Neuer Brandbrief

100 junge Lehrer wollen Berlin verlassen

Nach dem Brandbrief von 63 Schulleitern aus Mitte haben jetzt 100 junge Pädagogen ein offenes Schreiben an Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) geschickt. Sie kündigen darin ihren Wechsel in ein anderes Bundesland an. Sie alle haben eine feste Stelle im Berliner Schuldienst, doch das genügt ihnen nicht.

Foto: Michael Brunner

Junge Lehrer verlassen Berlin. In dieser Woche wollen mehr als 100 Pädagogen, die derzeit an Berliner Schulen arbeiten, bei Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) ihre Freistellung beantragen, um in ein anderes Bundesland zu wechseln. Der Grund: In den anderen Bundesländern sind sie finanziell wesentlich besser gestellt, weil die Lehrer dort in der Regel verbeamtet werden. Die jungen Lehrer fordern in einem offenen Brief selbstbewusst ihre sofortige Beamtung und drohen andernfalls ihren Weggang an. Insgesamt haben sich der „Initiative Verbeamtung jetzt!“ bereits 270 Lehrer angeschlossen.

Einen solchen Aderlass kann Berlin nicht riskieren, denn schon jetzt können offene Stellen nicht mit dem entsprechenden Fachpersonal besetzt werden. Für acht offene Mathe/Physik-Lehrerstellen ab Februar standen beispielsweise nur zwei Bewerber zur Verfügung. Im Dezember hatte Berlin den neuen Bewerbern etwa 400 Euro brutto (200 Euro) netto mehr geboten. Doch damit wurden gerade die Einbußen durch den Tarifvertrag vom September ausgeglichen.

„Doch nicht nur neue Bewerber wollen attraktive Angebote, auch die jungen Lehrer, die bereits an Schulen arbeiten, müssen gehalten werden“, sagt der Sprecher der Initiative, Torsten Ulrich.

Verbeamtung als mögliche Lösung

„Verbeamtung ist keine politische Lösung“, sagte indes Felicitas Tesch, bildungspolitische Sprecherin der SPD. „Wir müssen aber mehr Geld in die Hand nehmen, um junge engagierte Lehrer in Berlin zu halten“, forderte die Schulpolitikerin. Eine entsprechende Regelung müsse so schnell wie möglich gefunden werden. Die Gehaltszulage von 200 Euro netto, die Lehrer erhalten, die ab dem 1. Februar angestellt werden, reiche nicht aus, so Tesch. „Die Einstellungsrunde für das bevorstehende Halbjahr hat bereits deutlich gezeigt, dass nicht genug Lehrer zur Verfügung stehen.“

Karl-Heinz Nolte, Finanzpolitiker der SPD, kann sich die Wiedereinführung der Verbeamtung von Lehrern „als letztes Mittel“ vorstellen. Zunächst müsse aber das Angestelltenrecht ausgereizt und den Lehrern so viel Geld wie möglich mehr bezahlt werden, sagte Nolte. Erst wenn diese Möglichkeiten nicht ausreichten, sollte die Verbeamtung der Pädagogen wieder in Betracht gezogen werden.

Schulpolitiker von CDU und FDP plädierten ebenfalls für eine deutlich bessere Bezahlung der angestellten Lehrer. „Die Pädagogen sollten mindestens 300 Euro netto mehr bekommen“, sagte Mieke Senftleben (FDP). Zusätzliche Anreize sollten über leistungsgerechte Bezahlung geschaffen werden. „So kann der Anschluss an das Gehalt der verbeamteten Lehrer hergestellt werden“, sagte Senftleben.

Özcan Mutlu (Grüne) forderte eine andere Einstellungspolitik. „Junge Lehrer müssen angestellt werden, sobald sie mit der Ausbildung fertig sind, und zwar das ganze Jahr über und nicht nur zweimal jährlich“, sagte Mutlu.

Carsten Haase hat seine Freigabe für eine Bewerbung in einem anderen Bundesland bereits erhalten. Die Bescheinigung, die eigentlich nur für Beamte relevant ist, wird in anderen Ländern von jedem Bewerber verlangt. Der Oberschullehrer für Mathe und Physik am Beethoven-Gymnasium kann sich aussuchen, wo er künftig arbeiten möchte – gebraucht wird er überall. „Vielleicht Niedersachsen oder Hamburg“ sagt er. Das wäre nicht so weit weg. Carsten Haase sieht sich zu diesem Schritt gezwungen.

Im Monat 700 Euro netto mehr

Der zweifache Vater ist momentan Alleinverdiener für die vierköpfige Familie und in einem anderen Bundesland würde er 700 Euro netto mehr verdienen. Selbst eine Erhöhung um 200 Euro würde den 33-Jährigen nicht in Berlin halten. Haase kennt viele Kollegen, die Berlin gleich nach dem Referendariat verlassen haben. „Einige pendeln drei Jahre und kommen dann als Beamte wieder in den Berliner Schuldienst zurück“, sagt Haase. Am Ende würde Berlin dann doch den Beamtenstatus bezahlen.

Auch die Berufsschullehrerin Etta Willuweit vom Oberstufenzentrum Gastgewerbe will Berlin verlassen. „Das Arbeitsangebot ist gut, gerade für junge Berufsschullehrer“, sagt die 30-Jährige. Ihr Kollege Sebastian Müller will sich ebenfalls woanders bewerben. Er findet es „frustrierend“, dass verbeamtete Kollegen an derselben Schule das Doppelte verdienen.