DDR-Vergangenheit

Mauerfall-Jubiläum macht Berliner Linken zu schaffen

In diesem Jahr jähren sich der Fall der Mauer und der Zusammenbruch der DDR zum 20. Mal. Für die Partei Die Linke macht es den Stimmenkampf im Wahljahr 2009 noch schwerer. Denn Altkader kämpfen darum, das Bild der Diktatur des Proletariats und seiner Partei zu verklären.

Als in der DDR die Menschen gegen das SED-Regime aufbegehrten, war Marion Seelig an vorderster Front dabei. Als Sprecherin der vereinigten Linken und Mitglied des Netzwerkes Kirche von unten gehörte die Journalistin zu den aktiven Oppositionellen, deren hartnäckige Kleinarbeit schließlich die Massen zur deutschen Revolution auf die Straße trieb.

Heute ist die 56-Jährige im Berliner Abgeordnetenhaus stellvertretende Vorsitzende der Fraktion der Linken. Die Aktivistin ist ausgerechnet in jener Partei gelandet, deren Vorläufer SED sie einst unter großen persönlichen Risiken bekämpft hat.

In diesem Jahr, in dem sich der Fall der Mauer zum 20. Mal jährt, hat die Linke Biografien wie die von Marion Seelig besonders nötig. Denn die Partei steckt in der Klemme: In Wahlkämpfen werden die anderen Parteien den Linken die Verantwortung für das gescheiterte sozialistische Experiment im deutschen Osten anhängen. Und am anderen Ende kämpfen Altkader darum, das Bild der Diktatur des Proletariats und seiner Partei weichzuzeichnen.

Vor allem die pragmatischen Berliner Regierungsgenossen bereiten sich darauf vor, die Hauptlast des ideologischen Zweifrontenkrieges zu tragen. Zumal sich die westdeutschen Linken aus der ehemaligen WASG mit der Vergangenheit schwerer tun als die meisten derjenigen, die in der alten PDS Verantwortung getragen haben.

Alte Vorwürfe könnten der Linken im Superwahljahr schaden

Linken-Chef Oskar Lafontaine und andere im westlichen Teil der fusionierten Linken arbeiten daran, die neue Organisation als „die jüngste Partei Deutschlands“ darzustellen und die Vorgeschichte der PDS auf dem Misthaufen der Geschichte zu entsorgen. Die alten Vorwürfe könnten der Linken im Superwahljahr mit den vielen Gedenktagen durchaus schaden.

In Berlin kommt der Saarländer mit dieser Strategie allerdings nicht an. „Es ist lächerlich so zu tun, als hätten wir nichts mit der SED zu tun“, sagt Stefan Liebich, Fraktionsvize im Abgeordnetenhaus, Bundestagskandidat der Linken in Pankow und Sprecher des Reformflügels der Bundes-Linken. Die Linke in Berlin nehme die Rolle als Nachfolgepartei ernst, auch wenn das für Irritationen sorge.

„Die SPD hat einen Koalitionspartner, der sich intensiv mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat und jetzt zwischen allen Stühlen sitzt“, scherzt die Fraktionschefin Carola Bluhm. Mit den Ewiggestrigen in der eigenen Partei müsse man „in die Auseinandersetzung rein“, sagt Bluhm. Und nach außen wollen die Linken an ihre diversen Beschlüsse und Resolutionen erinnern, mit denen sie sich von Mauer, Stasi, Stalinismus und DDR-Diktatur distanziert haben. Inzwischen sei für fast alle in der Partei selbstverständlich, sich bei der Gedenkdemonstration für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg auch am Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus zu verbeugen, auch wenn die Kommunistische Plattform das ablehne.

Marion Seelig soll für die Linksfraktion die Strategie für das Supergedenkjahr entwickeln. „Wir werden deutlich machen, was wir für einen Prozess durchgemacht haben“, sagt Seelig.

Ein Milieu, das der DDR in gewisser Weise nachhängt

Die Linke will mit eigenen Veranstaltungen zu den Ereignissen von 1989 in die Offensive gehen. Versucht wird, die SED, die 1989 2,3 Millionen Mitglieder zählte, nicht als monolithischen Block darzustellen. Drei Ereignisse aus dem Revolutionsjahr vor dem Mauerfall im November will die Linke in den Mittelpunkt rücken: die unmenschliche Reaktion der SED-Spitze auf die Massaker gegen die Demokratiebewegung in China, die Ausreisebewegung und die Fälschung der Kommunalwahlen durch die SED.

An diesen letzten Vorgang, der der SED 99,9 Prozent brachte, erinnert sich auch Carola Bluhm, die seit 1982 Mitglied der SED war. „Wir saßen in der Küche und haben gesagt, das kann nicht sein“, erinnert sich die 46-Jährige. Das Ergebnis habe ihr Vertrauen in Staat und Partei erschüttert. Dennoch stützt sich auch die Berliner Linke immer noch auf ein Milieu, das der DDR in gewisser Weise nachhängt.

Diese Gruppen sitzen vor allem im Lichtenberger Kreisverband, der immer noch der mitgliederstärkste deutschlandweit ist und sich im Ostbezirk als eine Art Staatspartei fühlt. Jüngst musste Landesvorsitzender Klaus Lederer auf dem Parteitag die Lichtenberger Genossen rügen, weil sie ehemalige Stasiobristen zu einer Diskussion geladen hatten, ohne für ein Gegengewicht durch Opfervertreter zu sorgen. Und Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich ließ sich jüngst mit der Aussage zitieren, sie sei noch nicht richtig im vereinten Deutschland angekommen.

Aber die Lichtenberger Parteichefin Gesine Lötzsch, stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, lässt sich nicht dazu drängen, die Verbindungen zu den vielen alten Genossen zu kappen, auf die Stimmen will sie nicht verzichten. Zumal ihr Ehemann Ronald Lötzsch als jemand gilt, der die Kontakte zu diesem Milieu bewusst pflegt. Andererseits saß er in den 50er-Jahren selbst wegen Verrats an der kommunistischen Sache im Zuchthaus von Bautzen.

Solche Differenzierungen sind es, die die Berliner Linke im Supergedenkjahr 2009 in die Debatte einspeisen möchte. „Wir müssen uns vor relativ einfachen Diskussionen hüten“, sagt Marion Seelig. Dass es gerade unter den älteren Genossen noch viele gibt, die heute die DDR verklären, hält die ehemalige Oppositionelle für nachvollziehbar. „Mit zunehmendem Alter geht es um den Rückblick auf die eigene Lebensleistung. Da kann man sich das eigene Scheitern nicht eingestehen.“

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