Homophobe Übergriffe

Lesbisches Paar in Berlin zusammengeschlagen

| Lesedauer: 4 Minuten
Michael Behrendt und Steffen Pletl

Zwei Unbekannte hatten das Paar am U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord erst angepöbelt und dann brutal geschlagen. Als eine der Frauen am Boden lag, traten die Täter weiter auf sie ein und besprühten beide mit roter Farbe. Immer wieder wurden in den vergangenen Monaten Homosexuelle in Berlin angegriffen. Doch oft schweigen die Betroffenen – aus Angst.

Zwei lesbische Frauen sind am Montagabend in Hellersdorf Opfer eines Übergriffs durch zwei Unbekannte geworden. Die Täter schlugen eine der beiden Frauen nieder und traten anschließend auf ihr am Boden liegendes Opfer ein, bevor sie flüchteten. Der Polizeiliche Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen, da eine „homophobe Motivation“ nicht ausgeschlossen werden könne. Die Beauftragten für gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Berliner Polizei fordern eine gesellschaftliche Diskussion über Angriffe auf Homosexuelle.

Gegen 22.45 Uhr war eine 21 Jahre alte Frau zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Lebenspartnerin auf der Fußgängerbrücke des U-Bahnhofs Kaulsdorf-Nord unterwegs, als sie von zwei Männern angesprochen und beleidigt wurden. Die Ältere der beiden wehrte sich dagegen, einer der Täter schlug ihre deshalb mehrmals mit der Faust ins Gesicht.

Von Tätern mit roter Farbe besprüht

Als ihre Freundin ihr helfen wollte, wurden beide Frauen mit roter Farbe besprüht. Nachdem die 21-Jährige nach einem weiteren Faustschlag zu Boden stürzte, traten und schlugen die beiden Unbekannten weiterhin auf sie ein. Anschließend flüchteten sie in Richtung Ludwigsfelder Straße. Bei dem Opfer wurden im Krankenhaus später Prellungen im Gesicht und am Oberkörper sowie eine Verletzung am rechten Ohr diagnostiziert.

Zwischenfälle wie dieser sind der Polizei und den Opferverbänden seit Jahren bekannt. So registriert das „Schwule Überfall-Telefon“ laut dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg jährlich zwischen 200 und 300 Fälle. „Das Unsicherheitsgefühl und die Zahl der Pöbeleien haben eindeutig zugenommen“, sagte der Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg (LSVD), Alexander Zinn. „Das Klima auf der Straße ist rauer geworden.“ Auffällig sei vor allem die Abneigung türkisch- und arabischstämmiger Jugendlicher gegen Homosexuelle.

Die Dunkelziffer für Übergriffe wie Körperverletzung und Beleidigung liegt laut Kriminalkommissarin Maria Tischbier dramatisch höher, nach Schätzungen etwa um 90 Prozent. Die Polizistin und ein Kollege sind bei der Berliner Polizei als Beauftragte für gleichgeschlechtliche Lebensweise tätig. Eine genaue Statistik der Übergriffe mit aktuellen Zahlen wird laut einem Ermittler derzeit in Zusammenarbeit mit dem Staatsschutz erstellt.

Alltägliche Angst um Sicherheit

Viele Lesben und Schwule würden sich nach einem Angriff nicht an die Polizei wenden, weil sie befürchten, von der Polizei nicht ernst genommen zu werden. „Andere haben Angst vor einem Outing. Ihr persönliches Unfeld weiß nichts der Homosexualität, Ermittlungen könnten diesen Zustand gefährden.“ Maria Tischbier geht in die Szene, um Vertrauen zu gewinnen und aufzuklären. Die Beamtin weiß um die Angst der Homosexuellen in der Stadt, sie lebt selbst mit einer Frau zusammen. „Das Motto ,watch your back’ – pass auf Deinen Rücken auf –, ist für uns alltägliches Prozedere geworden, leider“, sagt die Beamtin. Es gebe Orte und Szenarien, in denen sie sich nicht traue, ihre Partnerin in der Öffentlichkeit zu küssen oder an die Hand zu nehmen.

Die Täter sind sowohl rechte Schläger als auch junge Männer mit Migrationshintergrund. Gewalt gegen Schwule und Lesben wie auch die alltägliche Verachtung und die leichtfertige Manifestierung von Worten wie „schwule Sau“ stellen laut der 35-Jährigen ein gesamtgesellschaftliches Problem dar, das nur durch Bildung und Aufklärung bekämpft werden könne.

Schwulen-Hetze in Magazin

Sowohl Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) wie auch der LSVD hatten in dieser Woche mit Empörung auf einen homosexuellenfeindlichen Artikel in der April-Ausgabe des in Berlin herausgegebenen deutsch-arabischen Magazins „Al-Salam“ reagiert. Schwule Männer wurden darin als „Verbrecher“ bezeichnet. Dennoch könne man Muslimen nicht pauschal eine „spezielle Homophobie“ unterstellen, warnte der Berliner Migrationsrat.

Der Artikel sollte am Dienstag auch beim Runden Tisch „Gemeinsam gegen Homophobie“ zur Sprache kommen, den der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening und die Landesstelle für Gleichbehandlung im Roten Rathaus veranstalteten. Vertreter von muslimischen Organisationen, Migrantenverbänden und schwul-lesbischen Vereinigungen wollten konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung von Homosexuellenfeindlichkeit besprechen. Der LSVD fordert einen landesweiten Aktionsplan gegen Homophobie.