Sprengung

Bumm - da fiel der Funkturm Frohnau um

Berlin hat ein Relikt aus den Zeiten der deutschen Teilung weniger. Am Sonntag wurde der 358 Meter hohe Funkturm Frohnau im Norden Berlins gesprengt. Der 920 Tonnen schwere Stahlgittermast sackte mit Getöse in sich zusammen.

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Der Frohnauer Funkturm, das mit 358 Metern zweithöchste Bauwerk Berlins, ist gesprengt worden. Vor 20.000 Zuschauern fiel der fast 1000 Tonnen schwere Turm in sich zusammen.

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Die Bauzeit: zwei Jahre. Und dann dauerte es nur wenige Sekunden, den Funkturm Frohnau zu Fall zu bringen. Tausende Schaulustiger sahen zu, als am Sonntag gegen 13.10 Uhr Berlins zweithöchstes Bauwerk in sich zusammensackte. Zurück blieben eine Staubwolke und 920 Tonnen Stahlschrott. „Fast besser als erwartet“ sei die Sprengung des überflüssig gewordenen Richtfunkmastes verlaufen, sagte Ingenieur Rainer Melzer von der Thüringer Spreng Gmbh. Dabei hatte es zunächst so ausgesehen, als würde es wieder nicht mit der Sprengung - zwei Mal schon hatte der Turm abgebrochen werden sollen. Kurz bevor der Turm nun gesprengt werden sollte, meldete der Zündcomputer einen Fehler. Die fünf Sprengspezialisten, 600 Meter vom Turm entfernt, warteten mit der Zündung. „Sicherheit geht vor“, so der Geschäftsführer der Sprengfirma, Martin Hopfe.

Bis auf 500 Meter durften die Zuschauer an den Ort der Spürengung heran. Nicht nur an den von Polizei und Technischem Hilfswerk (THW) ausgewiesenen Aussichtspunkten, überall in der Stolper Heide und auf Freiflächen in Frohnau standen Neugierige. Im Gewerbegebiet in Hohen Neuendorf hatten einige Firmen Partys organisiert – gute Sicht auf das Spektakel inklusive. 1000 Schaulustige waren laut Polizeibericht gekommen, andere Quellen nennen bis zu 20.000 Menschen, die bei der Sprengung zusahen. Als um 13.08 Uhr auf der S-Bahnstrecke Oranienburg-Wannsee ein letzter Zug durch die Stolper Heide fuhr, ging ein Raunen durch die Menschentrauben. Etwa 800 Beobachter hatten sich allein hier südlich der Invalidensiedlung mit Hunden, Kindern und vor allem Kameras verstreut, mussten sich aber zunächst mit aufgescheuchten Wildschweinen und Rehböcken begnügen.

Wenige Sekunden später in der Einsatzzentrale: Es kann losgehen. „Drei, zwei, eins – Zündung.“ Ein kurzer Lichtblitz im unteren Drittel des Turmes und ein Hunderte Meter weit zu hörender Knall zeigen den Zuschauern die Detonation von 3,5 Kilogramm Spezialsprengstoff an. Angebracht an 40 verschiedenen Stellen des 358 Meter hohen Stahlmastes sowie an dessen Stahlseilen, sollten die Sprengladungen den Turm in zwei Hälften zerbrechen. Beide Teile sollen in entgegengesetzte Richtungen kippen. Ein Sturz des Turmes in voller Länge hätte eine Katastrophe verursacht: In nur 200 Metern Entfernung verläuft die viel befahrene Oranienburger Chaussee. „Der Turm hätte sie unter sich begraben“, sagt Ingenieur Melzer. Jedoch: Perfekter noch als bei den Computersimulationen im Vorfeld, zerbrach unter der Wucht der Explosion auch die obere Hälfte des Mastes in mehrere Teile. Die Trümmer blieben also recht nahe beisammen.

„Spektakulär, wie perfekt der gefallen ist“, staunt die Frohnauer Stadtführerin Katrin Pollok, die das Schauspiel mit ihren Zwillingen Lorenz und Agnes (8) beobachtet hat. In der Stolper Heide braust Beifall auf. „Zugabe“, schallt es über die Wiesen. Insgeheim überwiegt bei den meisten allerdings Wehmut. „Für mich fehlt jetzt eine Attraktion gerade bei Führungen auf dem Grenzstreifen“, sagt Pollok. Auf dem Casinoturm stehend, dem Wahrzeichen Frohnaus, habe sie für ihre Besucher stets den Bogen geschlagen vom Frohnauer Funkturm als dem zweithöchsten zum Fernsehturm in Mitte als dem höchsten Berliner Bauwerk.

Der Richtfunkmast selbst war für Besucher nicht zugänglich. Neben der sensiblen Technik des Turmes, der ab 1979 den Telefonverkehr der Westberliner nach Westdeutschland ermöglichte und während des Kalten Krieges außerdem mit Abhöranlagen der Allierten ausgerüstet war, verhinderten auch fehlende Sicherheitseinrichtungen den Zutritt Neugieriger. Nur ein Mal habe er den Lift zur Kabine in 324 Metern Höhe nutzen dürfen, erinnert sich Jürgen Will, Sprecher der Deutschen Telekom, deren Tochter Deutsche Funkturm GmbH Eigentümerin des Funkmastes war. „Abenteuerlich“ sei das gewesen, sagt Will. „Durch den Stahlgitterboden schaute man direkt bis zur Erde hinunter, und die Ballustrade endete in Hüfthöhe.“ Kein Vergnügen für Menschen mit Höhenangst, war die luftige Station doch der am höchsten über dem Erdboden liegende umbaute Raum Europas.

Tag und Nacht waren früher Beamte des Polieziabschnittes 11 in Heiligensee auf Kontrollfahrten am Turm unterwegs. „Im Winter gingen wir mit Helm hin, dann viel schon mal Eis von oben runter“, erinnert sich Christian Kirst. Der 53-Jährige wohnt mittlerweile in Tegel, ist zur Sprengung aber nach Frohnau gepilgert. „Na klar ist da auch Nostalgie im Spiel. Obwohl, ’ne Schönheit war er ja nicht gerade.“ Wenn man direkt unter dem Sendemast gestanden und hochgeblickt habe, sei das trotzdem „ein irres Gefühl gewesen“.

Der neunjährige Frohnauer Cornelius Hoffmann wird den Turm vor allem als Orientierungspunkt vermissen. „Wenn wir aus dem Urlaub zurück kamen, hieß es immer: Wer sieht als erstes den Funkturm“, erzählt Mutter Christine Behnken. Bei Spaziergängen in der Heide habe man nur den rotweißen Mast im Blick behalten müssen, um sich nicht zu verlaufen, meint auch die 17-jährige Maria Sophie Heneke aus Hohen Neuendorf. Erstmals in ihrem Leben werde sie am nächsten Morgen bei der S-Bahnfahrt nicht mehr den auffälligen Mast passieren. „Ein Stückchen Vertrautes ist weg“, findet auch die Frohnauerin Sonja Lenz (40).

Bleiben werden den meisten immerhin stapelweise Fotos. Eine ganze Chipkarte hatte Egbert Dill aus Pankow in den vergangenen Tagen verknipst. „Ich wollte den Turm bei jedem Wetter haben, bei Nebel wie bei Sonne“, sagt der 50-Jährige, der mit Musikanlage und Suppenkanone des Dilligense-Catering neben Bratwurstständen und Biertheke in der Stolper Heide Station bezogen hatte. Das Geschäft lief, wenn auch nur kurz: Die meisten waren wegen der weiträumigen Absperrungen schon lange vor der Sprengung gekommen – und als es vorbei war, setzte gleich die Promenade zurück ein.

Von 13.34 an war die zuvor gesperrte Oranienburger Chaussee wieder befahrbar, um 14.45 Uhr waren sämtliche Sperrungen aufgehoben. Für die Polizei, mit 180 Beamten im Einsatz, verlief das ganze ohne Probleme – allerdings musste ein aufgescheuchtes und bei der Flucht verletztes Reh erschossen werden. Das THW untersuchte noch am Nachmittag, inwiefern Bäume durch die herabstürzenden Trümmer beschädigt wurden. Bis alles geräumt ist, werden etwa drei Wochen vergehen. Die Stahltrümmer werden eingeschmolzen. Ein Käufer steht allerdings noch nicht fest.