Dag Harbach

Das schnelle, kurze Leben eines Party-Königs

Kurz nach Neujahr wurde ein 43-jähriger Deutscher in einem thailändischen Hotel tot aufgefunden. Es war der frühere Berliner Partykönig und kreative Kopf des "90 Grad" Dag Harbach. Sein Tod gibt Rätsel auf. Eigentlich hatte er sein Leben gerade erst wieder so richtig im Griff.

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„Bitte nicht er“. Das war die erste Reaktion der Schauspielerin Rosalind Baffoe auf die Todesnachricht. Eine kurze Textnachricht, doch in ihr stehen Fassungslosigkeit, Leere und Schmerz geschrieben. Der Tod hat bei Dag Harbach an die Tür geklopft und den 43-jährigen Kreativchef des „90 Grad“ mitgenommen. Zu früh, wie viele finden.

Im Berliner Nachtleben feiern Fröhlichkeit und Leichtigkeit ausgelassene Feste – der Tod ist hier kein Thema. Deshalb erschüttert das überraschende Ableben von Dag Harbach die Partyszene besonders. Die Beileidsbekundungen für die Westberliner Club-Legende kommen ebenso aus Ostberlin, aber auch von Businessleuten und aus der Underground-Szene, die den Schickimicki-Club traditionellerweise hasst. Wie kommt es, dass eine ganze Stadt um den Party-König trauert?

Darauf gibt es verblüffende Antworten. „Er war ein Genius“, sagt Britt Kanja. Die ehemalige Partymacherin war nicht nur seine beste Freundin, sondern – was nur wenige wissen – sechs Jahre lang seine Lebenspartnerin und teilte mit dem Zwei-Meter-Hünen Bett, Business und das „90 Grad“.

Die zierliche Dame sitzt im plüschigen Café Richter in der Giesebrechtstraße, in der Dag lange gelebt hat, und wirkt mit ihrem schneeweißen Ballonrock wie eine riesige Schneeflocke. Auf den ersten Blick erkennt man in ihrem perfekt geschminkten Gesicht keine Trauer, es werden während des Gesprächs auch keine Tränen fließen, denn sie hat das Unbegreifbare noch gar nicht richtig begriffen.

Als Unbekannter hatte er Probleme mit den Türstehern

Am 4. Januar wurde die Leiche von Dag Harbach in seinem Bungalow im „Bo Independent“ Ressort auf Koh Chang in Thailand gefunden. Er war zur Kaffee-Verabredung mit seinem Freund Marc Schilkowski nicht erschienen, der daraufhin sein Hotel aufsuchte, wo der Tod von Dag Harbach ihm an der Rezeption mitgeteilt wurde. Kurze Zeit später bekam Britt die Todesnachricht übermittelt. „Ich bin völlig kopflos durch die Straßen gelaufen und konnte es nicht fassen“, sagt sie mit zitternder Stimme, während ihre Augen leer auf die nächtliche Straße blicken.

Dag betörte Britts Herz durch seine virtuosen Tanzkünste im „90 Grad“. Jahre später erst gestand er ihr, dass er immer der erste Gast des Abends war, weil der uncoole Schlacks später an den erbarmungslosen Türstehern nicht vorbei gekommen wäre. Eigentlich war Dag, der aus Iserlohn stammt und bei seinen Großeltern aufwuchs, wegen seines Staatsexamens in Jura nach Berlin gezogen, doch er verliebte sich in Britt und das „90 Grad“ – zu seiner letzten Prüfung trat er nie an.

„Er arbeitete sich vom Hausmeister über den Barchef zum Geschäftsführer hoch“, sagt Britt Kanja mit Stolz in der Stimme. Wenn sie von ihm spricht, strahlen ihre Augen, er war ihre Familie. Der Schöngeist mit praktischen Fähigkeiten baute und hämmerte nicht nur im Club rum, sondern kleidete ihn regelrecht permanent neu ein. Aus einfachen Materialien und genialen Ideen erschuf er mitreißende Erlebniswelten, in denen die Partygemeinde eintauchte und abfeierte.

Die "Freudenhouse“-Party war sein Werk

Mit seinem Design-Gefühl prägte Dag das Nachtleben. Seine und Britts „Freudenhouse“-Party am Karlsbad zur Loveparade war legendär – und setzte Standards. Dag schleppte alte Möbel vom Trödel an, zimmerte kleine Stübchen mit Betten, Küchenzeilen oder Couches. „Hinter jeder Ecke überraschte eine anderen Atmosphäre“, schwärmt Britt Kanja noch heute.

Sein Stilgefühl machte jedoch auch vor Texten keinen Halt, und so kreierte der Wortakrobat die Werbetexte des „Felix“ sowie der „Exzessiva“-Partys, und als leidenschaftlicher Bar-Hocker veröffentlichte er das Buch „Berlin Cocktails“ – seine spitzen und pointierten Kritiken ließ der B&S Verlag jedoch rausredigieren. Sehr zum Leidwesen des Autors, der später in einer Zeitung wetterte, dass seine Texte „bis zur Unkenntlichkeit entschärft“ worden seien.

Dag selbst mauserte sich schnell vom Landei zum Mode-Styler mit einem Hang zu exzentrischen Brillen und schillernden Jacketts. Die einen hielten ihn für ein Faktotum, die anderen für schwul. „Ich bin die schwulste Hete der Stadt“, konterte er dann blitzschnell und lachte sein schallendes Dag-Lachen. Auch seine letzte Partyreihe widmete er dem Thema Mode, und so verwandelte er bei „Fashionized“ gemeinsam mit Co-Veranstalter Fetzo den Club „Felix“ in einen Catwalk für Berliner Designer wie Scherer Gonzales und Kilian Kerner.

Er war zu gutgläubig - und begann zu trinken

Doch der Optimist und Sonnenschein Dag Harbach hatte auch seine Schattenseiten. „Ihm fehlte der Sinn fürs Geld“, sagt Britt Kanja und scheut sich nicht, ihn posthum zu kritisieren. Dag Harbach weigerte sich lange Zeit, Verträge abzuschließen, für ihn galt „ein Mann – ein Wort“. Nur leider war er oftmals der einzige, der sich an die Handschlag-Verträge hielt. Immer wieder musste er seinen Honoraren in der ganzen Stadt hinterherlaufen.

Seinen Frust ertränke der Party-Gentleman immer häufiger im Alkohol. In den ersten Jahren war es nur ein Schwips, später wurde es zum Problem. „Wenn er getrunken hatte, wurde er ein Stinkstiefel“, sagt Britt. Und das ist noch nett ausgedrückt. Der sonst so zurückhaltende und noble Dag wurde besoffen zu einem Angeber, er wurde arrogant und gehässig. Ein verkanntes Genie, das vielleicht begriff, dass ihm seine Gabe keinen Porsche und keine Villa einbringen würde. Auf diese Art verlor er viele Freunde – auch Britt trennte sich 1996 wegen seiner Sucht von ihm.

Auf das Star-Dasein folgte der tiefe Fall

Wenn seine erste Liebe das Gestalten war, war die zweite das „90 Grad“. Doch es war eine schwierige Liebe. Vom Geschäftsführer wurde der charmante Chaot bald schon zum Kreativchef degradiert, und obwohl er in der darauf folgenden Ära von Nils Heiliger mit seinen wechselnden Dekorationen den Club zum Wohnzimmer der Reichen und Prominenten wie George Clooney, Leonardo DiCaprio oder Heidi Klum machte, fehlte ihm doch die Anerkennung für seine Leistung.

„Von seinen Visionen hat das ,90 Grad’ gelebt“, sagt Nils Heiliger heute, „der Club verdankt ihm viel“. Doch das Verhältnis zwischen dem Geschäftsmann und dem kreativen Kopf war schwierig. Der Alkohol wurde Dags ständiger Begleiter. Vor ein paar Jahren erlitt er einen Magendurchbruch. Dennoch arbeitete er immer weiter für das „90 Grad“. Bis der Club schloss, Dag seine Miete nicht mehr zahlen konnte und auf der Straße landete.

"Er ist ein unersetzbarer Freund“

Jetzt half ihm sein zweites großes Talent. „Er ist ein unersetzbarer Freund“, sagt Daniel Höferlin, Manager des „Felix“. „Er rettet dich aus jeder Situation“, sagt Beate Wendenburg. 2006 war sie kurzzeitig Pächterin vom „90 Grad“ gewesen, und nach dem Scheitern war die Häme im Nachtleben groß. „Doch Dag ist jedem über den Mund gefahren, der über mich gelästert hat“, sagt Beate Wendenburg, die inzwischen für das Online-Unternehmen Aperto arbeitet.

Dag hat viele Macher im Nachtleben entdeckt und gefördert wie Daniel Höferlin, heute Chef vom „Felix“. „Ich konnte nicht einmal E-Mails schreiben“, erinnert sich Höferlin, „trotzdem hat er mich in den Event-Bereich des ,90 Grad’ geholt“. Viele seiner Protegés erweisen ihm auf dem Online-Portal Facebook die letzte Ehre. Dort haben seine engsten Freunde Britt Kanja, Daniel Höferlin, Konstanze Wendel und Natalie Spremberg die Seite „Dag!“ eingerichtet, die voller Liebe, Anteilnahme und Erinnerungsfotos vom milchgesichtigen Dag Harbach ist.

Zuletzt wollte er aus Hennef nach Berlin zurückkehren

In der schwierigen Zeit ohne Wohnung halfen ihm diese Freunde und gaben ihm Unterschlupf, Zuspruch und Jobs. Schlussendlich zog Dag Anfang 2008 zu seiner Freundin Natalie Spremberg nach Hennef bei Bonn und arbeitete im Familienunternehmen USP mit, wo er die Leitung für das DFB-Projekt „Minispielfelder“ übernahm. Seit Monaten hatte er keinen Alkohol mehr angerührt, und obwohl Natalie und er sich später trennten und er alleine in Urlaub fuhr, war er wieder voller Pläne: eine Kunstgalerie in Berlin – die Finanzierung stand bereits.

Über Dags Todesursache wird viel gemunkelt. Ein erneuter Magendurchbruch, Selbstmord oder doch ein angeblicher Motorradunfall in Thailand? „Alles Spekulationen“, sagt Britt Kanja. Die Leiche ist inzwischen nach Bangkok übergeführt worden, wo sie obduziert wird. Das Auswärtige Amt rechnet frühestens in fünf Wochen mit einem Ergebnis. Wann sein Leichnam in Berlin ankommt, steht noch nicht fest, der Termin für seine Abschiedsparty jedoch schon. „Dag hätte das so gewollt“, sagt Britt. Die Szene möchte sich gerne gebührend von dieser schillernden Persönlichkeit verabschieden. Die Party wird am 23. Februar – zu seinem 44. Geburtstag – stattfinden, ob sie jedoch im „90 Grad“ steigen wird, diskutieren seine Freunde noch.