Rapper Joe Rilla

Marzahn stand für Zukunft - und steht für Verlierer

Was für Sido das Märkische Viertel, ist für Joe Rilla Marzahn. Der Rapper besingt seit elf Jahren die unterschiedlichen Seiten seines Heimatstadtteils. Sandra Basan hat mit Joe Rilla über Marzahn gesprochen - über Perspektivlosigkeit, Zusammenhalt und seine Marzahner Inspirationsquelle.

Morgenpost Online: Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Marzahn hören?

Joe Rilla: An Heimat und Zuhause. Da bin ich aufgewachsen und eingeschult worden und als kleiner Stippi durch die Modderpfützen gehüpft. Als meine Eltern 1979 mit mir nach Marzahn gezogen sind, war das noch eine riesige Baustelle. Das war für ’nen kleinen Stromer wie mich natürlich der schönste Abenteuerspielplatz der Welt.

Morgenpost Online: Wie lebte es sich als kleines Kind zwischen riesigen Hochhäusern?

Rilla: Wunderbar und spannend. Wir haben in der neunten Etage gewohnt in einer 52 Quadratmeter großen Wohnung. Ich fühlte mich wohl behütet und geborgen. Auch als ich älter war, habe ich mich nicht auf der Straße gelangweilt, sondern bin nach der Schule in die „Klinke“ gegangen. Diesen Jugendklub haben sie aber abgerissen. Dort steht heute ein futuristisches Klettergerüst, auf dem aber noch nie ein Kind gespielt hat. Das ist typisch. Die Politiker, die so etwas entscheiden, wissen gar nicht, was die Menschen wirklich brauchen.

Morgenpost Online: Was ist Marzahn in drei Worten?

Rilla: Plattenbau, Menschen und Veränderung.

Morgenpost Online: Das klingt doch im Gegensatz zu ihren Liedern sehr positiv?

Rilla: Ich betrachte das mit gemischten Gefühlen. Ich habe bis 2006 dort gelebt. Man kann Häuser sanieren, aber die Menschen, die darin wohnen bleiben die gleichen. Mit all ihren Sorgen und Problemen. Zu DDR-Zeiten stand Marzahn für Zukunft, heute eher für Verlierer.

Morgenpost Online: Was macht Marzahn so hässlich?

Rilla: Es herrscht eine große Perspektivlosigkeit und wenig Hoffnung. Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen, weil ihnen bei der Wende viel versprochen wurde. Das, was an den zerplatzten Träumen dranhängt, ist hässlich: Alkoholabhängigkeit, Drogenmissbrauch, Gewalttätigkeiten.

Morgenpost Online: Und was ist schön an Marzahn?

Rilla: Dort ist die Ost-Mentalität noch spürbar. Ossis gehen herzlicher und direkter miteinander um. Man achtet auf die Mitmenschen und die Umgebung. Da kommt Hausmeister Krause noch persönlich runter und zieht dem Bengel die Löffel lang, wenn er Graffiti an die Hauswand sprüht.

Morgenpost Online: Hat sich das Nachbarschaftsgefühl nicht verändert?

Rilla: Doch. Es ist anonymer geworden. Viele Menschen leben zurückgezogen nebeneinander her. Zu Ost-Zeiten war das anders, ein wirkliches Miteinander. Jeden vierten Samstag im Monat haben alle Bewohner die Grünflächen vorm Haus gepflegt. Auch ich habe als Kind wie der Teufel geharkt und gefegt, damit wir die „Goldene Hausnummer“ bekamen. Wir, also die Bewohner des Murtzaner Rings 12, haben die Auszeichnung dann auch eines Tages erhalten und waren stolz auf das gemeinsam Erreichte. Das gibt es so gar nicht mehr.

Morgenpost Online: Deshalb leben Sie heute nicht mehr in der Platte?

Rilla: Ich bin für meine Kinder an den Rand von Berlin gezogen. Ich habe vor drei Jahren gemerkt, dass das Leben in Marzahn meiner Tochter nicht gut tut. Meine Frau und ich träumten damals länger vom eigenen Häuschen im Grünen. Der Auslöser war dann ein Kita-Gruppenfoto meiner Tochter. Da standen lauter Jungen und Mädchen. Und niemand hat gelacht. Auch die Erzieherin blickte gestresst und leer in die Kamera. Kein Wunder, wenn die sich tagtäglich ganz allein um 30 Kinder gleichzeitig kümmern soll. Da haben wir dann schnell Nägel mit Köpfen gemacht und sind raus gezogen. Nach Neuenhagen.

Morgenpost Online: Sie wohnen jetzt also schick im Einfamilienhaus und geben in Ihren Songs aber weiterhin den einfachen „Mann aus der Platte“. Ist das nicht Verrat an Marzahn?

Rilla: Es gibt viele, die mir das vorwerfen. Aber ich finde, das ist trotzdem authentisch. Ich bin nach wie vor regelmäßig in Marzahn und besuche dort meine Freunde. Ich weiß, wie die Menschen da ticken. Aber ich habe jetzt eine Familie, und die lebt hier draußen nun mal besser. Mit meinen Songs mache ich aber auf diese Missstände aufmerksam, auf die Schattenseiten der Plattenbaubezirke. Auf Armut, Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst.

Morgenpost Online: Also ist das Leben im Plattenbau eine finanzielle Frage? Wer Geld hat, zieht weg?

Rilla: Klar. Allerdings haben sich die Wohnungsbaugesellschaften viel einfallen lassen, die Gegend ist attraktiver und sauberer geworden. Es gibt durchaus nicht nur Arbeitslose in Marzahn. Viele Menschen haben ihr Herz hier und wollen nicht weg. Ich verstehe auch die jungen Leute, die keine Lehrstelle finden und trotzdem nicht nach Süddeutschland oder in die Schweiz gehen wollen. Wenn man ’nem Bayer sagen würde „Geh’ doch nach Bitterfeld zum arbeiten“, würde der das auch nicht einfach so machen. Man ist doch mit der Heimat verwurzelt.

Morgenpost Online: Gibt es eine Stelle in Marzahn, an der sie dieses Zuhausesein besonders spüren?

Rilla: Im Akaziengrund in der Nähe des S-Bahnhofs Springpfuhl. Das ist ein kleines Wäldchen, in dem ich als Kind immer gespielt habe. Da stand auch eine Klubgaststätte, in der wir als Schüler unser Mittagessen bekommen haben. Und später bin ich dort zur Disco gegangen. Dieser Ort ist meine Inspirationsquelle.

Morgenpost Online: Sprechen Sie oft mit den Marzahnern?

Rilla: Ja, natürlich. Ich bin ein Beobachter. Ich sammle Geschichten aus dem Kiez und bringe sie in Reimform. Ich rappe über einen jungen Mann, der rund um die Uhr arbeiten geht. Für einen Hungerlohn. Doch er macht immer weiter, weil er dem Kind seiner Freundin ein besseres Leben bieten will. Und ich erzähle von einem Obdachlosen, der am Einkaufszentrum „Eastgate“ bettelt und Flaschen sammelt, während alle um ihn herum im Konsumrausch an ihm vorbeirennen. Das ist Marzahn.

Morgenpost Online: Tun solche Erlebnisse nicht weh?

Rilla: Ja. Es tut mir vor allem für meine Freunde leid, die da nach wie vor perspektivlos vor sich hin leben und irgendwann keine Träume mehr haben. Das finde ich sehr schade. Man muss den Mut zur Veränderung aufbringen.

Morgenpost Online: Was wünschen Sie „Ihrem“ Bezirk zum Geburtstag?

Rilla: Gute Besserung – und den Menschen Hoffnung und Arbeit.

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