Verspätungen

Berliner Senat droht S-Bahn mit Auftrag-Entzug

Weil Anfang Januar während des Wintereinbruchs massenhaft Züge ausfielen oder zu spät kamen, muss die S-Bahn nun an das Land Berlin eine Vertragsstrafe in Höhe von fünf Millionen Euro zahlen. Doch es kann noch schlimmer kommen. Der Senat könnte den Auftrag anderweitig vergeben.

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Ihre Unpünktlichkeit kommt die Berliner S-Bahn jetzt teuer zu stehen. Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) kündigte an, wegen der vielen Ausfälle und Verspätungen im Vorjahr eine Vertragsstrafe von fünf Millionen Euro gegen das Verkehrsunternehmen zu verhängen. Damit wird der Zuschuss des Landes an den Betrieb um diese Summe gekürzt. Zugleich drohte die Senatorin der Deutschen Bahn AG, dem Mutterkonzern der S-Bahn, erstmals öffentlich an, den Auftrag für den Betrieb des Berliner Stadtbahnnetzes zu entziehen. Dies sei nach Auslaufen des Verkehrsvertrages Ende 2017 möglich – zumindest, falls der Konzern nicht bei der Qualität nachbessere. Die Frage, ob die Bahn über 2017 hinaus Anbieter bleibe, werde sich auch an der Qualität des heutigen Angebots entscheiden, betonte Junge-Reyer vor dem Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses.

S-Bahn-Chef Tobias Heinemann entschuldigte sich bei der Stadt und den betroffenen Fahrgästen für die schlechte Leistung zu Jahresbeginn. Das Unternehmen sei Opfer besonders widriger Umstände geworden, habe aber auch selbst einige Fehler begangen. Hauptproblem sei das Vereisen wichtiger Komponenten des mechanischen Sicherungssystems der S-Bahn gewesen. Die betroffenen Züge hätten damit nicht schneller als 40 Kilometer pro Stunde fahren dürfen. Unter diesen Umständen sei der Fahrplan nicht einzuhalten gewesen. Heinemann kündigte an, das anfällige System zu verbessern. Langfristig solle es durch ein elektronisches Sicherungssystem ersetzt werden. Die S-Bahn will dafür 30 Millionen Euro investieren.

VBB widersprach der These von den besonderen Widrigkeiten

Gleich in der zweiten Januarwoche standen Zehntausende Berliner und Brandenburger frierend und fluchend auf den Bahnsteigen. Züge der S-Bahn trafen mit Verspätungen von bis 45 Minuten ein und manchmal fuhren sie gar nicht. Der Betrieb auf zwei Linien – der S85 (Grünau–Waidmannslust) und der S45 (Flughafen Schönefeld–Hermannstraße) – wurde zeitweise ganz eingestellt.

Aber am Ende der fast dreistündigen Anhörung war Heinemann dann doch überrascht, dass seine Strategie, mit einer großer Geste („Entschuldigung Berlin, Entschuldigung Fahrgäste!“) und einer detaillierten Auflistung witterungsbedingter technischer Probleme als Ursache vieler Zugverspätungen zu punkten, ins Leere lief.

Dafür sorgte vor allem Hans-Werner Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), der der These von den besonderen Widrigkeiten zu Jahresbeginn heftig und mit zahlreichen statistischen Daten widersprach. „Die Wettersituation war für einen Winter absolut normal und zudem von Meteorologen vorhergesagt“, so Franz.

Dass selbst Frosttemperaturen von bis zu minus 20 Grad Celsius nicht zu Problemen, wie in Berlin erlebt, führen müssen, hätten Nahverkehrsunternehmen anderer Großstädte gezeigt. So seien die Züge der S-Bahn in der bayerischen Landeshauptstadt München in der Woche vom 5. bis 9. Januar mit einer Pünktlichkeit von 96,6 Prozent gefahren. Die S-Bahn in Nürnberg hatte laut VBB einen Pünktlichkeitsgrad von 96,8 Prozent und die S-Bahn im Rhein-Main-Gebiet einen von 93 Prozent gehabt.

Auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) seien gut auf den Winter vorbereitet gewesen. Die U-Bahn sei mit 99 Prozent Pünktlichkeit sogar besser als sonst unterwegs gewesen, die komplett im Freien eingesetzten Straßenbahnen fuhren in 90,6 bis 92,7 Prozent der Fälle pünktlich.

17 Prozent der S-Bahnzüge fielen aus

Geradezu verheerend dagegen fiel die Bilanz des Verkehrsverbundes für die Berliner S-Bahn aus: Von den insgesamt 15.000 in der Zeit vom 5. bis 9. Januar geplanten Zugfahrten erfolgten 4700 mit Verspätung (entspricht 31 Prozent), 2500 Fahrten (knapp 17 Prozent) fielen sogar ganz aus. Die Leidtragenden waren die Fahrgäste, die oft ohne ausreichende Informationen in der Kälte auf die Züge warten mussten.

Sowohl S-Bahn-Geschäftsführer Heinemann, als auch der Vertreter der für die Gleise und Signalanlagen zuständigen DB NetzAG, machten für die Störungen im Zugverkehr hauptsächlich einen in dem Ausmaß nicht vorhersehbaren Ausfall des Zugsicherungssystems verantwortlich. Das seit 1928 im Einsatz befindliche mechanische System sei deutschlandweit einmalig. Daher könnten die Störungen nicht mit Betreibern anderer S-Bahn-Netze verglichen werden.

Vereisungsprobleme mit der sogenannten Fahrsperre, die verhindern soll, dass etwa durch Unachtsamkeit des Triebfahrzeugführers ein auf Rot gestelltes Signal überfahren wird, hat es laut S-Bahn bereits im Winter 2005/6 gegeben. Jetzt habe sich gezeigt, dass die danach geänderte Wintervorbereitung nicht ausgereicht habe. Heinemann kündigte an, dass derzeit eine konstruktive Änderung der Fahrsperre geprüft werde. Langfristig soll die mechanische Zugsicherung durch eine elektronische abgelöst werden.

Zahl der MItarbeiter in den Werkstätten fast halbiert

VBB-Geschäftsführer Franz verweist dagegen darauf, dass die S-Bahn nicht erst seit Jahresbeginn Probleme mit der Angebotsqualität hat. Der Pünktlichkeitsgrad ist laut VBB von 97,2 Prozent zu Beginn des aktuellen Verkehrsvertrages im Jahr 2003 auf 92,9 Prozent im vergangenen Jahr gesunken. Als Ursachen für diese Entwicklung sieht Franz einen Mangel an Fahrzeugen und Personal an. So habe sich allein im Werkstattbereich die Zahl der Mitarbeiter von 700 im Jahr 2003 auf aktuell 440 verringert. „Fahrzeugmangel und fehlendes Personal sind seit Längerem bekannt und haben die Situation während der Kältetage extrem verschärft“, so der VBB-Geschäftsführer.

Unterstützt wurde die Analyse des Verkehrsverbundes vom Vorsitzenden des S-Bahn-Betriebsrates Heiner Wegner. „Die Probleme waren vorhersehbar“, sagte Wegner. Werkstatt-Mitarbeiter hätten bereits am 11. Dezember 2008 bei einer Betriebsversammlung gewarnt, dass die Wintervorbereitung unzureichend sei. Wegner machte dafür vor allem den Personalabbau im Unternehmen verantwortlich. Die Zahl der Mitarbeiter sei von 3766 Anfang 2006 um fast ein Viertel auf aktuell 2885 reduziert worden.

Vertreter aller im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien forderten die S-Bahn-Führung auf, ernsthafte Anstrengungen zur Qualitätsverbesserung zu unternehmen. Angemahnt wurde auch eine bessere Fahrgastinformation.