Beelitz-Heilstätten

Wie ein Fotomodel beim Sex sein Leben verlor

Es gibt zwei Klassen von Besuchern des brandenburgischen Ortes Beelitz-Heilstätten. Die Angehörigen von Patienten der Nervenkliniken. Und diejenigen, die den morbiden Charme des alten Lungensanatoriums schätzen. Dort treffen sich die Anhänger von Sado-Maso-Sex. Und dort starb im Juli 2008 ein 20-jähriges Fotomodel.

Als Silke* stirbt, an einem Wochenende im Juli, brennt eine schwarze Kerze auf dem Fensterbrett. Dunkelheit und Wald hinter der Scheibe. Durch die Fugen zieht der Wind ins Schlafzimmer, und die Kerze brennt schräg herunter. Das Wachs tropft auf den Boden, und auf dem Bett erwürgt Michael F. seine Partnerin beim Sado-Maso-Sex.

Am nächsten Morgen ruft Michael F. die Polizei an. Er stehe irgendwo im Wald und werde sich das Leben nehmen. Er sei verantwortlich für den Tod eines Mädchens, die Leiche liege im Schlafzimmer einer Ferienwohnung in Beelitz-Heilstätten. Die Polizei fand den Mann, lebend. Ein halbes Jahr später hat die Staatsanwaltschaft nun Anklage wegen Mordes und Störung der Totenruhe gegen den 37-Jährigen erhoben. Michael F. habe die 20-Jährige zur Befriedigung seines Sexualtriebs ermordet und dann an der Leiche den Geschlechtsverkehr vollzogen.

Die Wohnung, in der Silke gefunden wurde, hatte Michael F. für sich und die junge Frau gemietet. Ein Mädchen, das halb so alt ist wie er. Das er noch nie vorher gesehen hat. "Von meinen Mietern kann ich ja kein Führungszeugnis verlangen", sagt Johannes Droste. Ihm gehört die Ferienwohnung. Droste ist 48 Jahre alt. Er sitzt auf dem Sofa in der Wohnung, in der auch Michael F. und Silke saßen.

Ein Ort der verlorenen Seele

Als er seinen Mieter an jenem Freitag in Beelitz-Heilstätten zum ersten Mal traf, kam Droste gerade vom Katamaransegeln auf der Müritz. Die Schlüssel hatte F. schon erhalten, saß im Fenster, durch das Droste jetzt nach draußen schaut. Droste stand unten auf der Straße. Eine knappe Begrüßung, man kennt sich vom Telefon. Der Mieter lud den Vermieter auf ein kurzes Gespräch ein, doch der Weg endete für Droste im Treppenhaus, weiter ließ F. den Vermieter nicht. "Ob bei dem die Unterhosen rumliegen, oder die Essensreste?", dachte Droste. Es wurde nicht mehr als ein Händeschütteln. "Alles in Ordnung?" - "Ja alles prima. Wir bleiben dann doch drei Nächte."

Droste teilt seine Mieter in zwei Gruppen. Die einen sind Angehörige von Patienten, die in den Beelitzer Nervenkliniken untergebracht sind. Michael F. gehört zur anderen Gruppe. Sie suchen in Beelitz-Heilstätten die Schönheit des Verfalls. Denn Beelitz-Heilstätten steht heute auch für eine denkmalpflegerische Bankrotterklärung. Das alte Lungensanatorium wurde in zwei Weltkriegen als Lazarett benutzt und beschädigt. Von 1945 bis 1997 war es das größte russische Militärhospital außerhalb der Sowjetunion. "Das wurde hier alles mal zum Wohl der Menschheit gebaut", erzählt Droste. Aber Leben und Tod liegen nah beieinander. "Die ganzen Tuberkuloseopfer, die Kriege und dann der Russe. Wenn es irgendwo verlorene Seelen gibt, dann hier." Unter seinen Gästen sind gelegentlich auch Geisterjäger. "Die laufen mit Widerstandsmessern durchs Gelände und nehmen irgendwelche Stimmen auf."

Todessehnsucht und Verfall

Die brüchigen Backsteingebäude stehen für Krankheit und Tod. Das zieht auch Architekturfotografen an. Verfallene Operationssäle und faulende Krankenzimmer sind in erster Linie Hintergrund für Sado-Maso-Aufnahmen und Horrorfotos mit Pfützen aus Kunstblut. Silke, die im echten Leben eine Ausbildung bei einem Logistikunternehmen machte, war Hobbymodel für solche Aufnahmen. Michael F. ist Freizeitfotograf, eigentlich Urzeitforscher. Er hatte Silke im Internet entdeckt. Sie hatte Lust auf Sado-Maso-Sex, auf Fesseln und Würgen beim Akt.

Droste schaut aus dem Fenster hinüber zum Wald. Dort stehen die Ruinen der ehemaligen Frauenlungenheilanstalt. Hier war Silke am Samstag für ihre letzten Fotoaufnahmen verabredet. Michael F. war ihre Verabredung für die Nacht, Steven Kauffeld ihr Fotograf für den Tag. Auch Kauffeld (39) ist Hobby-Fotograf. Seine Bilder zeigt er im Internet. "Irgendwann möchte ich von der Fotografie leben können", sagt der Informatiker.

Sein stärkstes Bild heißt "Suicide Angel". Es zeigt eine nackte Frau in Embryonalstellung, sie liegt in einer gekachelten Ecke auf Schutt. Sie trägt schwarze Flügel, neben ihrem Kopf liegt eine Pistole. Das Foto zeigt Todessehnsucht und Ausbruch, Verfall und Unschuld.

Als Silke das Bild sah, nahm sie Kontakt zu Steven Kauffeld auf. Sie wollte von ihm fotografiert werden. Die beiden verabredeten sich für das Wochenende in Beelitz-Heilstätten. Die beiden dachten sich eine Geschichte aus und fotografierten sie, bis Silkes Haut vor Kunstblut nicht mehr zu sehen war. "Ich habe mit ihr das Thema Mord geshootet. Es ist traurig, aber so ist es."

"Und plötzlich ist sie tot"

Sechseinhalb Stunden haben sie mit anderen Models in den Ruinen zusammengearbeitet. In der letzten Stunde wurden sie von einem anderen Fotografen begleitet, "ein netter Kerl", sagt Kauffeld. Das war Michael F. Rund 40 Fotografen und Models hatten sich an diesem Wochenende in den Ruinen verabredet. Gegen halb acht ging Silke über die Straße in die Ferienwohnung, um sich das Kunstblut abzuwaschen. Michael F. ging mit.

Am folgenden Dienstag klingelte Kauffelds Handy, ein Journalist fragte ihn nach dem Tod des Mädchens. So erfuhr Kauffeld davon. "Es war unglaublich. Ich habe ihre letzten Fotos, auf meinem Vertrag ihre letzte Unterschrift. Und plötzlich ist sie tot." Kauffeld ist noch einmal nach Beelitz gefahren. An den Wänden im Keller einer der Ruinen waren Handabdrücke von Silke. Die Blutspuren ihrer Inszenierung. "Ich musste das sehen, musste das berühren." Er machte Fotos, schloss ab. Der letzte Akt der Inszenierung.

Am Samstag, als Silke mit Michael F. die Straße überquerte, hat Kauffeld sie zum letzten Mal gesehen. Das letzte Mal, dass er hätte eingreifen können, es geht ihm nicht aus dem Kopf. "Der Moment, als sie über die Straße ging. Vielleicht wäre alles anders verlaufen."

Ein Mann, den sie kaum kannte

Silke starb nicht durch inszenierte Horrorfotos. Sie starb bei Sado-Maso-Sex mit einem Mann, den sie kaum kannte. "Alles ist gefährlich, wenn man es nicht richtig macht. Aber Sado-Maso mit einem Mann, den man gerade erst kennen gelernt hat, ist nicht so schlau", sagt Kauffeld, der sich in der Szene auskennt. "Es hat viel mit Vertrauen zu tun." Im Schlafzimmer der Wohnung, dort wo Silke gefunden wurde, zeigt Johannes Droste auf das Bett. "Das wollte ich mir eigentlich mal zuhause hinstellen, aber das ist jetzt ausgeschlossen." Schmiedeeiserner Rahmen, schwarzer Lüster über dem Bett. So stellt sich der Laie schwarze Messen vor.

Am Wochenende nach Silkes Tod hat Droste die Wohnung schon wieder vermietet. Eine Pfanne und ein Messer wurden von der Polizei beschlagnahmt, die Federbetten hat Droste weggeschmissen. Er hat neue gekauft.

*Name geändert

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