Prozess

Schönheitschirurg wird im Gerichtssaal verhaftet

Eine 50-jährige Frau starb 2006 in Berlin nach einer Schönheitsoperation. Nun steht der Arzt wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht. Ein weiterer Vorwurf kam am Mittwoch hinzu: Beeinflussung von Zeugen. Der Mann kam vom Gericht direkt ins Gefängnis.

Die Beeinflussung von Zeugen geschieht meist per Drohung. Der Schönheitschirurg Reinhard Sch. versuchte es subtiler und schickte einer ehemaligen Mitarbeiterin vor zwei Tagen einen Brief. Fein säuberlich hatte er dort die eventuellen Fragen des Gerichts und dazu auch gleich noch die von ihm erwarteten Antworten aufgelistet. Was er nicht erwartete: Die Arzthelferin Ulrike R. übergab diesen Brief dem Gericht. Es folgte eine kurze Beratung. Anschließend wurde Reinhard Sch. verkündet, dass er nach diesem ersten Verhandlungstag nicht wieder nach Hause fahren und stattdessen wegen akuter Verdunkelungsgefahr eine Zelle in der Justizvollzugsanstalt Moabit beziehen werde.

Die Anklage gegen Reinhard Sch. lautet Körperverletzung mit Todesfolge. Ihm wird vorgeworfen, bei der Betäubung einer Patientin keinen Anästhesisten hinzugezogen zu haben. Gegen alle Regeln der ärztlichen Kunst. Und die 50-jährige Anja S., sagte der Staatsanwalt, habe das mit dem Leben bezahlt.

Ihr Ehemann beschrieb sie vor Gericht als „kluge, starke Frau“, die sich auch von Rückschlägen nicht habe unterkriegen lassen. „Sie hat das Leben gemanagt, ich habe das Geld verdient“, sagt der Tontechniker. „Wir waren ein starkes Team.“

Zum ihrem 50. Geburtstag hatte sich Anja S. eine Schönheitsoperation geschenkt. Sie war unzufrieden mit ihrem Bauch und wollte ihn straffen lassen. „Ich habe ihr das ausreden wollen“, erinnert sich Jochen S. „Ich habe ihr gesagt: Das hast du nicht nötig, ich liebe dich auch so.“ Doch es war vergebens. Anja S. holte sich einen Termin in der Charlottenburger Praxis von Dr. Reinhard Sch. Die Kosten schienen moderat: 1800 Euro.

Kollaps während der Operation

Am 30. März 2006 wurde sie dort operiert, am 12. April 2006 starb sie. Die Operation dauerte knapp vier Stunden. Es wurde Fett abgesaugt und die Bauchdecke gestrafft. Plötzlich kollabierte die Patientin. Das Anästhesie-Überwachungsgerät sendete Notsignale. Die Anzeigen für EKG, Blutdruck und Sauerstoffgehalt gingen gen Null. „Wir waren wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen“, beschrieb die Krankenschwester Claudia Z. die Situation. Nur der Doktor sei ruhig geblieben. Er habe die Patientin mit einer Herzmassage reanimiert und ihr Sauerstoff zugeführt. Die Werte hätten dann auch wieder halbwegs gestimmt. Anja S. sei aber nicht ansprechbar gewesen und habe lediglich „mit den Augen gezuckt und den Mund bewegt“.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Anja S. von dem Schönheitschirurgen fest zugesagt worden sei, dass ein Anästhesist die Operation überwachen werde. Nur darum habe sie „am 22. März 2006 eine Einverständniserklärung zum schmerzaushaltenden Verfahren unterschrieben“. Als dann die Operation begann, habe sie unter dem Einfluss von Medikamenten das Fehlen des Anästhesisten offenbar nicht mehr registriert.

Hygienemaßnahmen sollen missachtet worden sein

Ein weiterer Vorwurf betrifft den Zeitraum zwischen dem Kreislauf-Zusammenbruch der Patientin und ihrer Überführung mit einem normalen Krankentransporter ins Wilmersdorfer Sankt Gertrauden-Krankenhaus. Dazwischen lagen sechseinhalb Stunden. Nach Meinung der Staatsanwaltschaft hätte nach der Reanimation jedoch sofort einen Rettungswagen alarmiert werden müssen, „um die intensivmedizinische Betreuung seiner Patientin umgehend sicherzustellen“.

Außerdem wird Reinhard Sch. vorgeworfen, am 21. März 2006 bei einer anderen Patientin am Fuß eine Operation durchgeführt zu haben, bei der er den Ermittlungen zufolge „in seinen Praxisräumen nicht die erforderlichen Hygienemaßnahmen durchgeführt“hatte. Deswegen habe sich die Wunde mit Keimen infiziert, „in der Folge mussten drei Zehen amputiert werden“.

Das alles wird nun bei dem bis ins Jahr 2009 hinein terminierten Prozess geklärt werden. Reinhard Sch.s Mitarbeiterinnen sind dabei wichtige Zeuginnen. Und es verrät vermutlich einiges über seine Situation, dass er ausgerechnet der Arzthelferin Ulrike R. den Brief mit Aussage-Anweisungen schickte. Hatte er dieser Frau doch zwei Jahre zuvor gekündigt, weil sie sich weigerte, für eine Mutter-Kind-Kur eine unbezahlte Freistellung zu beantragen. Sie wirkte sehr zufrieden, als sie den Brief ihres ehemaligen Chefs dem Gericht überreichte.