Brüchige Implantate

Kliniken verschwiegen Prothesenproblem - scharfe Kritik

Berliner Patienten sind bruchanfällige Prothesen eingesetzt worden – doch die Kliniken haben sie nicht über das Risiko informiert. Das sei ein Fehler gewesen, hält der Präsident der Berliner Ärztekammer den Kliniken nun vor. Auch Politiker üben scharfe Kritik.

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Berlins Ärztekammerpräsident Günther Jonitz hat den Berliner Kliniken, die ihre Patienten nicht über bruchanfällige Hüftprothesen informiert haben, Pflichtverletzung vorgeworfen. „Die Kliniken sind grundsätzlich verpflichtet, betroffene Patienten über bekannte Risiken zu informieren. Einfach nicht zu reagieren ist immer der falsche Weg“, sagte der Kammerpräsident Morgenpost Online.

In mehreren Berliner Krankenhäusern waren Hüftendoprothessen der Firmen Falcon Medical, ESKA Implants sowie B Braun Aesculap AG eingesetzt worden, die bruchanfällig waren und vom Markt genommen wurden. Bei einigen Berliner Patienten waren die Prothesen sogar zerbrochen. Die Betroffenen wurden nicht von den Kliniken über das Bruchrisiko informiert.

Der kommissarische Leiter der Abteilung für Unfallchirurgie und orthopädische Chirurgie im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus, Dietmar Sander, sagte gegenüber Morgenpost Online: „Das würde die Patienten nur verunsichern.“

"Bei jedem defektem Spielzeug werden die Leute informiert"

„Offensichtlich haben diese Kliniken noch nicht gelernt, dass ein offener Umgang mit den Patienten hilft, Risiken und Schäden zu vermeiden“, sagte Kammerpräsident Jonitz, der auch Vize-Vorsitzender des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS) ist.

Auch Landespolitiker verurteilen die Desinformationspolitik der Kliniken. Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Mario Czaja, kritisiert: „Bei jedem defektem Spielzeug werden die Leute informiert, aber bei bruchanfälligen Prothesen, die sich im Körper befinden, wird nichts gemacht.“ Der CDU-Politiker fordert im Sinne der Patientensicherheit: „Die Kliniken selbst müssen ein Prothesenregister erstellen und die Patienten sofort informieren, wenn die Implantate defekt sind.“

„Wenn bekannt ist, dass Prothesen gebrochen sind, dann gehören die Patienten sofort und unmittelbar informiert von den Kliniken“, meint auch der gesundheitspolitische Sprecher der Linkspartei, Wolfgang Albers. Die Kliniken hätten mit den Patienten schließlich auch Behandlungsverträge abgeschlossen. Die Verantwortung liege eindeutig bei den Ärzten. Die Prothesenhersteller wiederum seien verpflichtet, die Kliniken und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn zu informieren.

Zentrales Prothesenregister gefordert

Albers hält darüber hinaus ein zentrales Prothesenregister „für sinnvoll“. Auch Kammerpräsident Jonitz plädiert für ein Prothesenregister, weil dadurch „kollektives Lernen“ möglich sei. Alle Prothesen, die im Körper verbleiben, könnten so erfasst werden. Dazu zählen künstliche Hüft- und Kniegelenke, Sprunggelenk-, Ellenbogengelenk- und Fingergelenkprothesen. Risiken könnten schneller erkannt und beseitigt werden, so Jonitz. Enthalten müsse eine solche Dokumentation den Prothesentyp, Hersteller und Baureihe, Ort und Zeit der Operation, den Namen des Operateurs und des Patienten und den Grund für den Einbau.

Der Berliner Senat wollte im August 2007 bereits ein solches Register auf den Weg bringen. Nach Angaben von Jonitz scheitert die Einführung derzeit daran, weil nicht klar ist, wer auf Bundesebene für die medizinische und pflegerische Qualitätssicherung zuständig sein wird.

Der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Fraktion Kai Gersch fordert den Senat jetzt auf, Einfluss auf die Kliniken auszuüben und auf mehr Qualität in der Medizin zu achten.