Selbstmord

Aufstieg und Fall des Kurt Demmler

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Nicole Dolif

Der wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern angeklagte DDR-Liedermacher Kurt Demmler hat sich erhängt. Kurz bevor er seinen Opfern im Gerichtssaal gegenübertreten sollte. Ob er es aus Scham oder Schuld tat, das wird wohl nie geklärt. Seine Fans trauern.

Nur noch ein paar Stunden, dann hätte er ihnen im Gerichtssaal in die Augen sehen müssen. Hätte sich anhören müssen, was sie zu sagen haben, die Mädchen von damals, die er missbraucht haben soll. Das wollte Kurt Demmler nicht mehr erleben. Der wegen sexuellen Missbrauchs angeklagte DDR-Liedermacher ist tot. Er wurde Dienstagmorgen um 6.25 Uhr in seiner Zelle im Untersuchungsgefängnis Moabit gefunden, erhängt am Fensterkreuz, mit dem eigenen Gürtel.

Kurt Demmler habe seine Privatkleidung anbehalten dürfen, sagte Daniel Abbou, Sprecher der Senatsverwaltung für Justiz. Denn der Liedermacher, der bereits seit einem halben Jahr in Untersuchungshaft saß, habe in Gesprächen mit Betreuern und im Haftalltag keinerlei Anzeichen für Suizidpläne bemerken lassen. Seine Fans und Freunde sehen das ein bisschen anders. Sie äußern sich bestürzt im Gästebuch auf der Homepage des Liedermachers. Viele fragen sich, warum sein Selbstmord nicht verhindert wurde. Einer spricht sogar davon, dass es ein Selbstmord „mit Ankündigung“ gewesen sei.

Denn in dem Prozess sah es nicht gut aus für Kurt Demmler. Die Anklageschrift, die zum Prozessauftakt am 22. Januar verlesen worden war, war lang. 212 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern wurden ihm vorgeworfen. Die mutmaßlichen Opfer, das waren sechs Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren, die der heute 65-Jährige zwischen August 1995 und November 1999 unter einem Vorwand in seine Wohnung in Prenzlauer Berg und in seine Villa in Storkow gelockt hat: Er wolle Sängerinnen für eine neue Band testen. Und die intimen Berührungen soll er damit begründet haben, dass er ihr Stimmvolumen testen müsse. Auch soll er sie aufgefordert haben, sich auszuziehen und sich rittlings auf ihn zu setzen, damit er ihr Rhythmusgefühl beurteilen könne.

Kurt Demmler hörte sich am ersten Prozesstag die Vorwürfe ohne äußere Regung an. Erst als die Anwältin von zweien der damaligen Opfer, Sabine T. und Tanja S., heute 22 und 23 Jahre alt (Namen geändert), ankündigte, „handfeste Beweise“ für die Schuld des Angeklagten zu haben, veränderte sich sein Ausdruck. Die Anwältin sprach von E-Mails, in denen Demmler versucht habe, die junge Frau davon abzubringen, gegen ihn auszusagen. Dafür wolle er sie dann in seinem Testament bedenken. „Das war der Moment, in dem die Stimmung kippte“, sagt ein Prozessbeobachter. „Kurt Demmler muss klar geworden sein, dass er jetzt keine Chance mehr hat.“

Zunächst wurde er Arzt und gründete eine Familie

Bis dahin hatte er wahrscheinlich gehofft, dass es so laufen würde wie vor sieben Jahren. Damals war er bereits wegen ähnlicher Delikte angeklagt. Doch er kam mit einer Geldstrafe davon. „Dass Kurt Demmler eine Schwäche für sehr junge Mädchen hatte, war in der DDR-Musikszene bekannt“, sagt ein Produzent, der in den 80er-Jahren mit Demmler eine Platte aufgenommen hatte. „Bei Auftritten hatte er oft Schülerinnen dabei. Und seine Freundinnen waren immer blutjung.“ Doch gesagt hat niemand etwas. Es war auch nicht leicht, seine Stimme gegen Kurt Demmler zu erheben. Er war einer der ganz Großen in der DDR-Musikszene, ein erfolgreicher Texter und Musiker. Er schrieb Texte für Nina Hagen („Du hast den Farbfilm vergessen“), die Puhdys, Karat, Wolfgang Lippert und Daliah Lavi – insgesamt mehr als 10.000 Songs soll er verfasst haben. Für sein 1985 veröffentlichtes Album „Die Lieder des kleinen Prinzen“ wurde er mit dem Nationalpreis der DDR geehrt.

Dabei wollte der am 12. September 1943 in Posen unter dem Namen Kurt Abramowitsch geborene Liedermacher zunächst eine ganz andere Laufbahn einschlagen. Er machte 1962 Abitur und begann ein Jahr später an der Karl-Marx-Universität in Leipzig ein Medizinstudium, das er 1969 mit dem Staatsexamen abschloss. Demmler approbierte und arbeitete als Facharzt für Allgemeinmedizin an der Leipziger Poliklinik Süd. Etwa zur gleichen Zeit heiratete er und bekam zwei Kinder. Doch die Musik ließ ihn nicht los. Parallel zu Studium und Arbeit schrieb Demmler seine Texte und baute ein Studio auf.

Dort war er in seinem Element. Ein Künstler, ein bisschen exzentrisch. Demmler schrieb wie ein Besessener, sang und begleitete sich auf der Gitarre. Er hatte es bis ganz nach oben geschafft. Und dabei stand er dem DDR-Regime kritisch gegenüber. Er unterzeichnete 1976 die Protestresolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann, seine Programme wurden einer radikalen Zensur unterzogen, und auf der Großdemonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 sang er einen Stasi-Spottsong: „Irgendeiner ist immer dabei“.

Doch nach der Wende wurde es still um den erfolgreichen Kurt Demmler. Ein paar Mal trat er noch auf, dann verließen ihn nach und nach seine Musiker, die Konzertsäle füllten sich nicht mehr. Es ging bergab mit dem einst gefeierten Künstler. Demmler schien das Rampenlicht zu vermissen. Er plante ein Comeback, wollte eine Mädchenband aus der Retorte erfinden. Dafür ließ er in den 90er-Jahren die Mädchen zu sich kommen, die am Dienstag als seine Opfer vor der 15. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin gegen ihn aussagen sollten.

Es gibt keinen Abschiedsbrief

Ein gutes halbes Jahr ist es her, dass der Stein ins Rollen kam, über den Kurt Demmler fallen sollte. Eines der mutmaßlichen Opfer ging nach Jahren der Selbstpeinigung zur Polizei und offenbarte das Geschehene. Demmler selbst bleibt dabei, dass er unschuldig sei und Opfer einer Intrige.

Schuldig oder nicht, diese Frage wird nun nicht mehr geklärt werden können. Ob Kurt Demmler sich das Leben nahm, weil er Angst davor hatte, seinen Opfern von damals wieder zu begegnen. Ob er Schuldgefühle hatte. Oder ob er die Schmach einfach nicht erleben wollte und keinen anderen Ausweg mehr sah – all das sind nur Mutmaßungen. Denn bis jetzt wurde kein Abschiedsbrief des Liedermachers gefunden.

Das Landgericht hat nach dem Freitod Demmlers den Prozess unverzüglich eingestellt. Eva Kuhn, die als Anwältin eine 23-jährige Frau vertritt, die als Hauptgeschädigte gilt, sagte, ihre Mandantin sei von der Nachricht vom Tod Demmlers „schockiert“. Der Selbstmord sei für sie auch deswegen schlimm, weil damit ihre Schuldgefühle größer würden und auch keine Aufarbeitung stattfinden könne, sagt die Anwältin.

Auch Demmlers Verteidigerin Nicole Bede äußerte sich betroffen über die Selbsttötung ihres Mandanten. Die Anwältin hatte Demmler am Montagnachmittag noch in der Untersuchungshaft besucht. „Er war verzweifelt und hin- und hergerissen. Aber damit habe ich nicht gerechnet“, sagte Bede. Als Prominenter habe er natürlich viel zu verlieren gehabt, mutmaßte sie. Eine Selbstmordgefahr habe ein Gutachter aber trotz alledem nicht festgestellt, denn die Familie Demmlers habe weiterhin „zu ihm gestanden“.

Und auch seine Fans halten ihm weiterhin die Treue. Sie schreiben im Internet Beileidsbekundungen für die Hinterbliebenen und darüber, was Kurt Demmler für sie bedeutet hat. Tief betroffen schreibt zum Beispiel Thomas: „Seine Texte und Kompositionen sind für die Ewigkeit und werden immer weiterleben.“