Tag des Ehrenamts

Berlinerinnen, für die Helfen einfach unbezahlbar ist

Das mach ich nie wieder, denkt Marieluise Linderer auf dem Rückflug von Sierra Leone, nach drei Wochen ehrenamtlicher Arbeit für die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". Sie war schon in Sri Lanka, Nigeria, im Kosovo und im Irak, aber noch kein Einsatz hat sie seelisch so belastet.

Die Anästhesistin und Ärztin für Allgemeinmedizin hatte ihre Praxis in Steglitz für ein paar Wochen geschlossen. Sie ging nach Sierra Leone, in ein Land, in dem es viel zu wenig Ärzte gibt, weil die Verletzungen ein ganzes Volk betreffen. Liberianische Rebellen griffen in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre mit äußerster Brutalität an. Es ging um Macht, um Land, vor allem aber um Diamanten. Für Sierra Leone bedeutete das 13 Jahre Krieg mit Tausenden Toten, Hunderttausenden Flüchtlingen. Zurück blieben 20 000 Amputierte, denn viele Menschen waren verstümmelt worden.

"Am ersten Tag in Sierra Leone hatte ich das Gefühl, das kann ich nicht aushalten. Vor allem die schwer verletzten Kinder: Man hatte versucht, ihnen ein Ohr, die Hand, oder die Nase abzuhacken."

Marieluise Linderer wusste früh, dass sie einmal in verschiedenen Ländern arbeiten will. Schon als Studentin ging sie nach Bolivien: In einem Krankenhaus freut sich der dortige Arzt über ihre Unterstützung - und reist kurz ins Nachbardorf. Er kommt tagelang nicht zurück, weil die einzige Straße durch einen starken Regen abgerutscht ist. Die Studentin ist plötzlich für ein ganzes Krankenhaus verantwortlich. "Ich fühlte mich völlig überfordert. Da habe ich mir vorgenommen, wenn ich nach Deutschland zurückkomme, dann lerne ich ganz, ganz viel."

Marieluise Linderer schließt ihr Studium ab, heiratet, bekommt drei Kinder. Als ihre jüngste Tochter 18 wird, lässt sie sich auf die Liste von "Ärzte ohne Grenzen" setzen. Schon bald landet sie im Kosovo - dorthin würde sie jederzeit wieder gehen. Sierra Leone hingegen lastet auf ihr. Sie denkt an ihre Töchter, wenn sie halb abgeschlagene Hände versorgen muss, an denen noch Nagellack glänzt. "Ich habe eine Familie von zwölf Leuten kennen gelernt, die zusammen noch zwei Hände hatten."

Mit diesen Gedanken fliegt sie nach Berlin zurück, über Paris, zur Zentrale von "Ärzte ohne Grenzen". "Die fragten mich, ob ich wieder rausgehen würde. Und während ich noch 'Nein!' dachte, hörte ich mich 'Ja!' sagen. Ich kann das gar nicht erklären, aber so war es".

Alarm am Kaffeetisch

Petra Jenning ist immer geimpft. Gegen alles, woran man sich in dieser Welt anstecken kann. Für einen Jahreslohn von einem Dollar fliegt sie los, wenn die Vereinten Nationen rufen. Sie gehört zum UN-Team zur Katastrophenbewältigung (UNDAC). Sie war beim Hochwasser in Bangladesh und Surinam und beim Tsunami in Indonesien. Man vermutet kaum, dass diese attraktive Frau in High Heels ihre persönlichen Bedürfnisse in Katastrophengebieten zurückschrauben kann.

Ihre Helferkarriere beginnt mit dem Umzug ihrer Eltern von Kreuzberg nach Reinickendorf. Aus ihrem Zimmer guckt die Schülerin Petra auf den interessanten Hof vom Technischen Hilfswerk (THW). Sie wird Mitglied und ist so erfolgreich, dass sie mit 27 Jahren die erste weibliche Zugführerin wird. Sie wird auch die erste deutsche Frau im UN-Expertenteam, das vor Ort eine schnelle Bewertung des Ausmaßes der Katastrophe vornimmt.

Von da an gibt es bei ihr zu Hause einen speziellen Kleiderschrank - je nachdem, ob ihr Einsatz in die Tropen oder kalte Regionen führt. Auch das Handgepäck ist immer reisefertig: Malaria-Tabletten, Pass, Desinfektionsmittel und genügend Dollar: Nicht jeder Anruf kommt, wenn die Banken noch offen haben. Wie Weihnachten 2004, beim Tsunami. "Da war ich überhaupt nicht auf Katastrophen eingestellt. Plötzlich kam der Alarm. Ich wurde direkt nach Banda Aceh geschickt, wo kein Stein mehr auf dem anderen lag. Unsere Hauptaufgabe war es, eine Struktur in das Chaos reinzubringen."

Meist sind die Leute vom THW die ersten internationalen Helfer, nach einheimischen Ärzten und Krankenschwestern. "Und wir schauen dann, wie der Bedarf an Feldkrankenhäusern ist, wie viel Ärzte, Zelte und Lebensmittel benötigt werden." Auf der Ebene von Petra Jenning wird die Logistik vorbereitet. "Wenn ich aber an den Tsunami in Indonesien denke, da ging erst Wochen alles schief. Erst gab es immer wieder Nachbeben. Unser Equipment kam nicht an." Sie sieht die Menschen vor den Vermisstenlisten. Sie sieht die Leichen. "Das war erschreckend", sagt sie. "Man stand davor und wusste, soviel Hilfe, wie hier gebraucht wird, können wir nicht geben."

Wenn der Einsatz abgeschlossen ist, dann redet sie viel mit ihren Freunden und der Familie. In ihrem Alltag ist sie Teamleiterin bei der Telekom. Die Arbeit macht ihr Spaß. Sie geht gern tanzen und trifft sich mit Freundinnen. Wann sie wieder angerufen wird, weiß sie nicht. Aber geimpft ist sie ja.

'Penny Lane' als Anziehhilfe

Julia Unger fliegt nach Toronto. Während ihre Freunde an deutsche Universitäten gehen, entscheidet sich die Neunzehnjährige nach dem Abitur, für ein soziales Jahr nach Kanada zu gehen. Es werden eineinhalb Jahre, in denen sie in einem Wohnkomplex für behinderte Menschen arbeitet. "L'Arche" heißt diese internationale Hilfsorganisation: Man verdient hier kein Geld, aber man muss auch nichts dazu zahlen. "Mir ist wichtig, in einer einheimischen Gemeinschaft aufgenommen zu werden, um in der fremden Kultur nicht allein dazustehen." In ihrem Wohnprojekt werden körperlich und geistig behinderte Menschen betreut. Rund um die Uhr. Die Assistenten wohnen im selben Haus. Die ersten Tage waren hart. Die Behinderungen der Bewohner sind zum Teil schlimmer als erwartet: Muskelkrämpfe, Lähmungen, Blindheit oder Lethargie, andere sind aggressiv und sitzen schreiend im Rollstuhl. Julia hatte noch nie so viele Behinderte gesehen. In der ersten Nacht konnte sie kaum schlafen. "Die Frau im Zimmer über mir schrie die ganze Zeit." Aber am Morgen geht sie zur Arbeit. Sie bleibt. "Das ist das Verdienst der behinderten Menschen, mit denen ich gelebt habe. Nach einem Monat fangen sie an, einen zu verzaubern. Sie nehmen dich so, wie du bist, du musst dich nicht verstellen. Sie sind schon dankbar, dass du da bist." Natürlich kommt sie auch an ihre Grenzen. Aber da helfen die Treffen mit den anderen Assistenten. Man hört einander zu, tröstet sich und teilt das Heimweh. Oft fließen Tränen. "Wenn ich das alles vorher gewusst hätte, hätte ich mir das nicht zugetraut." Julia lernt im Laufe der Zeit die behinderten Menschen näher kennen. Andrew kommt sie besonders nahe. "Er ist 35, ganz still und ganz groß. Er hatte alles vergessen: wie man isst, wie man sich anzieht, sich die Zähne putzt, alles. Aber seine Eltern hatten wohl viel "Beatles"-Musik gehört. Sie hat mit Andrew alle Platten gehört. "Und dann haben wir die Musik für alles benutzt: 'Help' wurde zum Zahnputz-Rhythmus, 'Penny Lane' unsere Anziehmusik. Erfahrene Assistenten haben mir gesagt, dass noch keiner so nah an Andrew rangekommen ist."

Julia Unger ist zurück in Berlin und studiert Medizin.

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