Kriminalität

Berlin ist das Zentrum der Russen-Mafia in Europa

Man nennt sie Russen-Mafia. Und doch hat die Organisierte Kriminalität mit Tätern aus der früheren Sowjetunion wenig etwa mit der italienischen Cosa Nostra gemeinsam. Berlin gilt auf dem europäischen Kontinent als das Zentrum dieser krimineller Gruppen. Die Berliner Polizei ermittelt verschwiegen und mit Fingerspitzengefühl.

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Deutschlands Hauptstadt gilt der Polizei neben London und New York als ein Zentrum der russischen Organisierten Kriminalität im Westen. Erstmals gibt es nun Zahlen aus dem Landeskriminalamt, in welcher Größe man sich diese kriminellen Organisationen in Berlin vorzustellen hat.

„Im Jahr 2007 sind zehn Gruppierungen aus Staaten der früheren Sowjetunion mit insgesamt 95 Tatverdächtigen und im Vorjahr 14 derartige Gruppierungen mit 167 Tatverdächtigen ermittelt worden“, sagte der Leitende Kriminaldirektor Bernd Finger. Wobei es aber Überschneidungen geben könne, also Verdächtige, die in beiden Jahren aktiv gewesen seien.

Diese Gruppen würden gegenwärtig dominiert von Litauern, Russen, Ukrainern, Weißrussen und Aserbaidschanern. Unter den Mittätern befänden sich darüber hinaus Moldawier und Kirgisen. Clan-Chefs, die man als „Paten“ nach Vorbild der sizilianischen Mafia bezeichnen könnte, gibt es nach den Worten Fingers in Berlin nicht.

„Bei der internationalen Verschiebung hochwertiger Autos haben wir es zumeist mit Polen und Litauern zu tun. Die Abnehmer sind häufig in Russland zu finden“, sagte Finger. Er ist Chef der Abteilung Organisierte Kriminalität im Berliner Landeskriminalamt. Gesicherte Zahlen für 2008 gibt es noch nicht.

Laut Finger sind die kriminellen Gruppen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion auf nahezu allen Geschäftsfeldern der Organisierten Kriminalität aktiv. „2006 und 2007 lag der Schwerpunkt in Berlin eindeutig im Bereich der Eigentumskriminalität, und zwar bei Autoverschiebungen. Danach folgen Wirtschaftsstraftaten wie Kontoeröffnungsbetrug und Überweisungsbetrug, Warenkreditbetrug und andere Finanzierungsdelikte. Auch die Fälschung von Personaldokumenten und Euro-Banknoten sowie der Drogenhandel mit Marihuana und Ecstasy spielen ein Rolle.“

Welche Geldsummen auf dunklen Pfaden bewegt werden, ist für die Ermittler schwer zu greifen. „In den Komplexen der „russischen„ Organisierten Kriminalität für die Jahre 2006 und 2007 sind aus Opfersicht Schäden in Höhe von mehr als 13 Millionen Euro und aus Tätersicht Gewinne in Höhe von 3,6 Millionen Euro beziffert worden. Amtlich bestätigt sind diese Summen aber nicht.“

In Berichten über die Russenmafia ist oft von Geldwäsche die Rede. Gelder würden zwischen den Konten unzähliger Scheinfirmen so lange hin- und hergeschoben wird, bis die kriminelle Herkunft nicht mehr erkennbar ist und dann hier in legale Geschäfte oder Immobilien investiert. Finger glaubt eher, dass „gewaschene“ Gelder wieder die deutschen Grenzen passieren. „Da Finanzermittler bei den in Berlin festgestellten Bandenmitgliedern so gut wie nie Vermögen hier in der Stadt aufgespürt haben, ist davon auszugehen, dass die inkriminierten Gelder ins Ausland abgeflossen sind“, sagte der Leitende Kriminaldirektor.

Kriminologen sprechen mit Blick auf russische Banden nicht gern von Mafia, weil sich diese Organisationen stark von der italienischen Mafia unterscheiden. „Insbesondere italienische Gruppierungen neigen dazu, mitunter familiäre Bindungen, aber auch territoriale Interessen höher zu bewerten als den reinen kriminellen Geldprofit. Die russischen Tätergruppen operieren rein betriebswirtschaftlich, sie kalkulieren Gewinn und Verlust ausschließlich merkantil“, sagte Finger. „Osteuropäische organisierte Kriminelle regeln die Formen ihrer Zusammenarbeit nach Zweckmäßigkeiten, eben entlang der Frage, wer hat welchen Zugang zum Markt zu günstigsten Preisen und geringstem Entdeckungsrisiko.“

Auf die Frage nach den Rezepten, wie Gesetzeshüter solchen Verbrechern das Handwerk legen können, verwies Finger vor allem auf eine intensive Vorbeugungsarbeit. „Wie gut das funktioniert, hat die italienische Gemeinde hier in Berlin vorgelebt, mit denen uns eine spezielle Sicherheitsvereinbarung im Kampf gegen Straftaten der Mafia verbindet. Mit Hilfe dieses kriminalitätsabwehrenden, positiven Netzwerks ist es uns gelungen, zum Jahreswechsel 2007/2008 eine Serie von 55 Schutzgelderpressungen und Brandanschlägengegen italienische Gastronomiebetriebe zum Stillstand zu bringen. Die anderen Erfolgsrezepte wenden wir an, ohne sie bekannt zu geben.“

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