war die erste Frage meiner Cousine, als sie mich am Nachmittag aus dem anderen Teil der Stadt anrief. Ich konnte ihr versichern - wie im Intershop bestimmt nicht.

Zuerst gab es einen BVG-Fahrausweis

Nach meinem ersten Abend mit Freunden in einer italienischen Pizzeria landete ich im Auffanglager Marienfelde. Mir brummte der Kopf, alles war so verwirrend. Wo musste ich hin, wo fing es an? Der Eingang, die Flure, der Hof - überall drängten sich Menschen. Ich nahm Schilder wahr: Torweg 5, Torweg 7, Am Parkplatz 1. Irgendwann hielt ich den "Laufzettel für das Aufnahmeverfahren Nr. 4825" in der Hand. Viele Punkte galt es abzuhaken wie Sichtungsstelle, Weisungsstelle, Bundesaufnahmestelle. Auch die Alliierten prüften jeden Neuankömmling. Als Erstes erhielt ich einen BVG-Freifahrtausweis. Anders als viele Übersiedler war ich ein sogenannter Außenschläfer und kam jeden Tag mit dem Bus ins Lager.

Unterkunft hatte ich bei einem Freund, einem Franzosen in Steglitz gefunden. Der brachte mir dann auch die ersten Schwierigkeiten mit den französischen Alliierten ein. "Sie wohnen bei einem Franzosen?", fragte der zunächst charmante Herr. Er sei doch sicher beim Militär. Ich: "Nein, er ist Französisch-Lehrer. Er: "Aha, sicher im 'Maison de France' am Kudamm." Ich: "Nein, im Französischen Kulturzentrum in Ost-Berlin."

Noch beim Sprechen erkannte ich die Gefahr. Das Gesicht meines Gegenübers verdüsterte sich. In meinem Laufzettel bekam ich den Vermerk eingestempelt: "Wiederbestellt am nächsten Tag." Nach einer unruhigen Nacht und einer offenbar tiefgründigen Prüfung bekam ich schließlich den richtigen Stempel. Es ging voran. Ich hatte nur einen Ehrgeiz: den Laufzettel so schnell wie möglich abzuarbeiten, um endlich mein richtiges Leben in West-Berlin beginnen zu können. Zehn Tage brauchte ich - das war im Vergleich zu anderen rekordverdächtig. Endlich war ich da, aufgenommen, angenommen.

Ein halbes Jahr später der Mauerfall

Ein halbes Jahr später war der Spuk vorbei, die Mauer fiel. Ich studierte bereits im ersten Semester Publizistik an der Freien Universität. Als ich drei Jahre später aus einer Schar von Bewerbern ein Stipendium für ein Studium im kanadischen Montreal ergatterte, da dachte ich noch einmal an mein altes Leben und dass es mir vielleicht dieses Glück eingebracht hatte. Wer der DDR trotzt, der übersteht auch kanadische Winter - das muss die Auswahlkommission überzeugt haben.

In Marienfelde ging es auch nach der Wiedervereinigung weiter. Nachdem sich 1990 die Funktion als Aufnahmestation für ehemalige DDR-Bürger erübrigt hatte, wurde das Gelände nur noch als "Zentrale Aufnahmestelle des Landes Berlin für Aussiedler" (ZAB) genutzt. Bereits seit 1964 kamen deutschstämmigen Aussiedler, vor allem aus Russland, Kasachstan, Kirgisistan und der Ukraine in Marienfelde an. Doch zum Schluss wurden es immer weniger.

Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit wird das Lager jetzt auf- und an den Bund zurückgegeben. Der wird das denkmalgeschützte Areal verkaufen. Obwohl der offizielle Termin der Schließung der heutige 31. Dezember ist, werden die letzten Bewohner weiterhin betreut. Noch sei keine neue Einrichtung gefunden, sagt Hildegard Koreck vom Landesamt für Gesundheit und Soziales, das für das Notaufnahmelager zuständig ist.

Auch nach dem Auszug der letzten Bewohner geht in Marienfelde das Licht nicht aus. Im Haupthaus des Notaufnahmelagers bleibt ein "Ort der Erinnerung". Dort ist die Dauerausstellung "Flucht im geteilten Deutschland" zu sehen, dazu kommen ständig wechselnde Ausstellungen (Dienstag bis Sonntag, 10-18 Uhr). Bettina Effner, wissenschaftliche Leiterin der Erinnerungsstätte, plant im 20. Jahr nach dem Mauerfall gleich mehrere Aktionen. So soll es eine Bild- und Grafikausstellung zum Thema "Mit der S-Bahn in den Westen" geben. Viele seien mit der Bahn gekommen, begründet Frau Effner die Sonderausstellung. Stimmt, auch meine Reise in die neue Welt fing am Hackeschen Markt an.

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