Berlinale

Wie der Friedrichstadtpalast zum Kino wird

Das Filmfieber packt irgendwann jeden - auch im Friedrichstadtpalast. Im 59. Jahr der Internationalen Filmfestspiele in Berlin wird das Revuetheater zum größten aller Berlinale-Kinos. Ein Umbau nie da gewesener Art an der Friedrichstraße.

Sie ist ein Traum in weiß. 220 Quadratmeter groß, 475 Kilo schwer – und nur mit weißen Handschuhen zu betasten. Die Kinoleinwand, die seit Dienstag im Friedrichstadtpalast hängt.

Ja, im Revuepalast. Warum denn nun auch noch Kino an der Friedrichstraße? „Die Frage müsste lauten: Warum erst jetzt?“, findet Berndt Schmidt, seit einem Jahr Intendant von Europas größtem Revuetheater. Der Friedrichstadtpalast sei einfach sehr, sehr gut für die Berlinale geeignet. „Aber wir sind Teil der Berlinalefamilie, nichts Besonderes“, betont Schmidt sofort. Es gehe nicht darum, dem Berlinale Palast am Potsdamer Platz den Rang abzulaufen – auch wenn der Friedrichstadtpalast als Kino 1600 Menschen Platz bietet und damit das größte Festivalkino in diesem Jahr ist. Kopf der Krake aus über die Stadt verteilten Berlinale-Veranstaltungshäusern bleibe der Potsdamer Platz, sagt Schmidt. „Ich denke, der ist ideal, weil er Urbanität und Modernität ausstrahlt.“ Dort sollten weiter die Preisverleihung und große Premieren stattfinden.

Doch nicht nur die Sektion Kulinarisches Kino, für die der Friedrichstadtpalast idealerweise eine Küche bietet, sondern auch Galavorstellungen etwa von „Hilde“ und „Effi Briest“ werden während der Filmfestspiele im Revuetheater zu sehen sein. Roter Teppich und Film-Glamour halten also auch hier Einzug. „Nicht wir strahlen auf die Berlinale aus, es ist eher umgekehrt“, sagt Schmidt. Ein zweiter Galapalast sei für die Berlinale eben dringend benötigt worden, ein Will Smith könne nicht wie vergangenes Jahr mit einem kleinen Kino abgespeist werden, weil im Berlinale Palast gerade etwas anderes laufe. Der brauche einen Filmpalast.

Mehr als drei Jahre hat Guido Herrmann, Verwaltungsdirektor des Friedrichstadtpalastes, daran gearbeitet, dass die Berlinale in den Revuepalast kommt und diesen zum Kino werden lässt. Es dauerte aber, bis der Bedarf gesehen wurde. Und auch auf Seiten des Theaters gab es Vorbehalte. So lagen etwa die Theaterferien nicht passend. Das ist jetzt anders. Schmidt hat die Ferien um gut einen Monat verschoben. Der Friedrichstadtpalast steht nun frei für das Kinoexperiment. Fünf Jahre läuft der Vertrag, den man mit der Berlinale geschlossen hat. Die Leinwand kaufte der Friedrichstadtpalast, der größte Teil der übrigen Technik – das, was nicht ohnehin schon vorhanden ist - ist geliehen. Auf rund eine Viertelmillion Euro beziffert Schmidt die Kosten. Die würden aber durch die Mieteinnahmen, die die Berlinale bringe, wieder eingespielt.

Eines bleibt jedoch auch zur Berlinale altmodisch am Friedrichstadtpalast: die Bestuhlung. Auf die Polstersessel aus den Multiplexkinos müssen die Kinobesucher hier verzichten, auch der Beinplatz ist schmal bemessen wie eh und je. Doch das ist kein Problem, ist sich Guido Hermann sicher: „Man soll ja aufmerksam dem Film zusehen.“

Die Verwandlung beginnt

Dienstagmorgen beginnen die Vorbereitungen für die Verwandlung des Theaters in ein Kino. Die Bühne wird leer geräumt, eine etwas mehr als zehn Meter lange und einen halben Meter breite sowie hohe Kiste wird hineingetragen. Am vorderen Rand der Bühne, quasi vor dem Vorhang, montieren Techniker eine Traverse. So lange sie am Boden liegt, muss man schon genau hinsehen um zu erkennen, dass das 24 Meter lange Ungetüm leicht gebogen ist. Diese Biegung ist aber besonders wichtig, denn an der Traverse soll einmal die Leinwand hängen und zwar so, dass das Bild optimal zu sehen ist. Also wird geschraubt und gemessen und wieder geschraubt – stundenlang. In der Holzkiste, gut versteckt vor Staub und Schmutzfingern, wartet indes die Leinwand auf ihren Einsatz.

Alte Überblendtechnik trifft auf digitale Kinoserver

Zeitgleich oberhalb des Zuschauerraums: Dort wo sonst der Projektor stand, der während der Revuen genutzt wurde, stehen nun zwei 35-Millimeter-Kinoprojektoren, Modell FP30D. Hier wird noch mit Überblendtechnik gearbeitet. Das heißt, wenn eine Filmrolle zu Ende ist, liegt im zweiten Projektor schon die folgende bereit. Der Filmvorführer muss dafür sorgen, dass beide so in einander überblenden, dass der Zuschauer den Wechsel nicht bemerkt. Nicht jeder Filmvorführer kann das heute noch, sagt Andreas Schwerma, Kinotechniker der Firma Kinoton, der gerade die Projektoren herrichtet. In Kinos werden die Rollen in der Regel zu einer extrem langen zusammengeklebt, „sie werden gekoppelt“. Für die Berlinale lohnt sich das aber nicht, denn die Filme sind in der Regel nur einmal in einem Kino zu sehen, dann müssten sie wieder entkoppelt werden.

Also greift man zur guten alten Überblendtechnik – oder zum modernsten Mittel, dem digitalen Kinoserver. Der steht noch verpackt im Flur, ebenso der digitale Projektor. Die Kisten sind zum Teil zwei Meter breit, hoch und tief. „Ich hab' keine Ahnung, wo das hier noch alles hin soll“, sagt Wolfgang Röder, technischer Inspektor des Friedrichstadtpalastes. „Mehr geht fast gar nicht“, steht auf einer Postkarte, die neben diversen Bikinimädchen an der Wand im Projektorenraum hängt. Nein, mehr Technik passt hier wohl kaum rein. Einen extra Stromkreis gibt es für die Geräte hier ohnehin. Ab Mittwoch laufen die Tests, dann werden die Projektoren für die verschiedenen Filmformate eingerichtet.

Es könnte anders klingen als im Kino

Für den Kinosound bauen die Techniker 40 neue Lautsprecher auf, 180 werden es am Ende insgesamt sein. So genannte Bananen - schmale, mehrere Meter hohe, leicht gebogene Lautsprechersysteme - werden hinter der Leinwand stehen, neben Basslautsprechern am Boden. Sechs Mann sind mit dem Aufbau beschäftigt. Wenn alles steht, kann von hier aus der Ton so ausgegeben werden, dass er mal aus der Mitte der Leinwand, mal von der Seite kommt oder darüber hinwegwandert. So wie es Kinozuschauer heute gewohnt sind. „Effektbeschallung“ heißt das, sagt Thomas Heidel, Tonmeister im Friedrichstadtpalast. Der Zuschauer soll mitten im Klang sitzen.

Am Donnerstag wird der Ton eingemessen, die Tontechniker des Friedrichstadtpalastes werden ihn dann während der Vorführungen wie besprochen vom Tonpult aus überwachen. Der Unterschied zwischen dem Revuetheater und einem herkömmlichen Kino: Der Saal an der Friedrichstraße ist konisch geformt, kein Schuhkarton. Es werde alles funktionieren mit dem Surround Ton, sagt Heidel, aber es könne durchaus etwas anders klingen als im Kino. „Das müssen wir nochmal sehen.“ Er schaut mit gespannter Erwartung in den Saal.

Es ist ein Experiment

Genau so gespannt – aber nicht angespannt - ist Wolfgang Röder. Er muss als technischer Inspektor den Überblick behalten. Ein Kino aufzubauen, das ist auch für ihn neu. Doch zum Glück habe sich der technische Direktor der Berlinale von Anfang an sehr für den Friedrichstadtpalast als Berlinalepalast eingesetzt. Reiner Chemnitius kenne das Theater und habe auch dafür gesorgt, dass die richtige Technik angeschafft wurde. „Das ist nichts Routinemäßiges“, sagt Röder fröhlich. Die gleiche Freude ist hier allen Technikern anzumerken. Es ist ein Experiment. Niemand weiß, wie alles funktionieren wird. Aber alle wissen, dass es funktionieren wird.

So beschließen die Techniker dann auch erst, als die Leinwand ausgerollt auf der Bühne liegt, wie sie sie eigentlich in die Luft bringen wollen. Das Problem: So wie sie aus der Kiste herausgeholt wurde, liegt sie mit der falschen Seite zum Bühnenrand, müsste um 180 Grad gedreht werden. Doch dafür ist auch die weltgrößte Theaterbühne zu klein. Auf weißem Stoff ausgerollt liegen dort die 220 Quadratmeter weiße Kunststofffolie mit den zahllosen kleinen Löchern, die schließlich den ausgefeilten Ton durchlassen werden.

Die Techniker – nun alle mit weißen Handschuhen – sitzen und liegen am Rande am Boden und diskutieren. Nicht aufgeregt. Ganz entspannt. Wie bekommen sie das gute Stück in die Luft, ohne sie über den schmutzigen Boden zu schleifen? Ob die Lösung schließlich wirklich die endgültige ist, ist nicht auf Anhieb klar. „Probieren wir’s“, ruft einer und sie lassen Nummer zwei herunter - einen Träger, an dem ein schwarzer Bühnenvorhang hängt. Diesen lösen acht Männer, dann kommt die Leinwand an den Träger, der hinter der Traverse hängt, die am Ende die Leinwand tragen soll. Mehr als 200 schwarze Schlaufen müssen dafür zunächst befestigt werden. Es sieht aus wie Handarbeitsunterricht mit besonders großem Material. Dann schwebt der Traum in weiß in die Luft, die Leinwand hängt, provisorisch, kopfüber, sozusagen mit den Füßen nach oben.

Die Leinwand wird in der Luft gewendet

Auf der somit vom Zuschauerraum abgewandten Seite ist das gute Stück noch immer mit einem chiffonartigen Stoff bedeckt. Er schützt die Beschichtung, denn die ist das A und O einer Leinwand. Reiner Chemnitius hat darauf bestanden, dass die Leinwand mit genau dieser Beschichtung aus England bestellt wird, während die übrige Leinwandtechnik aus Deutschland kommt, sagt Tammo Buhren, Geschäftführer der Firma ZweiB aus München. Die Firma ist für den Aufbau der Leinwand verantwortlich. Die spezielle Beschichtung sorgt dafür, dass das Licht in einem engeren Winkel als 180 Grad reflektiert wird: „Also kommt mehr Licht von der Leinwand beim Betrachter an.“

Dass die Leinwand nun erst einmal verkehrt herum aufgehängt werden konnte, sei ein Glück und anderswo kaum möglich, sagt Buhren. Gerade erst hat seine Firma am Potsdamer Platz die Sitzreihen zwischenzeitlich überbauen müssen, um die Leinwand für die Premiere von Tom Cruises Stauffenberg-Film „Walküre“ dort abzulegen. Im Friedrichstadtpalast wird nun in der Luft das nach unten hängende Ende an der Traverse befestigt, die wird dann hochgezogen, zugleich das andere Ende heruntergelassen und schließlich hängt die Leinwand richtig herum da – gewendet in der Luft, ohne Schmutzspuren.

Zuvor ist allerdings noch einmal Handarbeitsstunde: Mehrere Hundert Bänder müssen durch die Ösen zweier schwarze Vorhänge gezogen und mit Rollen versehen werden: Die Männer machen die Caches fertig. Das sind die schwarzen Vorhänge rechts und links der Leinwand, mit denen die Projektionsfläche verkleinert und vergrößert werden kann, je nach Filmformat. Im Friedrichstadtpalast werden die Caches zudem als Vorhang vor der Leinwand dienen. Das Bänderfestknoten und Rolleneinfädeln dauert. Die Männer setzen sich rund um die riesige Kiste, in der die Caches liegen und legen geduldig los. Gut eine Stunde lang. „Kaffeekränzchen“ lästern die Techniker, die noch mit der Traverse beschäftigt sind.

Dann kann die Leinwand endlich gewendet und an einer weiteren Traverse am unteren Ende befestigt werden. Sie hängt. Hinter der Leinwand wird nun noch alles schwarz verhangen, damit das Bild auch wirklich optimal zu sehen ist und durch die feinen Löcher nicht etwa ein roter Hintergrund blitzt.

Kino lässt Träume aufkommen

Ständig auf- und abbauen könne man die Konstruktion nicht, sagt Tammo Buhren, dafür sei diese Leinwand nicht gedacht. „Die ist schwer empfindlich“. Aber jedes Jahr für die Berlinale und mal für besondere Veranstaltungen wäre das schön möglich. Nicola Pattberg, Pressesprecherin des Friedrichstadtpalastes, hofft schon auf Kongresse, die eine große Projektionsfläche benötigen. Denen könne man dank der nun vorhandenen Leinwand den Friedrichstadtpalast schmackhaft machen. Wolfgang Röder hat einen ganz anderen Traum: „Vor der Wende haben wir hier manchmal Filme gezeigt“, sagt er. „Das waren Privatvorführungen.“ Nur ein paar Leute habe man noch eingeladen. Röders Traum wäre, dies wieder aufzunehmen. Aber die Filme auszuleihen, das sei heute wohl zu teuer.

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