Gesellschaft

In Berlin werden Hunderte Frauen zur Ehe gezwungen

Hunderte junger Frauen sollen jedes Jahr in Berlin zwangsverheiratet werden – der Senat hat hierzu neue Zahlen vorgelegt. Die aber zeigen nicht das ganze Bild. Denn die Dunkelziffer ist offenbar deutlich höher. Und weil es Zuständigkeitsgerangel zwischen den Behörden gibt, kommt Hilfe mitunter zu spät.

In Berlin werden immer mehr Zwangsehen registriert. 378 drohende Zwangsheiraten zählte die Senatsverwaltung im Jahr 2007, wie Frauensenator Harald Wolf (Linke) sagte. In 86 Fällen wurde die Ehe tatsächlich geschlossen. Zwei Jahre zuvor waren es insgesamt 330 Fälle, im Jahr 2002 gab es 220 Fälle. Die Dunkelziffer liege jedoch vermutlich weitaus höher, so Wolf. Meist waren Mädchen und Jungen zwischen 16 und 18 Jahren betroffen. Türkische Jugendliche bildeten die größte Gruppe, gefolgt von Einwanderern aus arabischen Ländern. Im vergangenen Jahr zählte die Senatsverwaltung außerdem zwei sogenannte Ehrenmorde, einen mehr als im Vorjahr.

Umfragen im Umfeld Betroffener – beispielsweise bei Lehrern und Ärzten – hätten gezeigt, dass die Zahl der drohenden sowie der bereits vollzogenen Zwangsverheiratungen ansteigt, sagte Wolf. Dass der Senat zunehmend Zwangsheiraten registriert, erklärte Wolf mit einer verbesserten Öffentlichkeitsarbeit, die das Thema aus dem Tabu-Bereich geholt habe: Immer mehr Jugendliche trauten sich, eine drohende Zwangsehe schon früh bei den Behörden zu melden. Diese könnten so schneller eingreifen. Wolf räumte allerdings auch Probleme ein: Anstatt schnell und pragmatisch zu helfen, schöben sich Jobcenter und Jugendämter noch zu oft die Fälle gegenseitig zu.

Dieser Tage jährt sich zum vierten Mal der Todestag der Kurdin Hatun Sürücü, die am 7. Februar 2005 von ihrem Bruder auf offener Straße erschossen worden war. Die Mutter eines kleinen Kindes hatte sich für ein Leben entschieden, das mit den Vorstellungen ihrer Familie nicht vereinbar war. Integrationssenatorin Heidi Knake-Werner (Linke) erinnerte daran, dass der Mord an Hatun Sürücü weit über Berlin hinaus eine heftige Debatte über Zwangsehen, Gewaltverbrechen sowie Versäumnisse der Integrationspolitik ausgelöst habe. Es sei wichtig, die Erinnerung an den Mord wachzuhalten, um für die Anerkennung der Grundrechte in der Gesellschaft zu kämpfen. Zwangsverheiratungen seien eine „moderne Form der Sklaverei“. Es müsse sich noch viel ändern, um den Betroffenen effektiv zu helfen.

Am Samstag (7. Februar, 10.00 Uhr) ist in Erinnerung an Hatun Sürücü am Tatort Ecke Oberlandstraße/Oberlandgarten in Tempelhof eine Mahnwache geplant. Initiator ist die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes.