Serie "Das ist Berlin"

Im Kiez der oberen Zehntausend

Auf den Klingelschildern stehen oft nur Initiale. Wer in Grunewald wohnt, der lebt eben lieber diskret. Und neue russische Nachbarn werden von Alteingesessenen argwöhnisch beäugt. Doch die sind meist gar nicht so schlimm wie das Vorurteil.

In Grunewald wohnt, wer es sich leisten kann und wem Wannsee oder Nikolassee zu weit draußen sind. In den prächtig restaurierten Villen aus der Gründerzeit der Kolonie um 1900 und den neu erbauten Stadtvillen leben Unternehmer, Rechtsanwälte, Chefärzte und sonst wie wirtschaftlich erfolgreiche oder von Hause aus begüterte Menschen. Viele der rund zehntausend Einwohner des Ortsteils von Charlottenburg-Wilmersdorf kann man getrost zu den „oberen Zehntausend“ Berlins zählen – und das seit Bismarcks Zeiten.

Mit der Dampfstraßenbahn nach Halensee

Der eiserne Kanzler kam 1873 auf die Idee, den Reiter- und Spazierweg Kurfürstendamm nach dem Vorbild der Pariser Champs-Elysées zu einem großen Boulevard auszubauen. Doch kein Investor hatte Interesse am Ausbau einer Straße, die in den Wald führte – bis Bismarck dafür sorgte, dass der preußische Fiskus 243 Hektar des Grunewalds an ein Bankenkonsortium verkaufte, das als Gegengeschäft den Ausbau des Kurfürstendamms finanzierte.

1886 wurde die neue Prachtstraße mit der Fahrt der ersten Dampfstraßenbahn vom Bahnhof Zoo nach Halensee eröffnet. Das daran anschließende Waldgelände wurde so zügig gerodet, dass die Berliner spöttisch sangen „Im Grunewald ist Holzauktion“. Um das sumpfige Gebiet trockenzulegen – und wertvolle Seegrundstücke zu schaffen – entstanden die künstlichen Gewässer Dianasee, Koenigssee, Herthasee und Hundekehlesee.

1889 wurde die Villenkolonie Grunewald gegründet. Noch im selben Jahr bot die Kurfürstendamm-Gesellschaft die ersten Bauparzellen an, kaum unter 1200 Quadratmeter groß, die nur zu 30 Prozent bebaut werden durften. Ansiedeln konnten sich also nur sehr wohlhabende Bürger, und eigentlich ist das bis heute so geblieben. In Grunewald residieren Versandhausgründer Werner Otto, Alba-Vorstand Axel Schweitzer und Musik-Produzent Jack White. Hier wohnten die deutschen Nationalkicker während der Fußball-WM 2006. Und selbst Ex-Außenminister Joschka Fischer zog mit Ehefrau Nummer fünf von Mitte in eine restaurierte Villa in Grunewald – fernab von lästigen Paparazzi und neugierigen Nachbarn.

Große Gärten und alte Bäume sorgen für die gute Luft und im Hochsommer für angenehme Temperaturen. In den schmalen kopfsteingepflasterten Straßen stehen meist keine Namen auf den Messing-Klingelschildern, sondern nur Initiale. Wo gefeiert wird, erkennt man weniger am Lärm als an den Catering-Lieferwagen des Interconti oder des Hotels Palace in der Einfahrt. Nur etwas stört seit einiger Zeit die Ruhe: die neuen Nachbarn aus Russland. Jede sechste Villa gehöre schon „den Russen“, heißt es in der Schlange bei „Butter Lindner“ am Roseneck. Ein diffuses, leicht irrationales Unbehagen hat die Alteingesessenen erfasst – wirklich erklären können es die Stammgäste im Floh, der urigen Kneipe am S-Bahnhof Grunewald, aber auch nicht.

Frühstück mit Champagner und Kaviar

Immobilienmakler nennen keine konkreten Zahlen, bestätigen aber eine seit Jahren zunehmende Zahl osteuropäischer Käufer. Kein Wunder: „Für erfolgreiche russische Geschäftsleute ist eine Anderthalb- bis Zwei-Millionen-Villa in Grunewald ein Schnäppchen“, sagt Svetlana Lekach, Verlegerin einer russischen Wochenzeitung in Deutschland. „Russen ziehen immer dahin, wo es am schönsten ist. Das spricht sich herum, und wir lieben große Häuser“, sagt Frau Lekach, die fließend Deutsch spricht und seit Jahren in Grunewald wohnt. „Die Menschen waren anfangs sehr misstrauisch, wollten dauernd wissen, ob ich zur Mafia Kontakt habe“, sagt sie. Mittlerweile habe sie ein gutes Verhältnis zu den deutschen Nachbarn. Vor allem, nachdem sie besonders Neugierige zu russischem Frühstück mit Champagner und Kaviar eingeladen hat.

„Die Russen“ haben eben Geld, heißt es bei den Immobilien-Verkäufern, die Häuser können gar nicht luxuriös genug sein. Nun hatte man in der „Millionärskolonie“, wie es um die vorige Jahrhundertwende hieß, noch nie etwas gegen Geld und findet Armut überhaupt nicht sexy. Doch manch alter Grunewalder hat wenig Verständnis für Furcht einflößende Bodyguards vor der Haustür. Man bleibt lieber diskret, genießt und pflegt den Garten (oder lässt ihn pflegen) und spaziert mit dem Hund im angrenzenden Forst. Der ist Freilaufgebiet mit eigener Badestelle am See – auch Hunde haben hier ein schönes Leben.

Berlins Mitte ist weit weg

Zum Einkaufen gibt es das Roseneck, das entlang dem Hohenzollerndamm eigentlich bereits zu Schmargendorf gehört, aber vom Fleischer Lindow bis zum Gemüsehändler Elias, von der Douglas-Parfümeriefiliale bis zur Dependance von Udo Walz alles bietet, was der Grunewalder zum Leben so braucht – zu entsprechenden Preisen. Ansonsten fährt man eben schnell ins KaDeWe.

Mitten im Grünen und doch in fünf Minuten in der City, besser geht’s nicht. Womit natürlich die City West gemeint ist. Berlins Mitte ist weit weg, lockt eher die Söhne und Töchter aus Grunewald, die sich im Felix und rund um die Hackeschen Höfe amüsieren, aber immer wieder gern ins bequeme Hotel Mama im Grünen zurückkehren.

„Die Nachbarschaft hier ist sehr in Ordnung. Man kennt sich. Wenn einer verreist ist, wird auf das Haus aufgepasst und der Garten mitversorgt“, erzählt Sabine Scholz, die mit Mann und zwei erwachsenen Töchtern seit fast 30 Jahren in der Nähe vom Hagenplatz wohnt.

In sehr guter Nachbarschaft lebt man auch am Hundekehlesee. Zwischen den Seegrundstücken gibt es keine Zäune. „Das haben wir auch im Grundbuch so eintragen lassen. Es ist wie ein großer Garten“, sagt Heiner Pietzsch. Er und seine Frau Ulla sind leidenschaftliche Kunstsammler und haben ihr Haus vor 25 Jahren für ihre Gemälde-Sammlung bauen lassen.

Die Straße, in der auch Modemacherin Sandra Pabst wohnt, ist vielleicht die sauberste Berlins. Die Anlieger haben mit der Stadt ein Abkommen getroffen und zahlen die Straßenreinigung selbst. Und wenn nun Russen einziehen? „Also Angst vor den Russen hatte ich eher bis 1989“, sagt Heiner Pietzsch. „Wenn sie jetzt mit Geld kommen, ist das doch gut für die Stadt.“

In Grunewald ärgerte man sich übrigens schon vor einhundert Jahren über zugereiste Krösusse – das waren damals die „Millionärsbauern“ aus Schöneberg.

>>> Nächste Folge der Serie "Das ist Berlin": Hermsdorf/Waidmannslust