Religionsunterricht

Weihnachten ist für Pro Reli die letzte Chance

Die Initiative Pro Reli kämpft zu Weihnachten härter denn je für das Wahlpflichtfach Religion. Sie benötigt noch Zehntausende Unterschriften. Heiligabend soll daher in den Kirchen nicht nur der Klingelbeutel rumgehen.

Den Initiatoren des Volksbegehrens Pro Reli läuft die Zeit davon, und so spitzt sich in diesen Tagen auch der Ton zwischen Gegnern und Befürwortern zu. Während die Verfechter des gemeinsamen Ethikunterrichts schon jetzt das Volksbegehren für gescheitert erklären wollen, erheben die Initiatoren der Abstimmung schwere Vorwürfe gegenüber Landeswahlleiter und Behörden.

Zweifel am möglichen Erfolg des Volksbegehrens kamen auf, nachdem der Landeswahlleiter in dieser Woche bisher 30.000 gültige Unterschriften für das Volksbegehren angab. Dem widersprach Pro Reli heftig. Beim Landeswahlleiter seien nur die Unterschriften abgegeben worden, die im ersten Monat gesammelt wurden. Tatsächlich lägen inzwischen mehr als 70.000 Unterschriften vor.

Doch auch diese Zwischensumme ist nicht gerade ein Grund zur Euphorie, schließlich müssen bis zum 21. Januar mindestens 170.000 gültige Unterschriften vorhanden sein, damit der Volksentscheid wie geplant im Juni stattfinden kann. Die Hälfte der dafür vorgesehenen Vier-Monate-Frist ist aber schon abgelaufen. Zum Vergleich: Das zustande gekommene Volksbegehren zum Flughafen Tempelhof hatte nach zwei Monaten schon 120.000 Unterschriften.

Dabei waren die Initiatoren von Pro Reli zuversichtlich, dass sie leichtes Spiel haben würden. Immerhin gibt es in Berlin 1,4 Millionen Christen. Das allein ist schon ein großes Potenzial. Immerhin hatte sich sogar Papst Benedikt XVI. für das Volksbegehren in Berlin ausgesprochen. Und im Unterschied zu Tempelhof darf das Bündnis nach einer Gesetzesänderung nun auch auf öffentlichem Straßenland und in den Gemeinden frei sammeln, nicht mehr allein nur in den Bürgerämtern.

Kritik an Behörden

Für das vergleichsweise magere bisherige Ergebnis macht das Aktionsbündnis unter anderem eine nach ihrer Ansicht massive Behinderung durch die Verwaltung verantwortlich. So sind etwa viele im Bezirk Tempelhof-Schöneberg beantragte Stände für die Sammlung erst am Donnerstag genehmigt worden. Außerdem habe der Streik im öffentlichen Dienst die Unterschriftenabgabe behindert. An den Listen in den Bürgerämtern habe es teilweise Wartezeiten bis zu 30 Minuten gegeben.

Sehr viele Unterschriften-Listen seien aber auch noch gar nicht gezählt worden, sagt Christoph Lehmann, Vorsitzender der Initiative. Es gebe mehr als 1000 freiwillige Helfer, die ihre Listen mit sich herumtrügen. Auch viele Einzelhandelsläden würden Listen auslegen. „Möglicherweise liegt die Zahl der geleisteten Unterschriften schon bei 90.000“, sagt Lehmann.

Jede Chance zum Sammeln wird genutzt

In den kommenden Tagen will Pro Reli noch einmal alle Kräfte mobilisieren. „Wir setzen vor allem auf die Weihnachtszeit“, sagt Lehmann. Nächste Woche wird ein neues Plakatmotiv vorgestellt. Am Freitag wurde ein Stand zum Freitagsgebet vor der Sehitlik Moschee in Neukölln aufgebaut. Schließlich würden auch die muslimischen Gemeinden von einem Wahlpflichtfach Religion profitieren. Am Sonnabend hat Bischof Wolfgang Huber persönlich am Hohenzollernplatz an einem Stand um Unterschriften geworben. Es gehe darum, dass Christen in dieser Stadt aus ihrem Ja zur Kirche auch ein Ja zu diesem Volksbegehren folgen lassen, appellierte er bereits Mitte November auf der Landessynode der evangelischen Kirche. Um auch die letzten passiven Protestanten aufzurütteln, scheut er nicht davor zurück, persönlich Passanten auf der Straße anzusprechen. Auch die Weihnachtsmärkte werden, sofern die Genehmigungen erteilt wurden, zur Sammlung genutzt. Höhepunkt der Sammelaktion sollen die Weihnachtsgottesdienste sein.

Einen großen Schub erhofft sich die Initiative auch von der Briefaktion der evangelischen und katholischen Kirche. Mitte Dezember sollen an alle Gemeindemitglieder Briefe von Bischof Huber und Kardinal Sterzinsky mit einem beigelegten Unterschriftenblatt verschickt werden. Die ausgefüllten Bögen können dann portofrei an die Kirche zurückgeschickt werden.

Widerstand des Humanistischen Verbands

Es ist nicht die erste Briefaktion der Kirchen. Die letzte hatte allerdings für Unmut bei der Senatsschulverwaltung gesorgt. Die Religionslehrer hatten ihren Schülern verschlossene Briefe für die Eltern mit einem Unterschriftenbogen mitgegeben. Das verletze die Neutralität der Schule, so die Verwaltung. Allerdings nutzt auch der Humanistische Verband den Unterricht, um die Schüler gegen das Wahlpflichtfach Religion einzunehmen. Entsprechende Handzettel kursieren an den Schulen. Denn die Arbeitsplätze der Lebenskunde-Lehrer vom Humanistischen Verband wären in Gefahr, wenn der Gesetzesentwurf von Pro Reli beim Volksentscheid angenommen werden würde. Der Entwurf sieht vor, dass die Wahlpflichtfächer Ethik oder Religion schon in der Grundschule verpflichtend sind. Das ordentliche Wahl-Fach Ethik müsste dann von ausgebildeten Lehrern des Landes unterrichtet werden.

Der Senat hatte 2006 das Pflichtfach Ethik an den Oberschulen eingeführt. Der Religionsunterricht kann zusätzlich und freiwillig von den Schülern belegt werden. Die Kirchen befürchten, dass viele Oberschüler angesichts der ohnehin großen Stundenbelastung eine freiwillige Religionsstunde eher abwählen. Deshalb soll Ethik für die Religionsschüler wegfallen.

Der Senat dagegen argumentiert, dass die Werteerziehung der Schüler gemeinsam erfolgen soll, nicht nach Religionen getrennt. Nach Angaben der Kirchen ist die Zahl der Teilnehmer am freiwilligen Religionsunterricht seit 2006 gesunken. In den Jahrgangsstufen sieben und acht sank die Zahl um 18 Prozent.

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