Jugendkriminalität

Richterin Heisig hat keine Lust, Kinder einzusperren

Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig findet die hohe Zahl jugendlicher Intensivtäter mit Migrationshintergrund alarmierend. Deshalb wendet sich die Juristin jetzt direkt an arabische und türkische Eltern. Sie sollen sich für die Erziehung ihrer Kinder engagieren – bevor sie auf die schiefe Bahn geraten.

Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig will die Integrationspolitik Berlins mit Abschreckung voranbringen: Die Eltern von türkischen und arabischen Jugendlichen sollen direkt von der Juristin angehalten werden, mehr für die Bildung ihrer Kinder zu tun und stärker mitzuhelfen, dass vor allem ihre Söhne nicht auf die schiefe Bahn geraten.

Sie werde deutliche Worte finden, kündigte Heisig vor der ersten Informationsveranstaltung für türkische Eltern am heutigen Mittwoch im Rathaus Neukölln an. „Ich bin die, die eure Kinder einsperrt, aber das macht mir keinen Spaß. Wir müssen zu anderen Konzepten kommen“ – so stellt sich die für Nord-Neukölln zuständige Richterin ihre Eingangssätze vor. Sie stehe am Ende der Kette, müsse dann tätig werden, wenn es eigentlich zu spät sei und die kriminellen Karrieren bereits weit fortgeschritten seien.

Migrantenvereine ziehen mit

Um an die Eltern heranzukommen, hat sich die Richterin an zwei gut vernetzte Organisationen aus der Migranten-Community gewandt. Das Türkisch-Deutsche Zentrum (TDZ), nach eigenen Angaben der von den Einzelmitgliedern her größte türkische Verein der Stadt und in der Integrationspolitik in Neukölln als Partner bewährt, soll die türkischen Eltern ins Rathaus bringen. Und die Deutsch-Arabische Unabhängige Gemeinde (DAUG) hat zugesagt, vor allem libanesische und palästinensische Familien anzusprechen.

Die DAUG arbeitet seit 2006 ehrenamtlich in der Gewaltprävention im Kiez und wurde 2007 mit dem Integrationspreis ausgezeichnet. „Sie haben mir zugesagt, dass sie an die problematischen Personen herankommen“, sagt Richterin Heisig. Der Info-Abend mit den arabischen Eltern ist für den 1. Dezember terminiert. „Die Eltern können sich nicht hinsetzen und nichts machen“, formuliert sie ihre Erwartung.

Die Vertreter der Vereine hätten sofort eingesehen, dass die Migranten-Community gefordert sei, um kriminelle Karrieren gerade ihrer Jungen zu verhindern. Für ihr Ansinnen, die Familien direkt anzusprechen und damit explizit deutlich zu machen, dass es dort ein Kriminalitätsproblem gebe, hatte sie von den Migranten eigentlich Kritik erwartet. Aber die kam nicht, im Gegenteil. Die Vereine waren sofort zur Kooperation bereit.

„Eine Richterin hat mehr Autorität als ein Sozialarbeiter, die Justiz hat mehr Gewicht“, sagt Mustafa Akcay, stellvertretender Vorsitzender des TDZ. Den Eltern müsse klar gemacht werden, was ihren Kindern drohe, wenn sie Straftaten begehen. Unter türkischen und arabischen Jugendlichen gebe es ein „großes Bildungs- und Beschäftigungsproblem“, sagt Akcay. Die hohe Zahl von Intensivtätern mit türkischem und arabischem Hintergrund sei „schon alarmierend“. Das Gute an Heisigs Initiative sei, dass sie auch Hilfe anbiete und den Eltern sage, welche Bildungseinrichtungen und sozialen Angebote ihnen weiterhelfen können.

So will die Richterin für den frühen Kita-Besuch werben, sie will drängen, dass die Mädchen nicht von Bildungseinrichtungen ferngehalten werden. Es sei nicht relevant, ob sie selbst Bildung erfahren hätten, will Heisig den Eltern sagen, aber dennoch sei Bildung die Voraussetzung für die Zukunft ihrer Kinder. "Es geht um die Kinder dieser Stadt“, fasst die Richterin ihre Motivation zusammen.

Geringe Identifikation mit Deutschland

Dass sich diese nur zu einer Minderheit mit Deutschland identifizieren, belegt die jüngste Studie über die Integration der zweiten Einwanderergeneration (TIES). Demnach identifizieren sich 45 Prozent der befragten Berliner Türken stark mit Deutschland, 36,8 Prozent beschrieben ihr Verhältnis als neutral, 15,8 Prozent bewerteten ihre Bindung zu Deutschland als schwach, 2 Prozent verspürten keine Identifikation. Auch die Loyalitäten zu Berlin als Stadt sind kaum stärker.

Jeder vierte Befragte türkischer Herkunft beschreibt das Verhältnis zwischen Türken und Deutschen in der Stadt als unfreundlich oder eher unfreundlich. In der vergleichbaren deutschstämmigen Bevölkerung liegt der Wert etwas niedriger. Jeder vierte junge Türke in der Stadt gibt auch an, aufgrund seiner Herkunft häufig oder gelegentlich diskriminiert worden zu sein.