Wissenschaft und Forschung

Berliner City West wird zum Hightech-Zentrum

In Charlottenburg soll in den kommenden Jahren ein neuer Technologie- und Gründerpark entstehen. Das Projekt rund um den Ernst-Reuter-Platz gilt als das wichtigste wirtschaftspolitische Vorhaben der Stadt. Schon ist von "Charlottenburg Valley" die Rede.

Foto: Krauthoefer / Krauthöfer

Noch wundern sich die Technologiepark-Manager aus Adlershof. Da platzt das Gründerzentrum der Technischen Universität aus allen Nähten, aber in der Nähe von Berlins größter Ingenieurs-Ausbildungsstelle gibt es nur Absagen, wenn ein neues Unternehmen ein paar Quadratmeter in der Nähe der alten Universität mieten möchte. Dabei stehen in den Hochhäusern rund um den Ernst-Reuter-Platz jede Menge Flächen leer.

Und direkt neben hochleistungsfähigen Instituten und Fakultäten, wo Gründer und kleine Technologiefirmen vom Kontakt mit den Wissenschaftlern profitieren könnten, gähnen noch immer die Brachen. In der City West rund um den Ernst-Reuter-Platz wird Berlins Potenzial, aus Wissen Arbeit zu schaffen, verschwendet.

Das soll sich nun ändern: Mit dem Projekt "nachhaltige Vitalisierung Charlottenburg" (Navi) haben sich Wirtschaftsförderer, Bezirksamt, Senatsverwaltungen und Hochschulmanager auf den Weg gemacht, den Campus rund um die TU und die Universität der Künste (UdK) zum "Charlottenburg Valley" auszubauen. Dabei geht es um "echte Wirtschaftsförderung", sagt Christoph Gengnagel, erster Vizepräsident der UdK. Berlin stehe mit dem Projekt eines Campus Charlottenburg vor einer "richtungsweisenden Weichenstellung." Wirtschaftswachstum soll mitten in der Stadt sichtbar werden, nicht nur in Randzonen wie Buch und Adlershof.

Adlershof als Wachstumsmotor der gesamten Region

Inzwischen ist auch in Berlin bekannt, wie erfolgreiche Zonen der Hightech- und Kreativwirtschaft aufgebaut und gemanagt werden müssen. Die Biotechnik gedeiht in Buch durch die Verbindung mit Kliniken der Charité und großen Forschungsinstituten. Und Berlins größter Technologiepark in Adlershof hat sich in den vergangenen 16 Jahren zu einem wichtigen Wachstumsmotor der gesamten Region entwickelt, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung festgestellt hat. Das gelang auch deswegen, weil die naturwissenschaftlichen Institute der Humboldt Universität an den südöstlichen Stadtrand gezogen sind. Und es gibt in diesen Zonen einen "Kümmerer", der die Akteure zusammenbringt, für einen leistungsstarken Branchen-Mix sorgt und mit gezielter PR die Erfolgsgeschichten der meist kleinen Unternehmen nach außen trägt.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) sind entschlossen, dem Modell Adlershof folgend auch anderswo Wachstumszonen zu schaffen – zu allererst in Charlottenburg.

"Natürlich ist die Lage in Charlottenburg anders als in Adlershof, aber man kann die Lektionen von dort übernehmen", sagt Hardy Schmitz, Chef der Wista, die den Technologiepark im Südwesten managt und die nun das auf zunächst zwei Jahre angelegte Navi-Projekt lenkt. Die Stimmung und die Motivation der vielen Beteiligten sei "wie in Adlershof 1993/94", erinnert sich Schmitz.

Regierungswechsel und politische Animositäten überlebt

Damals kamen der Berliner Senat und der Bezirk Köpenick mit Universitäten und Forschungsinstituten überein, den Ausbau des Technologieparks zum gemeinsamen Projekt zu machen, das dann auch Regierungswechsel, Wirtschaftskrisen und politische Animositäten überlebt hat. Heute blicken fast alle der mehr als 400 Hochtechnologie-Firmen auch dem Krisenjahr 2009 optimistisch entgegen. Aus dem Einsatz von 600 Millionen Euro öffentlicher Fördermittel hat sich ein wirtschaftliches Geflecht entwickelt, das nach regelmäßig zehnprozentigen Wachstumsraten inzwischen mehr als eine Milliarde Euro jährlich zu Berlins Bruttowertschöpfung beisteuert.

Vergangene Woche hat ein kleines Team um die Adlershof-Mitarbeiterin Katharina Rohn im Amerika-Haus an der Hardenbergstraße Quartier bezogen und mit den Vorarbeiten begonnen. Sie und ihre Kollegen aus der TU und der UdK sollen zunächst ermitteln, was sich in dem 450 Hektar großen Stadtgebiet zwischen dem markanten Rundbau des Fraunhofer Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik an der Spree und dem Savignyplatz mit seinen Designstudios und Computerfirmen eigentlich versteckt.

"Wir stellen räumliche Nähe her, sammeln Potenziale und definieren, wer mit wem etwas anfangen könnte", beschreibt Rohn ihre erste Aufgabe. Bisher weiß man von 30.000 Studenten, 6000 Wissenschaftlern, aber auch von fünf Theatern sowie jeweils mehr als 100 Gastronomiebetrieben und Läden. Charlottenburg-Wilmersdorfs Wirtschaftsstadtrat Marc Schulte (SPD), der für das Navi-Projekt eine Viertelmillion Euro EU-Mittel bereit stellte und so neben dem Senat das Vorhaben zu gleichen Teilen bezahlt, hat schon ziemlich konkrete Vorstellungen: "Ich wünsche mir, dass sich ein Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz nach und nach mit jungen Unternehmen füllt", sagte Schulte.

Gründerzentrum für die UdK angedacht

Ein solches Gründerzentrum braucht auch die UdK. Denn für Designer, Kommunikationstechniker und andere Kreative, die die Alma Mater verlassen, gibt es keinen Ort, an dem sie sich selbstständig machen können, ohne den Kontakt zur Uni abreißen zu lassen. Die TU hat zwar ein Gründungszentrum, aber das ist voll. Auf dem eigentlichen Uni-Gelände gibt es keinen Platz mehr, dafür stehen in der Nähe Gebäude leer, Grundstücke liegen brach.

Als ersten Schritt spricht der Leiter des Präsidialamtes, Thomas Kathöfer, vom Bau eines "größeren Innovationszentrums" an der Schleuseninsel im Schatten des geplanten Riesenrades. "Wenn die ersten Firmen angelockt sind, gibt es einen Schneeballeffekt", sagt der Hochschulmanager.

Wirtschaftliche Wachstumsimpulse sind für Hochschulen zu einem wichtigen Argument im Poker um öffentliche Finanzierung geworden. Erst vor einem Monat präsentierte die TU eine Studie, wonach durch sie mehr als 11.000 Jobs in Berlin gesichert werden.

Kreative sollen nicht in hippe Stadtviertel abwandern

Wichtiges Ziel des "Campus Charlottenburg" ist es auch, die Kunsthochschule UdK und die Techniker der TU zu vernetzen. "Es macht viel Sinn, unsere technologisch und ökonomisch geschulten Leute mit den kreativen Köpfen der UdK zusammenzubringen", sagt Kathöfer. "Solche Kontakte befördern die Bildung der creative industry", bestätigt UdK-Vizepräsident Gengnagel und nutzt den englischen Begriff, der seit einigen Jahren Berlins Wirtschaftspolitiker ebenso elektrisiert wie der Name Adlershof.

Denn Designer, Musiker, Filmemacher, Modeschöpfer, Künstler, Ausstellungsbauer stellen mittlerweile in Berlin mehr Jobs bereit als die gesamte verarbeitende Industrie. Damit die Kreativen nicht alle in die hippen Stadtviertel des Ostens abwandern, will ihnen der neue Campus Charlottenburg Räume und Kooperationsmöglichkeiten bieten.

Vor allem geht es aber um den Kontakt der Kreativen aus Technik und Gestaltung zur Wirtschaft. Vorbild könnte der "Design Reaktor" sein. Studenten des Produktdesigns trafen sich mit Mittelständlern in Workshops, um gemeinsam Ideen zu entwickeln oder Gestaltungsprobleme der Unternehmen zu lösen. Über 100 Konzepte wurden geboren, einige umgesetzt. "So ähnlich könnte man auch dauerhaft zusammenarbeiten"; sagt der UdK-Vize. "Aber dafür braucht es einen Ort".

Allerdings sind Investitionen erforderlich

Die Vorstellungen der Hochschulen machen deutlich, dass Berlin weit mehr Geld für den Campus Charlottenburg wird aufwenden müssen als die nun bewilligten 500.000 Euro für die erste Startphase. Aber auch in Adlershof baut die Wista weiterhin mit Steuergeld spezielle Labor-Gebäude.

Für wichtig hält Wista-Chef Schmitz neben der Kooperation der Immobilienwirtschaft, die kleinere Flächen anbieten müsse, auch ein neues Verständnis der Stadtplaner in den Behörden. Der Flächennutzungsplan für den künftigen Campus Charlottenburg sei "noch ein bisschen unentschieden". Die Macher der neuen Wachstumszone in der Innenstadt wollen wie in allen erfolgreichen Technologieparks auch qualitative Kriterien eingehalten sehen.

Brachflächen und Gebäude dürften eben nicht einfach meistbietend verkauft werden. Das nächste Autohaus helfe niemandem, wenn es in wenigen Jahren die Ansiedlung von modernster Hightech-Produktion in Laufweite zu den TU-Labors blockiere.

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