Ausstellungseröffnung

Wowereit zurück auf dem Flughafen Tempelhof

Ein Vierteljahr ist vergangen, seit Klaus Wowereit an diesem Ort war. Buhrufe und Pfiffe hatten seine Rede während eines Gala-Diners begleitet. Nun stand der Regierende Bürgermeister wieder in der Abflughalle. Wieder waren Hunderte Gäste gekommen. Und sie erlebten einen Politiker in Angriffslaune, wenn auch mit dem Florett kämpfend.

300 Menschen protestierten im Oktober 2008 vor dem Gebäude, in dem sich in der großen Halle 800 geladene Gäste aus Anlass des letzten Starts eines Flugzeugs vom Flughafen Tempelhof versammelt hatten. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte an diesem Abend Buhrufe und Pfiffe geerntet. Am Montag stand Wowereit wieder in der Abflughalle. Wieder waren Hunderte Gäste gekommen. Dieses Mal zu einer Ausstellungseröffnung über Geschichte und Zukunft des Geländes. Und sie erlebten einen Wowereit in Angriffslaune, wenn auch mit dem Florett kämpfend.

Nach wie vor seien viele Emotionen mit dem Flughafen Tempelhof verbunden, sagte Wowereit. Aber es sei "bösartig", wenn einige immer wieder penetrant behaupten würden, dem Senat falle für das Areal nichts ein. Die Stadt brauche eine große Freifläche aus ökologischen Gründen. Stadtentwicklungssenatorin und Parteifreundin Ingeborg Junge-Reyer hatte Wowereit eingeladen, auf dem Neujahrsempfang ihrer Verwaltung, der stets mit einer Ausstellungseröffnung verbunden wird, zu sprechen. Wowereit hatte zugesagt, um damit auch ein politisches Zeichen zu setzen: Die Zukunft von Tempelhof ist Chefsache.

Seitenhieb auf die IHK

Die Vergangenheit, die harte Auseinandersetzung um die Schließung des Flughafens, die in einen Volksentscheid mündete, erwähnte Wowereit nicht. Einen Seitenhieb wurde er aber dann doch noch los – und er traf die Industrie- und Handelskammer und ihren Präsidenten Eric Schweitzer. Die IHK hatte sich im vergangenen Jahr vehement für die Offenhaltung des Flughafens eingesetzt. Beim diesjährigen Neujahrsempfang der Wirtschaftsvertreter fehlte Wowereit, was dort für Unmut sorgte. Wowereit, der Anfang der Woche aus seinem Urlaub in Südafrika zurückgekehrt war, sagte am Montag: "Ein besonders fröhliches neues Jahr auch Herrn Schweitzer."

Das Volksbegehren zum Flughafen ist Geschichte. Doch für Wowereit wiederholt sich die Geschichte. Anders. Sicherlich. Aber wieder baut sich in der Stadt in diesen Tagen ein Druck auf den Senat auf. Dieses Mal geht es um das Volksbegehren für ein Wahlpflichtfach Religion. Der rot-rote Senat will bei seinem Modell des gemeinsamen Ethik-Unterrichts und des freiwilligen Religionsunterrichts bleiben. Wowereit und die Seinen sind kämpferisch, wollen auch diesen nun anstehenden Entscheid gewinnen. Zügig werde es eine Entscheidung geben, heißt es aus der Senatskanzlei. Wie bei der Abstimmung über den Flughafen, heißt es im Senat. Tempelhof als Vorbild? Die Abstimmung ging für die Anhänger des innerstädtischen Flughafens verloren.

Weit über Tempelhof hinaus

Beim neuen Volksbegehren geht man in der Senatskanzlei nun auf Nummer sicher. Eine Meinungsumfrage hat man in Auftrag gegeben. Danach sind etwa 22 Prozent für ein Unterrichtsfach Religion, aber etwa 40 Prozent sind dagegen. Wowereit selbst sprach den neuen Entscheid nicht an. Er richtete den Blick nach vorn und weit über das Flugfeld Tempelhof hinaus.

Der Regierende Bürgermeister nutzte die Gelegenheit, dass unter den geladenen Gästen der Stadtentwicklungsverwaltung viele Vertreter aus der Architektur- und Baubranche waren, noch einmal auf das Konjunkturpaket II der Bundesregierung einzugehen – ohne Versprechungen zu machen. "Haben Schirme, Pakete und ein Impulsprogramm die Kraft, eine wirtschaftliche Krise zu verhindern?", fragte Wowereit und gab mit den Worten seines Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD) gleich die Antwort: "Keiner weiß es."

Die Worte vernahm auch der Schauspieler und Drehbuchautor Horst Pillau. Doch in Gedanken war er immer noch beim Volksbegehren, dem ersten, dem gegen die Schließung des Flughafens. Er habe es sich lange überlegt, ob er die Einladung annehmen und zu der Ausstellungseröffnung gehen solle, erzählte Pillau. Als Passagier war er mehrere Tausend Mal in Tempelhof abgeflogen. Als Hobby-Pilot hatte er ebenfalls die Start- und Landebahnen genutzt. Als Horst Pillau hatte er für die Offenhaltung gekämpft. Aber schließlich habe er sich überwunden, um zu hören, was Wowereit nun sage, so Pillau, der mit einigen Flughafen-Freunden gekommen war. Doch laut protestieren wollten sie nicht. Pfiffe oder Buhrufe gab es bei Wowereits Rede keine.

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